Aug 202015
 
Das Panel zum Spielejournalismus beim "gamescom congress" 2015; Foto: Vera Lisakowski

Das Panel zum Spielejournalismus beim “gamescom congress” 2015; Foto: Vera Lisakowski

Das wäre genug Stoff für zwei Tage gewesen: Mit sechs “Dachthemen” trat der diesjährige “gamescom congress” an, die Spielemesse inhaltlich zu erweitern. Eines der in sieben Sessions aufgeteilten Dachthemen war “Kulturgut Games” – mit Museen, Bibliotheken, einer Ethik-Diskussion und einem Panel das sich mit der Zukunft des Spielejournalismus beschäftigte.

Dem unbedarften Nicht-Gamer ist womöglich gar nicht klar, dass Computerspiele ein wichtiges Thema sind – insbesondere im Netz und in Fachzeitschriften. In allgemeinen Publikationen hingegen gibt es kaum Artikel darüber. “Die Berichterstattung über Games hängt auch von der gesamtgesellschaftlichen Bewertung ab”, konstatiert dann auch sogleich Professor Thorsten Quandt, der sich am Institut für Kommunikationswissenschaft an der Universität Münster unter anderem mit digitalen Spielen beschäftigt. “Das Interesse der Medien ist da”, erzählt der freie Journalist Tobias Hanraths, der auch für die Agentur dpa arbeitet, “besonders im Umfeld der ‘gamescom’ laufen die Geschichten über Spiele gut.” Dabei versucht die dpa zwar das Thema zu platzieren, direkte Berichterstattung über Games ist das aber nicht. Es werden zum Beispiel Hardwaretests gemacht, Jobs in der Spielebranche beleuchtet, über Spieler berichtet oder die Altersfreigaben für Kinder thematisiert.

Der Autor Thomas Lindemann berichtet aus seiner Zeit als Feuilleton-Redakteur bei der “Welt”: “Ich habe dort etwa einen Artikel pro Monat über Computerspiele geschrieben, das war kein Problem. Allerdings”, so fügt er einschränkend hinzu, “gab es keinen Nachfolger als ich gegangen bin. Wenn ein Kinoredakteur geht, steht sofort der nächste da.” Auf gleicher Höhe wie andere mögliche Feuilleton-Themen ist das Game also noch nicht angekommen – stellt sich auch die Frage, ob Spielejournalisten überhaupt für die Allgemeinheit schreiben wollen. Für den Grimme Online Award werden in jedem Jahr zahlreiche Spiele-Websites eingereicht, die aber den Anspruch des Preises, eine “allgemeine Öffentlichkeit” zu erreichen meist nicht erfüllen. “Was ein Fach-Games-Journalist tut, interessiert nicht die Allgemeinheit und genauso ist es vielleicht umgekehrt”, drückt Thomas Lindemann etwas verklausuliert aus, dass möglicherweise gar nicht das Interesse besteht, Spiele-Inhalte für eine breite Öffentlichkeit zu übersetzen. Gerade aber unter der Überschrift “Kulturgut Games” und mit dem Anspruch, dass digitale Spiele “in der Mitte der Gesellschaft angekommen” seien, sollte doch auch Personen, die sich nicht per se für Spiele interessieren, die Möglichkeit eröffnet werden, sich das Game-Feld zu erschließen. Warum gibt es keine Spiele-Rezensionen, so wie es Buch- oder Film-Rezensionen gibt?

“Das siebte oder achte ‘Call of Duty’ ist vielleicht doch nicht so anders, als das vorherige, da kann der Feuilletonist wenig drüber schreiben”, muss Thomas Lindemann dann auch zugeben, “während der nächste Roman von Botho Strauß doch sehr anders ist als der vorherige.” Spielejournalisten “wollen Teil der Games-Branche sein, nicht Teil des Journalismus”, hat Tino Hahn von GIGA beobachtet. Da kann es natürlich näher liegen, seine Insiderkenntnisse in Fachpublikationen zu veröffentlichen, als vermittelnd und möglicherweise unter dem eigenen Kenntnisstand zu schreiben. Hahn macht aber noch ein Problem aus: Es gebe unverhältnismäßig viele Anrufe von PR-Abteilungen, die aktiv versuchten, auf die Berichterstattung Einfluss zu nehmen, auch deshalb gebe es so wenig Kritik an der Branche. Dieser Beobachtung stimmen die anderen Diskutanten nicht unbedingt zu – oder sehen es nicht als Problem. Ein gutes Verhältnis zu den Presseabteilungen sei normal, wie auch in anderen journalistischen Bereichen. Ebenso verhält es sich mit Panoramathemen: Wie überall im Journalismus sei die Lust daran groß. “Gut recherchierte, investigative Stücke werden nicht so gut geklickt”, stellt Hahn fest.

Dem Ist-Zustand des Spielejournalismus mangelt es also vor allem an einer Vermittlung an eine breitere Öffentlichkeit. Und wo wird es hingehen? “Das ist ein Generationenproblem, das sich irgendwann auswachsen wird. Irgendwann gibt es die Leute, die Ahnung von Games haben und fürs Feuilleton schreiben können”, ist sich Thomas Lindemann sicher. Man solle auch im Journalismus mehr wagen. Von den YouTubern könne man sich zum Beispiel viel abschauen, regt Tobias Hanraths an. Und Thorsten Quandt prognostiziert: “Im klassischen Print-Journalismus wird der Spielspaß nach unten gehen. Im Internet entwickeln sich aber neue Formen. Es ist allerdings die Frage, ob man das Journalismus nennen kann, ob da Recherche stattfindet.” Tja ihr spielenden Journalisten oder schreibenden Gamer, macht was draus! Wir freuen uns dann zum kommenden Grimme Online Award über gute Game-Websites, die auch Nicht-Spieler verstehen.

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