Mai 122016
 
Sven de Vries und seine Schafe; Foto: Profilfoto Instagram, Sven de Vries

Sven de Vries und seine Schafe; Foto: Profilfoto Instagram, Sven de Vries

Sven de Vries hat seinen Traumberuf gefunden: Wanderschäfer. Als Quereinsteiger – er arbeitete vorher in der IT-Branche – entschied sich de Vries für ein Leben abseits vom Schreibtisch. Nun ist sein Arbeitsplatz die schwäbische Alb, inklusive Stall, Wiesen und Schäferwagen. Mit Hilfe der Sozialen Medien, insbesondere über seinen Twitter-Account, berichtet er regelmäßig von seinem Leben zwischen Wolle und Schafstall. Aufklärung und Austausch – Es ist ein ehrlicher Einblick in die Nutztierhaltung und damit trifft Sven de Vries einen besonderen Punkt in der heutigen Zeit. Viele Menschen haben vergessen, dass hinter ihrem Stück Fleisch ein lebendiges Tier gesteckt hat. Seine täglichen Tweets über die schönen und traurigen, die anstrengenden und lustigen Aspekte des Schäferlebens bieten einen Einblick in diesen unbekannten Beruf.

Wie kamen Sie auf die Idee, mit Ihrer Herde online zu gehen?

Mich hat es gereizt, dass die Leute meine Tweets jederzeit lesen können – egal ob sie im Büro, beim Mittagessen oder in der U-Bahn sitzen. Wenn ich beispielsweise ein Buch schreiben würde, müsste es schon ein ziemlich gutes Buch sein, damit die Leute sich damit auseinandersetzen. Das Tolle an den sozialen Netzwerken ist, dass diese kurzen Sätze über mich – was ich mache und wie ich so bin – eine große Wirkung haben, obwohl sie im ersten Moment sehr belanglos klingen. Die Menschen, die mir länger folgen und lange dabei sind, bekommen Stück für Stück ein Bild von mir, von dem was ich mache und wie ich lebe. Sie bekommen einen Eindruck und nehmen etwas für sich mit. Ich war ziemlich erstaunt, dass das so gut funktioniert. Das merke ich besonders, wenn mir jemand eine Privatnachricht schreibt und Fragen stellt. Da gibt es Leute die richtig mitfiebern, wenn es beispielsweise um die Lämmer geht.

Wie sieht Ihre tägliche Arbeit als Wanderschäfer aus?

Bis auf einen kurzen Zeitraum im Jahr bin ich immer mit der Herde unterwegs und habe nur zwischendurch mal einen Tag, an dem ich zu Hause bin. Zwischen April und Dezember wohne ich dann meist im Wohnwagen. Im Sommer nutze ich früh am Morgen die kühle Tageszeit und laufe oder fahre, je nachdem wie weit ich weg bin, zu meinen Schafen. Dann sind wir immer drei bis vier Stunden unterwegs und je nachdem ob wir größere oder kleinere Etappen vor uns haben, werden dann diese gelaufen. Mittags ruhen sich die Schafe in Schattenplätzen aus. Wenn ich die Schafe dann einpferche überprüfe ich nochmal, ob es auch allen gut geht, oder ob ich manche pflegen muss. Anschließend nutze ich die Zeit und fahre einkaufen. Danach bin ich weitere drei bis vier Stunden mit der Herde unterwegs und sperre sie gegen Ende des Tages wieder in den Pferch ein. Nachts verbringe ich meine Zeit also wieder zu Hause, beziehungsweise im Wohnwagen. Im Sommer ist das grob unser Tagesablauf. Es gibt aber auch Tage, an denen ich nicht die Möglichkeit habe, die Schafe mittags einzusperren. Dann bin ich die komplette Zeit mit ihnen unterwegs.

Was hat sich an Ihrer Arbeit verändert, seitdem Sie den Twitter-Account haben?

Ich bin immer sehr offen mit meinen Gefühlen gegenüber den Tieren. Seit Twitter setze ich mich noch einmal anders damit auseinander, weil ich meine Gedanken nun auch mit anderen, fremden Leuten kommuniziere. Zum Beispiel werden sehr viele der Lämmer irgendwann geschlachtet und dafür muss ich Worte finden und das vermitteln. Das hat sich so im Wesentlichen verändert: Ich habe für vieles Worte gefunden.

Warum haben Sie sich für Twitter als Medium entschieden?

