Mai 212015
 
Screenshot "neukoellner.net"

Screenshot “neukoellner.net”

Neue Perspektiven auf das lokale Geschehen bietet die Online-Zeitung “neukoellner.net”, nominiert für den Grimme Online Award 2015. Zusätzlich zu aktuellen Informationen und Meldungen aus dem Berliner Bezirk Neukölln kann sich der Leser über das kulturelle und soziale Leben in seinem Kiez informieren. Im Interview erläutert Chefredakteurin Sabrina Markutzyk, wie das Konzept funktioniert und warum sie es als beispielhaft für einen neuen Ansatz von Lokaljournalismus im Netz ansieht.

Wie kam es zu dem Projekt “neukoellner.net”? Was ist seine Intention?

Klassischen Lokaljournalismus machen, aber gut – das war der Plan. Wir alle kamen zur ungefähr gleichen Zeit nach Berlin, bei mir war es Ende 2008, als Neukölln vor allem eins war: billig und verrufen. Aber es war schnell klar: Wir sind am richtigen Ort gelandet. Wir wollten aber nicht nur Zugezogene sein, die zwar die neueste Bar kennen, aber nicht einen geborenen Neuköllner. Neukölln fing gerade an, sich zu verändern – das alles wollten wir journalistisch begleiten und, ganz egoistisch, richtig kennenlernen. In der Berliner Medienlandschaft bestand die Berichterstattung über Neukölln aus Polizeimeldungen – das wollten wir so nicht stehenlassen. Wir wollten zeigen, dass es ein Neukölln gibt jenseits der Klischees.

Ihr Angebot ist eine Besinnung auf lokale Ereignisse und Geschehnisse im Bezirk Neukölln und somit den Großraum Berlin eher ausklammernd. Können Sie bei Ihren Lesern ein gesteigertes Interesse an Nachrichten und Informationen innerhalb des unmittelbaren Bezirks ausmachen?

Screenshot-Ausschnitt des Beitrages "Verzehr und Verbrauch"

Screenshot-Ausschnitt des Beitrages “Verzehr und Verbrauch”

Total. Spätestens seit Rütli, neu aufgeflammt mit “der Angst vor dem Islam”, guckte ganz Deutschland auf Neukölln. Man zeigt gern mit dem Finger drauf. Wir zeigen mit dem Finger zurück: Das ist unsere Welt. Und wir lieben sie.

Parallel findet hier gerade ein krasser Gentrifizierungsprozess statt, der in seiner Wucht seinesgleichen sucht. Ganz Berlin guckt auf den Armutsbezirk, in dem die Mieten durch die Decken schießen, Menschen verdrängt werden. Gleichzeitig lebt hier eine bemerkenswerte Zivilbevölkerung. Neukölln ist gerade einer der spannendsten Orte der Welt – was hier passiert, in der Kunst- und Kulturszene, wie Menschen hier leben und zu leben versuchen, ist in wenigen Worten kaum zu umreißen. Das interessiert Neuköllner, und das interessiert auch die New York Times und den Guardian.

Werden Ihre Artikel und Beiträge auch von Lesern außerhalb des Bezirks Neukölln angenommen?

Und wie. Wir haben Leser in Berlin und über Berlin hinaus. Die Berliner Medien gucken auf uns, übernehmen Themen – denn sie leisten schon lange keine echte lokale Arbeit mehr. In den letzten Monaten während der Pegida-Debatten, dem Erfolg der AfD usw., haben wir erlebt, dass Neukölln als Kronzeuge benutzt wird: “Wenn wir nicht aufpassen, sieht es bald überall so aus!”. Die Angst vor der Islamisierung hat bei vielen einen Namen: Neukölln. Wir setzen dem etwas entgegen: Wir, die wir hier leben, wir lieben es hier. Wovor wir Angst haben: Vor der Gesellschaft, wie sie vor einigen Monaten noch zu tausenden auf der Straße war. Wir können die öffentliche Debatte nicht den Buschkowskys überlassen, nicht den Rechtsauslegern, die nie hier gewesen sind.

Hinzu kommt: Die Rückbesinnung aufs Lokale, die Sehnsucht in der Großstadt nach Sinnstiftung, ein neues Aufleben von Nachbarschaft – das ist kein Neuköllner Phänomen, hier ist es nur besonders ausgeprägt und wird besonders gelebt. Das ist Ergebnis einer Lähmung der Gesellschaft, das Gefühl, nicht mehr Teil des öffentlichen Lebens, der Politik, den Medien zu sein. Nachbarschaft ist ein menschliches Grundbedürfnis, das wir in unserer Gesellschaft Stück für Stück abgeschafft haben.

Regina Lechner & Sabrina Markutzyk  von "neukoellner.net"; Foto Grimme-Institut / Jens Becker

Regina Lechner und Sabrina Markutzyk von “neukoellner.net”; Foto Grimme-Institut / Jens Becker

Bringen Sie uns bitte kurz Ihre Arbeitsweise etwas näher. Wie sieht Ihre tägliche Arbeit aus?

