Mai 272016
 
Screenshot: Aufruf zum "Dada-Gram": Instagram-Nutzer können Fotos hochladen, die zu einem großen Dada-Kunstwerk verschmelzen.

Screenshot: Aufruf zum “Dada-Gram”: Instagram-Nutzer können Fotos hochladen, die zu einem großen Dada-Kunstwerk verschmelzen.

Die Bewegung des Dadaismus etablierte sich 1916 und wehrte sich gegen ästhetische Konventionen oder Normen. Ziel war es, zu irritieren und zu kritisieren. Auf der Website ”Dada-Data“ erlebt der Dadaismus eine zweite Karriere. Mit multimedialen Mitteln werden Themen wie die Anonymität im Internet thematisiert. “Dada-Data” ist in der Kategorie Kultur und Unterhaltung für den Grimme Online Award 2016 nominiert. Anita Hugi und David Dufresne erklären im Interview die Hintergründe ihres Projekts.

Was war die Intention hinter dem Projekt “Dada-Data”?

David Dufresne: Es ging uns nicht um das akademische, museumsähnliche und respektvolle Gedenken an die Dadaismus-Bewegung. Das machen bereits andere Leute sehr gut. Unser Ziel war es vielmehr, eine Interpretation von Dada darzustellen, um zu zeigen, dass Dada heutzutage immer noch lebt. Für uns war es klar, dass wir dies im Internet machen. Es handelt sich um unsere eigene Sicht von der Dada-Bewegung und für mich findet Dada heutzutage im Internet statt.

Während der damaligen Dada-Bewegung kämpfte man gegen das Bürgertum – heute gegen Internetriesen wie Amazon, Apple, Facebook und Co.

Während der damaligen Dada-Bewegung kämpfte man gegen das Bürgertum – heute gegen Internetriesen wie Amazon, Apple, Facebook und Co.

Anita Hugi: Wir wollen damit zeigen, dass Dada in uns steckt, auch wenn die heutige Gesellschaft einen das gerne vergessen lässt. Mir und uns war es wichtig, diesen Gedanken wieder aufleben zu lassen.

David Dufresne: Auf unserer Seite findet man zum Beispiel Vergleiche zwischen der Dada-Bewegung 1916 und der Vision von Anita und mir wie es im Jahr 2016 der Fall ist. Wir weisen mit diesen Mitteln darauf hin, wie Internetgiganten wie Google, Amazon oder Apple uns wie Marionetten dastehen lassen. Wir weisen darauf hin, dass es Möglichkeiten gibt, sich von diesen zu befreien. Es herrscht ein Kampf gegen diese Größen, den wir durch das Absurde und das Lachen führen. Wir führen diesen Kampf im Internet, da wir diesen Raum nicht nur den großen Firmen überlassen können. Wir müssen aufwachen – Dada war eine Bewegung des Aufweckens. Daran wollen wir appellieren.

Wessen Idee war es, Dada-Data in dieser Form ins Leben zu rufen?

Anita Hugi und David Dufresne. Foto: Dada-Data

Anita Hugi und David Dufresne. Foto: Dada-Data

Anita Hugi: Ich hatte die Idee und den Wunsch ein solches Projekt zu starten. Ich habe David gefragt, ob er nicht auch motiviert sei, aber er hat erst einmal Nein gesagt.
David Dufresne:
Am Anfang war ich der Meinung, nichts Veraltetes machen zu wollen. Doch Anita war so clever, mir den Geburtsort Dadas im “Cabaret Voltaire” in Zürich zu zeigen. Für mich war das ein emotionaler Schock, weil ich in dem Moment gemerkt habe, dass Dada noch lebt. Die Idee kam also von Anita. Fortan arbeiteten wir zusammen daran und zwar so wenig akademisch wie möglich.
Anita Hugi:
Ich habe davor einen linearen Dokumentarfilm zu Dada ins Leben gerufen. Während der Entwicklung des Films habe ich bemerkt, dass Dada und die neuen, interaktiven Erzählformen extrem viel gemeinsam haben: sie sind interdisziplinär, international, kollaborativ in der Entstehung, und sehr spielerisch. Aus diesem Blickwinkel ist uns bewusst geworden, dass wir keineswegs ein Denkmal aufbauen wollten, sondern etwas Lebendiges und Dynamisches erschaffen konnten – mit den Mitteln des Internets. Zuerst standen wir aber vor der Herausforderung der Finanzierung. Das kommende Jubiläum gab uns Rückenwind sowie der Umstand, dass es seit Jahrzehnten praktisch nichts Dokumentarisches zu Dada gegeben hat. Dada und das Web sind wesensverwandt, das war dann auch unseren Produzenten schnell klar.
David Dufresne:
Um den eingangs erwähnten kommemorativen Charakter unseres Werkes zu umgehen, haben wir die gleichen Mittel wie damals angewandt: Dynamik, Performanz und Lebendigkeit.

