Jun 142012
 

Heute eine weitere Folge unserer Interviews mit den Nominierten des Grimme Online Award 2012. Diesmal mit Nick Reimer, der das Angebot klimaretter.info vorstellt, das in der Kategorie Information nominiert ist.

Was ist die Idee hinter Ihrem Online-Angebot?
Das Problem der Erderwärmung, die Endlichkeit der Energieressourcen und die dadurch notwendig werdende Transformation der Energieversorgung sind die größten Zukunftsaufgaben der Menschheit. Es geht um eine industrielle Revolution und jede Revolution braucht ein Medium, um sich zu artikulieren, um den Weg zu debattieren und den Fortschritt zu bewerten.

Screenshot: www.klimaretter.info

Screenshot: www.klimaretter.info

klimaretter.info versucht Sprachrohr diese Revolution zu sein. Tageszeitungen oder deren Online-Auftritte können kaum ein solches Sprachrohr sein, zu speziell sind die Themen, als dass sie etwa in der taz oder der Süddeutschen Zeitung im Interesse einer allgemeinen Leserschaft vertieft werden könnten. Eine eingehende Bilanz der 30 Merkelschen Meseberg-Gesetze – pro Artikel 500 Druckzeilen und damit weit über eine Zeitungsseite lang – wird man dort genauso wenig finden können, wie eine Debatten-Serie über das „Zwei-Grad-Ziel“ der internationalen Klimadiplomatie, ein Dossier über den Agro-Treibstoff E10 oder eine Analyse der Gesetze der Energiewende aus dem Jahr 2011. Man wird sie nicht finden, einfach weil es in den Tageszeitungen weder die fachkompetenten Autoren noch die Lesererwartung an eine solche Thementiefe gibt.
Die beinahe unendlich große Möglichkeit des Verzweigens im Online-Journalismus, die Möglichkeit des Verlinkens, schafft eine enorme Nutzungsbreite für die Leser. Wer um die Bedeutung des Europäischen Emissionshandelssystems EETS weiß, muss nicht den Lexikon-Eintrag anklicken, der hinter dem Begriff im Artikel unterlegt ist. Wer es nicht weiß (oder nicht genau),  kann aber noch einmal den Umweg über die Basisdaten nehmen. Agro-Treibstoff-Experten, die nicht mit Geothermie vertraut sind, können so in die Materie der Erdwärme-Spezialisten eintauchen, Fachleute der Wärmedämmung sich mit den Klimawirkungen der menschlichen Mobilität befassen. Falls sie es denn wollen.
Durch das Verweisen auf Originalquellen oder auf ältere Texte im eigenen Archiv, durch das Verlinken zu Lexika-Einträgen, juristischen Rechtskommentaren, Tabellen, Statistiken, Gesetzestexten, Parlamentsanfragen und deren Antworten wird dem Leser die Möglichkeit eingeräumt, enorm tief in die Materie eindringen zu können – und sich gegebenenfalls selbst auf Recherchetour zu begeben. Im Mai 2012 hatte die Redaktion nach fünf Jahren über 11.000 Texte zum Thema produziert. Ein Angebot, das von 12.000 Menschen täglich abgefragt wurde.

Nick Reimer (l); Foto: Jens Becker

Nick Reimer (l); Foto: Jens Becker

Was macht die Qualität Ihres Angebots aus?
Für klimaretter.info arbeiten viele politische Journalisten, die zu den besten ihres Fachs gehören. Sie analysieren tagesaktuell die wirtschaftliche und politische Bühne, präsentieren jene Nachrichten und Hintergründe, die wirklich wichtig sind für das Thema. Daneben werden Kommentare und Debatten angeboten, es gibt ein Lexikon, Dossiers, Blogs von unabhängigen Bloggern, einen Stellenmarkt und – beispielsweise mit den Kolumnen oder dem “klimaretter-Beichtstuhl” – einige “bunten” Elemente. Eine Besonderheit der Redaktion ist, dass sie Aktionen zum Mitmachen empfiehlt: beispielsweise Petitionen an den Bundestag, Online-Unterschriften-Kampagnen oder besonders wichtige Aktionswochen von Umweltverbänden. Und es gibt unter der Rubrik “Aktiv werden” Lebensberatung: Die ersten zehn Schritte zum Klimaretter – was jeder sofort für mehr Klimaschutz tun kann.
Natürlich gibt es viele Spezialportale wie solar.de oder energie.de, die von exzellenten Fachleuten bespielt werden. Welcher Wechselrichter ist der Beste? Wie muss das Beobachtungssystem funktionieren, um Landnutzungsänderungen hinreichend in die Lizenzierung der Biomasse einbeziehen zu können? Diese Spezialmagazine sind für die Fachdebatte unerlässlich. klimaretter.info hingegen bespielt die Ebene darüber: Es geht um die politische Beobachtung der Klima- und Energiewende. Komplexe Fachthemen so zu übersetzen, dass dem Leser die persönliche Relevanz nahe gebracht wird, dass der Leser in die Lage einer persönlichen Entscheidung versetzt wird, das ist erklärtes Ziel der 19 Journalisten, die für klimaretter.info arbeiten. Diese Übersetzungsleistung soll der Gesellschaft als Kompass auf dem Weg der Herkulesaufgabe dienen. Deshalb bietet sich klimaretter.info auch als Diskussionsplatz für Richtungs- oder Moralfragen der Energiewende an: Zerstört die Windkraft unseren Naturraum? Berauben die Solarkraftwerker unser Portemonnaie? Zerstören die Agrostromerzeuger unsere Artenvielfalt?

Welche Websites können Sie, außer Ihrer eigenen, empfehlen?
Es gibt im deutschsprachigen Raum relativ wenig Vergleichbares.
http://klima-der-gerechtigkeit.boellblog.org/
ist ein Blog, der von sehr kenntnisreichen Autoren der Heinrich Böll-Stiftung gemacht wird. Allerdings gehorcht das Blog keinen journalistischen Kriterien und erhebt auch nicht diesen Anspruch.

http://co2handel.de nennt sich im Untertitel “Das Infoportal zum Emissionshandel und Klimaschutz” und bietet hauptsächlich Material, dass die Deutsche Presseagentur zum Thema anbietet. Daneben werden Pressemeldungen von Umweltverbänden, Wirtschaftsinstituten und Forschungseinrichtungen präsentiert.

http://www.glocalist.com ist ebenfalls tagesaktuell unterwegs, wie auch http://www.heise.de/tp/inhalt/energie/default.html. Allerdings ist das Angebot der Süddeutschen “nur” ein Focus unter vielen anderen. Daneben gibt es bei einigen “klassischen Printmedien” Online-Inhalte, die auf das Thema fokussieren, beispielsweise http://www.spiegel.de/thema/klimawandel/.

 

 

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