Für uns Chefredakteurinnen: den großen wilden Haufen zusammenhalten. Davon abgesehen gibt es klassische Posten: eine Grafikerin, eine Programmiererin, feste und weniger feste Autoren usw. Um die tägliche Redaktionsarbeit kümmern wir uns zusammen mit zwei CvDs, diese Posten rotieren im Team – anders ist das nicht zu bewerkstelligen bei unbezahlter Arbeit. Texte redigieren, bebildern, Veröffentlichtes über die sozialen Kanäle spielen – normaler Redaktionsalltag. Nur, dass wir nicht in einem Raum zusammen sitzen, sondern digital auf unterschiedlichen Ebenen kommunizieren, von Emails bis zum Facebook-Chat für die schnelle Abstimmung zwischendurch, zum Beispiel zwischen Regina und mir. So können wir schnell Sachen regeln, während wir in anderen Büros an anderen Jobs sitzen oder abends der eine gerade an der Seite baut und eine Meinung braucht, während der andere ein Bier in der Kneipe trinkt. Wichtigster Rechercheort neben der Straße ist Social Media – hier kriegen wir mit, was die Leute denken, worüber sie diskutieren. Und wir können mit ihnen kommunizieren – denn keiner braucht noch ein weiteres weitgehend anonymes Medienangebot.

Für mich ist Social Media wichtigster Ort meiner Arbeit. Da unsere Themen vor allem die sind, die die klassischen Medien nicht behandeln, ist für uns das wichtig, was wir von den Menschen mitkriegen, ihre Sichtweise auf die Dinge, was sie erleben. Gleichzeitig gibt es natürlich langfristige gesamtgesellschaftliche Themen, die wir beobachten, die Wahrnehmung Neuköllns in der Außenansicht ist immer wieder ein Thema. Wenn zum Beispiel Ex-BAMS-Chef Nicolaus Fest über Neukölln als “failed area” schreibt, nehmen wir uns den Text vor, beziehen Stellung, rücken die Dinge gerade. Über die Jahre sind eine enge Vernetzung und ein unglaubliches Vertrauensverhältnis zu den Neuköllnern entstanden. Weil sie sehen, das wir genau das tun, und weil wir in stetem Dialog sind. Social Media hat hier einen enormen Stellenwert – abseits von dem, was auf der Website zu sehen, zu hören, zu lesen ist. Allein eine gute Website mit guten Beiträgen reicht nicht, um die Leser dauerhaft an uns zu binden. Sie wissen, wer hinter dem Twitteraccount steht, haben Fragen, spielen uns Infos zu. Und sie finden sich bei uns wieder. Darauf kommt es an.

Was bedeutet die Nominierung für den Grimme Online Award für Sie?

Eine große Ehre. Und die Bestätigung und Motivation, dass sich unser langjähriges Engagement gelohnt hat. Was wir tun, hatte für uns immer eine Bedeutung über das einzelne Produkt hinaus. Als wilde Gruppe Ehrenamtlicher, die wir das seit Jahren in unserer Freizeit tun, war und ist es unglaublich schwer, solange mit Herzblut dabei zu sein. Das ist mit viel Verzicht verbunden, auch monetär. Die Nominierung sagt: Was ihr da macht, ist geil. Und damit hat die Nominierungskommission verdammt noch mal recht.

Wie könnte sich ein Gewinn des Grimme Online Award positiv auf das Projekt neukoellner.net auswirken? Was erhoffen Sie sich auch in Hinblick auf potenzielle neue Projekte?

Wir nehmen für uns enorm viel Energie und Tatendrang aus der Nominierung mit. Dazu kommt die Aufmerksamkeit, die wir jetzt haben. Das Feedback vieler Neuköllner ist überwältigend. Weil das auch eine Ehrung für sie ist, für ihr Neukölln.
Gerade sind wir in der Phase, in der es darum geht, den Neukoellner auch finanziell auf solide Beine zu stellen. Wir haben ein Konzept dazu ausgeheckt, von dem wir glauben, dass es den Lokaljournalismus, wie wir ihn betreiben, langfristig finanziell tragbar macht. Jetzt ist durch die Nominierung unser Moment da, unser Fenster der Möglichkeiten ist weit offen – wir wollen diese Chance und den positiven Hype nutzen, um unsere Idee umzusetzen und neue Möglichkeiten der Weiterentwicklung zu finden. Dafür brauchen wir Investoren und Unterstützer – und auf ein Projekt mit Grimme-Stempel setzen viele gern, das merken wir bereits. Wir können ein Geschäftsmodell bauen, dass lokalen Onlinejournalismus wirtschaftlich rentabel macht, jenseits von Anzeigenhölle und Bezahlschranken – das wäre ein Meilenstein, nicht nur für uns.

  One Response to “Eine andere Art von Lokaljournalismus”

  1. […] Sabrina hat den Grimme-Leuten mal erzählt, warum wir geil sind. Wer das Interview bis zu Ende liest, kriegt zur Belohnung  ein kleines Video unserer […]

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