Wie sah die Konzeption und Entwicklung der grafischen Elemente aus?

David Dufresne: Bei dieser Angelegenheit haben wir das Studio Akufen in Montreal gefragt – ein Team aus jungen Leuten. Sie wussten zwar nichts von Dada, jedoch half uns ihre Leidenschaft für das Design und die Typgraphie. Um ihnen thematisch auf die Sprünge zu helfen, habe ich den Leuten von Akufen ein Buch gegeben: Eine Zusammensetzung aller dadaistischen Eindrücke von einer Dadaismus-Ausstellung in Paris im Jahr 2005. Dadurch kam das Studio auf die geniale Idee, mit vielen verschiedenen Designern abwechselnd am Projekt zu arbeiten. Die Arbeit von zehn verschiedenen Designern ist in das Gesamtkonstrukt geflossen. Nur so konnten dieser explosive Effekt und die damit einhergehende Energie der Seite erreicht werden. Dada-Data ist ein kollektives Werk, ganz im Sinne von Dada, das die erste wirklich kollektive Kunstströmung war.
Anita Hugi: Was Dada auch noch bedeutend ausmachte ist, dass seine Anhänger nicht “das Eine” machen wollten, sondern jeder seine eigenen Ideen und Auffassungen hervorbrachte. Parallelen hierzu findet man wiederum in der Arbeitsweise hinter Dada-Data. Wir haben den unterschiedlichen Spielformen von Dada je eine “Hacktion” gewidmet. Durch diese klare Struktur machen wir die Komplexität der Kunstbewegung einfach zugänglich. Das Spielerische steht im Vordergrund und lädt ein, in den Dada-Statements und im Dada-Depot mehr zu entdecken.

Welche Reaktionen gab es auf Dada-Data?

Dada-Tweetpoesie: Per Hashtag #DADADATA kann man auf Twitter seinen dadaistischen Gedanken Ausdruck verleihen.

Dada-Tweetpoesie: Per Hashtag #DADADATA kann man auf Twitter seinen dadaistischen Gedanken Ausdruck verleihen.

David Dufresne: Wir hatten zu Beginn eine überwältigende Reaktion in Form von Seitenaufrufen. Innerhalb von drei Tagen konnte die Seite bereits über 100.000 Klicks verbuchen. Heute sind wir immerhin bei ungefähr 220.000. Einige unserer Mithelfer haben uns vorhergesagt, dass wir die 5.000er-Marke nicht überschreiten würden. Wir waren sehr glücklich, weil das Projekt trotz seiner ungewöhnlichen Gestaltung und Navigation solch positive Rückmeldung bekam. Unser Dada-Ad-Blocker erfreut sich nach wie vor größter Begeisterung. Dann wurden noch tausende Bilder auf Instagram hochgeladen. Diese haben die Zusammensetzung und Erschaffung einer riesigen Dada-Collage zum Zweck. Auf Twitter konnten die Menschen ihre Meinung ganz im Sinne der Poesie und des Dadaismus kundtun. Auch diese Funktion wurde viel öfter genutzt als erwartet. Darüber hinaus haben wir viele Selfies mit Kreationen aus 3D-Drucken erhalten. Das alles spiegelt für mich das Web wider. Wir haben ein lebendiges, interaktives Werk geschaffen, das den Leuten etwas mit auf den Weg gibt. Es besteht diese Autor-Publikum-Beziehung. In unserem Fall wird das Publikum sogar zum Mitautor. Für die Dadaisten ging es ebenfalls nicht darum, was auf der Bühne passierte, sondern im gesamten Saal.
Anita Hugi: Darüber hinaus veranstalten wir an verschiedenen Orten in der ganzen Welt, zum Beispiel in Japan, Kanada und Rumänien, kleinere Workshops rund um Dada, wo wir die Themen der Webseite direkt an die Menschen bringen.