Man kann mit so wenig Worten so viel ausdrücken. Ich benutze noch andere Social Networks wie Facebook und auch da habe ich viel positives Feedback bekommen. Im Grunde ging es mir auch darum, meine Reichweite zu erhöhen. Ich probiere noch andere soziale Medien aus, wie zum Beispiel aktuell Snapchat. Bei Twitter habe ich echt tolle Erfahrungen sammeln können. Ganz am Anfang habe ich zum Beispiel eine Umfrage gemacht: “Wisst ihr überhaupt woher euer Fleisch kommt?” Und daraufhin haben sich sehr viele Menschen bei mir gemeldet und sich mit dem Thema auseinandergesetzt, was mir persönlich sehr wichtig ist. Das war einfach toll! Deshalb probiere ich, auch weil es mir Spaß macht, verschiedene Medien aus. Aber dadurch, dass ich nicht viel Zeit habe, mich lange hinzusetzen, um Texte zu schreiben, bietet mir Twitter eine ideale Plattform.

Screenshot: Sven de Vries bei der Arbeit

Screenshot: Sven de Vries bei der Arbeit

Ist es nicht etwas umständlich, die Herde in Schach zu halten und gleichzeitig zu twittern? Oder haben Sie Unterstützung?

Beides zur gleichen Zeit geht nicht, weil ich mich voll auf meine Arbeit konzentrieren muss. Aber manchmal nehme ich ein oder zwei Bilder auf und es gibt immer mal wieder fünf oder zehn Minuten dazwischen, die ich nutzen kann, um kurz etwas zu schreiben.

Wie würden Sie Ihre Follower beschreiben? Kommen diese eher aus den Städten oder aus den ländlichen Gegenden?

Für viele Menschen aus ländlichen Gebieten oder Dörfern ist mein Beruf trotzdem lebensfremd. Was Landwirtschaft genau heißt und wie die Arbeit aussieht ist für viele unbekannt. Jedoch glaube ich, dass die meisten eher aus Städten kommen und vielleicht einfach Sehnsucht nach Tieren und Natur haben. Mir war der Beruf des Wanderschäfers auch nicht bekannt, bis ich mich um einen Ausbildungsplatz bemüht habe.

Wanderschäfer – Ist das ein Job für die Ewigkeit?

Ich kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen, weil es einfach irre viel Spaß macht. Sollte ich mir jedoch mal den Rücken verknacksen, wäre das mein Ausstieg. Das Risiko sich zu verletzen ist bei dem Job groß. Aber trotzdem ist es mein Traumberuf und ich bin froh, etwas gefunden zu haben, was ich so gerne mache. Das ist etwas Besonderes! Es gibt nicht viele Leute, die ihren Traumberuf gefunden haben.

Wie könnte sich der Gewinn des Grimme Online Award positiv auf das Projekt auswirken?

Da ich immer meine Follower einbeziehe, habe ich sie gefragt, was sie davon halten, wenn ich mich für den Grimme Online Award bewerbe und es kam total viel positive Resonanz. Aber ich wollte dann doch erst einmal abwarten, denn ich war mir unsicher, ob ich es zeitlich schaffen würde, mich zu bewerben. Als ich dann vorgeschlagen wurde habe mich sehr darüber gefreut. Es gab bisher nicht viele Twitter-Accounts, die für den Grimme Online Award nominiert waren. Schaut man sich die letzten Jahre an, ist mir besonders Alexander Gerst mit seinem Twitter-Account im Gedächtnis geblieben. Aber er flog ja auch im Weltraum herum und hat Bilder gemacht. Da kann ich nicht wirklich mithalten. Falls ich überraschenderweise gewinnen würde, glaube ich nicht, dass sich ein Gewinn ausschlaggebend auf mein Projekt auswirkt. Mir liegt das Projekt sehr am Herzen und ich denke, alleine durch die Nominierung für den Grimme Online Award, wird es noch etwas bekannter werden. Ich kann weitere Menschen erreichen und auf die eine oder andere Art von der Wanderschafhaltung überzeugen.

Kann man Sie mal bei einer Wanderung begleiten?

Tatsächlich habe ich die Frage schon hunderte Male zu hören bekommen. Eigentlich geht das nicht, aber wir suchen immer mal wieder Praktikanten. Da helfen die sozialen Netzwerke ganz gut, denn ich habe echt viele Bewerbungen bekommen. Allerdings waren auch nicht alle ernst gemeint. Manche hatten einfach ganz abgefahrene Vorstellungen. Aber dass ich jemanden mal wirklich für längere Zeit mitnehme? Das mache ich eher nicht. Ich finde es aber gut, dass die Leute sich Gedanken machen. Mein Tipp an alle, die gerne mal mit Wanderschäfern in Kontakt treten wollen: Einfach googlen, wo die lokalen Wanderschäfer unterwegs sind. Die meisten freuen sich über einen kurzen Besuch und vielleicht wird aus den Besuchen mal eine engere Freundschaft.

Autorin: Christina Pagés
Die Interviews mit den Nominierten sind im Rahmen eines Medienpraxis-Seminars an der Universität zu Köln entstanden.

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