Jun 052015
 
Screenshot "Mein Vater, ein Werwolf"

Screenshot “Mein Vater, ein Werwolf”

“Werwölfe”, dies war in der Zeit des NS-Regimes die Bezeichnung der freiwilligen fanatischen Endkämpfer, deren Aufgabe es war, gegen die Besatzungsmächte und deutsche Überläufer vorzugehen. Der Vater Cordt Schnibbens, Georg Schnibben, war so ein Werwolf und überzeugter Nationalsozialist. Er veranlasste die Tötung eines Bauern, als die Niederlage des Dritten Reiches schon längst besiegelt war. Die Multimedia-Reportage “Mein Vater, ein Werwolf” ist für den Grimme Online Award in der Kategorie Wissen und Bildung nominiert. Hier rekonstruiert Cordt Schnibben die damaligen Geschehnisse. Im Interview gibt der Spiegel-Redakteur Auskunft zu seinem sehr persönlichen Online-Projekt.

Wie kam es zu dem Projekt “Mein Vater, ein Werwolf”?

Seit ich Zeitungsausschnitte über einen Nachkriegsprozess gegen meinen Vater gefunden hatte, beschäftigte mich die Frage, ob ich diesen Teil meiner Familiengeschichte aufschreiben sollte. Es siegte der Journalist über den Sohn. Die Entscheidung, den Printtext online und multimedial umzusetzen, fiel sehr früh. Darum begleitete mich bei den Recherchen ein Kameramann.

Screenshot "Mein Vater, ein Werwolf"

Screenshot “Mein Vater, ein Werwolf”

Sie teilen mit der Öffentlichkeit Ihre eigene und sehr persönliche Familiengeschichte. Ist dies für Sie eine Form der Aufarbeitung?

Der Sieg des Journalisten über den Sohn hat mir zeitweise nicht gut getan. Die intensive Beschäftigung mit dem, was meine Eltern getan und möglicherweise in mich gepflanzt haben, brauchte die Begleitung durch einen Therapeuten. Aus heutiger Sicht kann ich sagen, ich habe mich befreit von vielem Unausgesprochenem – ich werde nicht mehr in den frühen Morgenstunden von Angstzuständen geweckt.

Cordt Schnibben von "Mein Vater, ein Werwolf"; Foto: Grimme-Institut / Jens Becker

Cordt Schnibben von “Mein Vater, ein Werwolf”; Foto: Grimme-Institut / Jens Becker

Bringen Sie uns bitte kurz Ihre Arbeitsweise etwas näher. Wie sah die Archivarbeit aus?

Die Archivarbeit war mühsam, weil das Material in den fünf Kartons des Staatsarchivs vollkommen ungeordnet war. Von Anfang an ging es mir darum, die Sprache und das Denken in diesen Papieren dem Leser zugänglich zu machen, ihm die Chance zu geben darin herumzulesen, darum haben wir dieses Aktentool entwickelt.

Was bedeutet die Nominierung für den Grimme Online Award für Sie?

Da ich jahrzehntelang als Printjournalist gearbeitet habe, weiß ich die neuen Möglichkeiten des digitalen Journalismus sehr zu schätzen. Mit jedem neuen Projekt entdecke ich neue Gestaltungsformen. Die Nominierung unseres Teams bestätigt den Spaß und die Kollektivität, die wir bei der Arbeit gespürt haben.

Wie könnte sich ein Gewinn des Grimme Online Award positiv für das Projekt “Mein Vater, ein Werwolf” auswirken? Was erhoffen Sie sich auch in Hinblick auf potentielle neue Projekte?

Der Grimme Online Award ist der moderne Egon-Erwin-Kisch-Preis; er wird uns und hoffentlich auch andere ermuntern, weiter an neuen Formen des Journalismus zu arbeiten.

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