Mai 072016
 
Ein Schwerpunkt des Nollendorfblogs ist die Darstellung von Homosexualität in den Medien. Foto: Nollendorfblog / Johannes Kram

Ein Schwerpunkt des Nollendorfblogs ist die Darstellung von Homosexualität in den Medien. Foto: Nollendorfblog / Johannes Kram

Johannes Kram ist das Gesicht hinter dem “Nollendorfblog”, das in der Kategorie Wissen und Bildung für den Grimme Online Award 2016 nominiert ist. Dort bloggt er bereits seit sieben Jahren über das Thema Homosexuellenfeindlichkeit. Das “Nollendorfblog” ist ein Blog aus Berlin, doch die Inhalte gehen über den lokalen Bereich hinaus. Johannes Kram zeigt, wie tief verankert Ressentiments gegen Homosexuelle in ganz Deutschland sind und beschreibt eine Entwicklung, die er “Neue Homophobie” nennt. Wann immer Homosexuelle in Politik, Gesellschaft oder Medien diskriminiert werden, setzt sich das “Nollendorfblog” mit seinen Artikeln für die Gleichstellung ein.

Der Titel des Blogs verweist auf den Nollendorfplatz in Berlin. Inwiefern hat das Thema Homosexualität damit zu tun?

Der Nollendorfplatz war schon vor über hundert Jahren einer der weltweit wichtigsten Schauplätze der homosexuellen Emanzipationsgeschichte. Da ich dort lebe und blogge, fand ich es damals eine schöne Idee, mit meinem Blog daran und somit auch an unsere “Vorkämpfer” zu erinnern.

Wie ist die Idee zum “Nollendorfblog” entstanden?

„Besorgte Eltern“ stellen eine Sexualaufklärunng der Vielfalt als „Frühsexualisierung“ ihrer Kinder dar. Foto: Nollendorfblog / Johannes Kram

„Besorgte Eltern“ stellen eine Sexualaufklärunng der Vielfalt als „Frühsexualisierung“ ihrer Kinder dar. Foto: Nollendorfblog / Johannes Kram

Ich hatte damals das Gefühl, dass die Stimmung gegen Minderheiten, auch gegen Homosexuelle, kippt. Dazu muss man wissen, dass gerade der Nollendorfplatz, wo ich lebe, traditionell als sehr offenes und tolerantes Viertel gilt. Und da habe ich mich gefragt, wenn hier die Stimmung schon rauer wird, was bedeutet das für den Rest des Landes? So habe ich zunächst über Erlebnisse hier in Berlin geschrieben, doch recht schnell meinen Blick ganz generell auf Homosexualität und Homophobie in Medien, Gesellschaft und Politik gerichtet. Mich interessierte, in welchen Ausprägungen die Thematik in unserer Gesellschaft und vor allem in unserem Alltag vorkommt.

Was würden Sie sagen, ist die Hauptintention des Blogs?

Homophobie ist heilbar. Foto: Nollendorfblog / Johannes Kram

Homophobie ist heilbar. Foto: Nollendorfblog / Johannes Kram

Vor allen Dingen geht es darum, sich Strukturen und Mechanismen hinter Homophobie anzuschauen, die nicht so offenkundig sind. Das Blog steht ja unter dem Motto: “Ich habe nichts gegen Schwule, aber…” Das bedeutet, heute sind nicht mehr nur die üblichen Verdächtigen das Problem, wie Kirchen, konservative Parteien oder Andere. Es sind oft die, die sich sehr liberal äußern, die denken, dass sie sehr tolerant sind, aber gerade mit ihren Beschreibungen bestimmte Ressentiments manifestieren, die sie im Zweifel selbst gar nicht bemerken. Das ist – was ich in meinem Blog “Neue Homophobie” nenne – eine gefährliche Mischung. Insbesondere, weil auf der anderen Seite durch die fortschreitende rechtliche Gleichstellung immer mehr der Eindruck aufkommt, es gäbe einen gesellschaftlichen Konsens gegen die Diskriminierung Homosexueller. Jetzt haben wir eine neue rechte Bewegung und ich weiß von vielen Reaktionen, wie groß die Verunsicherung ist. Etwa bei Lehrern, die jungen Menschen etwas über Vielfalt beibringen möchten, etwa in der AIDS-Aufklärung, wo Vorbehalte auftauchen, von denen niemand mehr gedacht hatte, dass wir sie noch einmal so grundsätzlich angehen müssen. Und es ist interessant, wie sehr sich im Prinzip die Ablehnung von Flüchtlingen, Ausländern und Andersgläubiger und der Kampf gegen die Gleichberechtigung Homosexueller ähneln. Was ich damit sagen will: Wir müssen uns die verbindenden Muster dahinter anschauen. Sie sind nicht nur ein Problem für die jeweiligen Minderheiten, sondern deuten auf ein generelles Problem in unserer Gesellschaft. Niemand ist nur Minderheit. Niemand ist nur Mainstream. Wir sind alle anders, wir sind alle gleich.