Gab es auch negative Reaktionen?

Screenshot: User können den Dada-Ad-Blocker verwenden, um statt lästiger Internetwerbung, Dada-Kunstwerke eingeblendet zu bekommen.

Screenshot: User können den Dada-Ad-Blocker verwenden, um statt lästiger Internetwerbung, Dada-Content eingeblendet zu bekommen.

Anita Hugi: Überraschenderweise gab es von Seiten der Besucher keine negative Kritik. Die meisten waren sehr angetan von der Idee und dem Design der Webseite. Was man aber anmerken kann ist, dass es insbesondere in Deutschland sehr schwierig war, Medienpartner zu finden. Insbesondere die geschriebene Presse nahm erst einmal Abstand. Da Dada-Data ein spielerischer Angriff auf Werbung ist und Zeitschriften eben von dieser leben, war es schwierig. Sie fanden es unangenehm den Blog zu unterstützen und zu bewerben.
David Dufresne: An dieser Stelle kann man anmerken, dass wir auch Probleme mit ein paar Museen hatten. Es ging um die Rechte der Bilder der Dada-Werke. Vor Angst, die online gestellten Werke würden beim Betrachter den Reiz des Museumsbesuches mindern, verweigerten uns einige den Zugriff. Meiner Meinung nach ist das eine gefährliche Entwicklung für die Kunst, die dadurch schnell aussterben wird.

Was bedeutet die Nominierung für den Grimme Online Award 2016 für Sie?

Anita Hugi bei der Nominierung für den Grimme Online Award 2016. Foto: Grimme-Institut / Rainer Keuenhof

Anita Hugi bei der Nominierung für den Grimme Online Award 2016. Foto: Grimme-Institut / Rainer Keuenhof

Anita Hugi: Ich bin wirklich sehr glücklich, dass wir für diese Auszeichnung nominiert sind, da Dada-Data doch ein sehr experimentelles Projekt ist. Es ist schwer mit anderen Projekten vergleichbar.  Ich fühle mich also sehr geehrt. Es gibt genug Leute, die sagen: Kunst ist kompliziert, sie interessiert uns nicht und das ist nur für alte und bürgerliche Leute.
David Dufresne: Ich war sehr überrascht, weil ich überhaupt nicht damit gerechnet hatte. Eben aus den von Anita erwähnten Gründen. Ich fände es mutig, wenn wir den Preis gewinnen würden. Dada-Data ist ein einzigartiges Projekt. Es kann meiner Meinung nach nicht als Vorbild für andere dienen.
Anita Hugi: Da muss ich dir widersprechen! Wir haben mit dem Projekt das Lokale und Internationale, die digitale und physische Welt gekoppelt. Insbesondere die Hacktion “Connected Ready Made”, in der wir Dada-Kunstwerke im Cabaret Voltaire in 3-D ausdrucken und live auf unserer Website übertragen, ist ein Beispiel dafür. Dieser Weg könnte für einige sehr inspirierend sein.
David Dufresne: Anfangs haben wir Dada-Data als Kreation und nicht als Diffusion betrachtet, was Anita und ich immer noch tun. Jedoch werden die meisten Online-Projekte heutzutage als Instrumente für Marketing und Bekanntheit missbraucht. Wir haben uns hingegen frei von jeglichen Zwängen zusammengesetzt und gemeinsam etwas Neues erschaffen, das nur sich selbst als Zweck hatte. Gewinnt ein solches Projekt einen Preis, ist der Weg für viele weitere spannende Projekte frei. Wir können uns also in dieser Hinsicht in einer Vorreiterrolle wägen.

Autor: Daniel André

Die Interviews mit den Nominierten und die Videos sind im Rahmen eines Medienpraxis-Seminars an der Universität zu Köln entstanden.

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