Mai 212016
 
Der Screenshot von "Jagd aufs Matterhorn" zeigt das 3D-Modell des Berges neben dem Text über die Erstbesteigung.

Der Screenshot von “Jagd aufs Matterhorn” zeigt das 3D-Modell des Berges neben dem Text über die Erstbesteigung.

Vor 150 Jahren gelang einer Gruppe Pioniere die Erstbesteigung des Matterhorns. Es war ein Aufstieg, von dem vier der Bergsteiger nicht mehr zurückkehrten. Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) zeichnet mit modernen Mitteln nach, wie das historische Ereignis der Erstbesteigung beim Abstieg schließlich in einer Katastrophe endete. “Jagd aufs Matterhorn” ermöglicht den Lesern, dank eines 3D-Modells, den Aufstieg nachzuempfinden. Das Projekt ist für den Grimme Online Award 2016 in der Kategorie Wissen und Bildung nominiert. Die Redakteurin Alexandra Kohler erklärt im Interview, warum dieses Storytelling-Projekt bedeutend ist.

Wie entstand das Projekt und was war die Intention hinter dem Namen?

Das 3D-Modell des Matterhorns. Modell: Pix4D

Das 3D-Modell des Matterhorns. Modell: Pix4D

Die Erstbesteigung des Matterhorns ist nicht nur ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte des Bergsteigens – sie gehört untrennbar zur Schweizer Geschichte. Das Rätsel der Katastrophe am Matterhorn ist bis heute nicht gelöst. Bei der NZZ hatten wir die Intention, die Geschichte möglichst detailgetreu, korrekt und neutral zu erzählen und den Menschen so erneut ins Gedächtnis zu rufen. Das Ereignis liegt 150 Jahre zurück und ist seither unzählige Male wiedergegeben worden. Wir mussten einen Weg finden, die Erstbesteigung auf neue Art und möglichst anschaulich zu erzählen. In dieser Phase wurden wir auf das 3D-Modell des Berges von Pix4D aufmerksam und schnell war uns klar: Mit dieser Visualisierung kann es gelingen, die Leser am Aufstieg der beiden Seilschaften von Italien und der Schweiz hautnah teilhaben zu lassen. Der Name “Jagd aufs Matterhorn” spielt darauf an, dass Berge in jener Zeit Trophäen waren, und Bergsteigen einem Wettkampf glich – einem Rennen zwischen Nationen und Bergsteigergrößen.

Wie war die tägliche Arbeit am Projekt und im Team?

Die Arbeit begann mit zwei Brainstorming-Sessions in größerer Runde: Wie wollen wir die Geschichte erzählen, wo legen wir den Fokus, was lassen wir weg? Das 3D-Modell stellte Designer und Entwickler vor einige Herausforderungen. Teamwork war das A und O für das Gelingen des Projekts, da sich Redakteure, Art-Direktoren, Fotografen, Autoren, Designer und Programmierer immer wieder abstimmen und Kompromisse eingehen mussten. Schließlich war es eine Gruppe von etwa 13 Personen, die intensiv mit dem Projekt beschäftigt war. Es bedurfte einiges an Koordination, da vieles gleichzeitig passieren musste. Eine große Herausforderung war, das 3D-Modell und klassische journalistische Formen wie Text und Bild zu einem harmonischen Ganzen zusammenzuführen. Immer wieder prallten Alt und Neu aufeinander: An manchen Tagen vergruben sich die einen in historische Bücher, Archive und Bildersammlungen, während die anderen mit der Animation des 3D-Modells experimentierten.

Warum ist es der NZZ so wichtig, dass die Geschichte den Menschen in Erinnerung bleibt?

Die am Abend vor der Besteigung zufällig zusammengewürfelte Bergsteiger-Truppe. Foto: Zermatt Tourismus

Die am Abend vor der Besteigung zufällig zusammengewürfelte Bergsteiger-Truppe. Foto: Zermatt Tourismus

Zermatt und das Matterhorn haben im In- und Ausland eine enorme Strahlkraft und stehen quasi symbolisch für die Alpen. Das Matterhorn gilt als der Sehnsuchtsberg schlechthin. An ihm lässt sich die Entwicklung der Schweiz zum Tourismusland aufzeigen, dessen wichtigstes Kapital die überwältigende Natur ist. Die Erstbesteigung des Matterhorns als letztem Alpenriesen hatte einen “Touristen”, den Engländer Edward Whymper, als Helden hervorgebracht. Der Zermatter Bergführer Peter Taugwalder und sein Sohn waren hingegen lange Zeit nur Insidern ein Begriff. Ihre Leistung und ihr Schicksal angemessen zu würdigen, war auch eine Motivation bei der NZZ. Es war nicht der Fehler eines Einzigen, sondern eine schwierige Konstellation, die am 14. Juli 1856 zum Absturz der Bergsteiger führte. Und nicht zuletzt ist die Erstbesteigung einfach eine spannende und emotionale Geschichte. Es war herausfordernd, das historische Ereignis mittels 3D-Technologie und Multimedialität in die Jetztzeit zu holen.

Warum wurde genau diese Art der Gestaltung ausgewählt?

Screenshot: Interaktive Elemente ermöglichen die Standortbestimmung der unterschiedlichen Ereignisse auf dem Berg.

Screenshot: Interaktive Elemente ermöglichen die Standortbestimmung der unterschiedlichen Ereignisse auf dem Berg.

In unserer Recherche sind wir relativ schnell auf das Projekt “Mapping the Matterhorn” gestoßen. Die Firma Pix4D und weitere Partner hatten 2013 mithilfe von Drohnen das Matterhorn vermessen und aus den gewonnenen Daten ein digitales Modell erstellt. Wir kontaktierten die Firma und erhielten umgehend das Modell sowie die Erlaubnis, es für unser Vorhaben verwenden zu dürfen. Nach den ersten Gehversuchen waren wir in der Lage, das Modell im Browser zu rendern und von da an wussten wir, dass ebendieses 3D-Modell ein zentrales Element unserer Geschichte spielen sollte. Generell sind wir der Meinung, dass sowohl 3D-Modelle als auch Virtual Reality ein großes Potential für die Medien haben. Zum Beispiel können damit räumliche Verhältnisse besser verständlich gemacht werden. Noch ist der Aufwand in der Produktion relativ hoch, er hat sich aber in den letzten Jahren bereits stark reduziert.

Was bedeutet die Nominierung für Ihr Team?

Das gesamte Team, welches bei der NZZ die “Jagd aufs Matterhorn” realisiert hat, fühlt sich durch die Nominierung für den Grimme Online Award enorm geehrt und bestätigt. Bei dieser prestigeträchtigen Auszeichnung im Rennen zu sein, ist auch ein bisschen nachträglicher Lohn für eine Arbeit, die manchmal nervenaufreibend war und an die Belastungsgrenzen ging. Wenn unser Projekt nun nochmals einige Aufmerksamkeit erhält, freut uns das natürlich.

Autor: Lukas Backhausen
Die Interviews mit den Nominierten sind im Rahmen eines Medienpraxis-Seminars an der Universität zu Köln entstanden.

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