Das “Nollendorfblog” existiert bereits seit 2009. Haben sich die Reaktionen seitdem verändert?

Gemeinsam gegen Homo- und Transphobie in Dresden. Foto: Nollendorfblog / Johannes Kram

Gemeinsam gegen Homo- und Transphobie in Dresden. Foto: Nollendorfblog / Johannes Kram

Sehr stark. Am Anfang haben heterosexuelle Freunde gesagt: “Was willst du, was wollt Ihr eigentlich, wo ist eigentlich euer Problem?” Das hat sich allerdings in den letzten Jahren immer mehr geändert. Ich bekomme jetzt Reaktionen von heterosexuellen Lehrern oder Journalisten, die mir sagen, “Ich bin da gerade über etwas in deinem Blog gestolpert.” Das ist dann oft Grundlage für eine Diskussion, in der beide etwas gewinnen können. Ich sehe an den Zuschriften meines Blogs, dass man mittlerweile bereit ist, das Thema ernst zu nehmen. Es geht ja auch nicht um Leute wie mich, die es geschafft haben, sich zu behaupten. Ich versuche aufzuzeigen, wie groß auch heute noch der Druck auf Jugendliche ist, die feststellen, dass sie anders sind. Medien und Politiker machen Homosexualität oft zur Lifestylefrage. Doch jedes Coming Out ist auch heute noch mit Angst verbunden. Es ist eine existentielle Erfahrung für die Betroffenen und die Gesellschaft kann viel mehr dazu tun, dass die Angst immer weniger eine Rolle spielt.

Warum haben Sie sich für das Medium Internet entschieden?

Ich schreibe ja auch andere Sachen – für das Theater zum Beispiel. Da braucht man einen langen Vorlauf und muss sich dauernd mit ganz vielen Menschen abstimmen. Das Blog gibt mir hingegen die Möglichkeit, mich ohne Formatrahmen direkt und unmittelbar zu einem Thema zu äußern, welches mir sehr wichtig ist und mit Menschen zu diskutieren, denen das auch so geht. Oder mich auch mal ein paar Wochen zurückzuhalten, wenn ich das Gefühl habe, nichts beitragen zu können, oder weil ich einfach keine Zeit habe. Außerdem kann ich mich auf den Text konzentrieren. Ich kann lange Texte schreiben, wenn ich das will, und mache mir in der Regel keine Gedanken über Bilder und so etwas.

Wie könnte sich ein Gewinn des Grimme Online Award positiv auf das Projekt auswirken?

Nominierung - Grimme Online Award 2016

Johannes Kram bei der Nominierung zum Grimme Online Award 2016. Foto: Grimme-Institut / Rainer Keuenhof

Darüber habe ich ehrlich gesagt noch gar nicht wirklich nachgedacht. Ich hätte ja auch nie damit gerechnet, dass mein Blog irgendwann mal in so einer Wettbewerbssituation steht. Aber natürlich freue ich mich total – alleine schon, weil viele das Thema “Diskriminierung” albern finden und meinen, dass sich die Homos nicht so aufregen sollten. Der Award könnte dazu beitragen, dass mehr Menschen erkennen, dass das kein selbstmitleidiges Rumgejammer ist, über was ich und andere schreiben und was wir versuchen aufzuzeigen. Denn es geht ja nicht nur um Lesben und Schwule, sondern generell darum, auf einen anderen Blickwinkel hinzuweisen, den eine Minderheit immer hat – egal wie gut integriert sie ist. Sie wird immer einen speziellen Blickwinkel behalten. Ich glaube, es tut der gesamten Gesellschaft gut, aus möglichst vielen Blickwinkeln auf sich und ihre verschiedenen Gruppen zu schauen.

Autorinnen: Christin Schleheck, Johanna Bernhard

Die Interviews mit den Nominierten und die Videos sind im Rahmen eines Medienpraxis-Seminars an der Universität zu Köln entstanden.

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