Feb 032012
 

Ein Gastbeitrag von Dirk von Gehlen, Redaktionsleiter von jetzt.de, der jungen Website der  Süddeutschen Zeitung.

Jurys von Online-Journalistenpreisen haben überall in Deutschland ein Problem. Sie sollen herausragenden Netz-Journalismus auszeichnen, finden aber oft vor allem Publikationen, die auch auf den so genannten klassischen Kanälen veröffentlicht worden sein könnten: Besondere Bilder oder großartige Texte machen allein noch keinen auszeichnungswürdigen Online-Journalismus. Denn das Netz als Lebensraum vieler Menschen verlangt auch ein neues journalistisches Denken. Dieses baut auf den klassischen Werten des Qualitätsjournalismus auf, dreht sie aber weiter.

Das Netz ist kein Medium, es ist ein Dialog-Raum. Es demokratisiert den Beruf des Journalisten und zwingt diese in die Kommunikation mit ihrem Publikum. So wird aus dem statischen Produkt, das Offline-Preise auszeichnet (Text, Film, Bild), ein verflüssigter Prozess, dessen Anfang und Ende nicht immer eindeutig definierbar ist. Ich glaube dem muss ein gegenwärtiger Online-Preis Rechnung tragen. Er sollte die Möglichkeit bieten, einen kontinuierlich und in hoher Qualität befüllten Twitter-Account auszuzeichnen oder einen besonderen Leserkommentar. Er sollte Offenheit für dialogische Live-Formate bieten und für kollaborative Projekte, in denen Leser und Produzenten eines Mediums gemeinsam Neues schaffen.

Der Grimme Online Award bietet all diese Möglichkeiten. Zumindest theoretisch. Aus dieser Theorie eine gelebte Praxis zu machen, ist die Herausforderung, vor der Sie als Leser bis zum 15. März stehen: Zwingen Sie die Nominierungskommission dazu, über die klassischen Kategorien hinaus zu denken, in dem Sie ihr engagierte Kommentatoren aus den Diskussionsforen des Netzes ebenso vorschlagen wie qualitätsvolles Community-Management. Überlegen Sie, ob Ihnen ein Twitter-Nutzer im vergangenen Jahr direkten Live-Journalismus geliefert hat, der Ihnen auszeichnungswürdig erscheint. Welcher Online-Journalist oder Blogger hat sie im vergangenen Jahr nicht mit einem singulären Text, sondern mit seiner beständigen Berichterstattung beeindruckt? Wessen Video-Kolumne oder Podcast ist zum Bestandteil ihres Informations-Alltags geworden? Welche Facebook-Kommentare bringen sie regelmäßig (vielleicht während Sie Fernsehen schauen) zum Lachen?

Schlagen Sie all das vor, denken Sie Journalismus im Netz mehr als kontinuierlichen Prozess denn als fertiges Produkt und schaffen Sie der Nominierungskommission des Grimme Online Award ein ganz eigenes Problem: zu viele gute Vorschläge!

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