Mai 232017
 
Screenshot: Eingangsszene der Dokumentation

Screenshot: Eingangsszene der Dokumentation

Die Virtual-Documentary “Inside Auschwitz – 360°” ist eine mit neuester Kameratechnik gedrehte Dokumentation, die sich der 360°-Optik bedient. Durch dieses Format wird dem Zuschauer ermöglicht, das größte Vernichtungslager der Nationalsozialisten auf eine neue Art und Weise zu betrachten. Die Erlebnisse von drei Zeitzeuginnen werden dabei auf besonders persönlicher Ebene erzählt. Das Gefühl für die Vergangenheit und die Gegenwart dieser Frauen wird dadurch für den Zuschauer besonders spürbar und real. Die Dokumentation “Inside Auschwitz – 360°” ist in der Kategorie “Wissen und Bildung” für den Grimme Online Award 2017 nominiert. Die beiden Dokumentarfilmer Jörg Haaßengier und Jürgen Brügger, waren für Konzept, Recherche, Kamera, Schnitt und den Großteil des Projektes verantwortlich. In diesem Interview geben sie Einblick in den Produktionsprozess.

Wie ist das Projekt zustande gekommen? Was war Ihnen im Zuge der Produktion  besonders wichtig?

Haaßengier: Die Idee für das Projekt hat sich über mehrere Etappen entwickelt. Wir haben uns zunächst sehr mit der Erzählform auseinander gesetzt, also mit der 360°-Kameratechnik, und uns überlegt, welche Thematik sich eigentlich für diese Erzählform eignet. Wir haben zuvor schon andere Thematiken in diesem Format umgesetzt. Damals schon ist uns klar geworden, dass es gar nicht so viele Geschichten gibt, bei denen es Sinn macht, sie auf diese Weise zu erzählen. Relativ früh ist die Redaktion dann auf Auschwitz gekommen. Dabei ging es uns darum, eine besondere Nähe zwischen dem Zuschauer und den Zeitzeugen herzustellen. Diese Nähe soll dadurch vermitteln werden, dass man das Gefühl hat, ihnen, räumlich wie auch auditiv, direkt gegenüber zu stehen.

Brügger: Außerdem war uns wichtig, dass der dokumentarische Ansatz im Fokus bleibt. Zum einen gab es die neue Technik, welche auch einen völlig anderen sinnlichen Aspekt vermittelt, wie auch das Erzählen der Geschichten der Zeitzeuginnen. Beides auf angemessene Weise sinnvoll zu verbinden und darzustellen war dabei unser Ziel gewesen.

Die Drohne ermöglicht es, Bilder über das Gelände hinweg aufzunehmen. Foto: Gerhard Schick, WDR

Die Drohne ermöglicht es, Bilder über das Gelände hinweg aufzunehmen. Foto: Gerhard Schick, WDR

Für wie angemessen bewerten Sie also die Verwendung dieser 360°-Technik für die Thematik von Auschwitz?

Haaßengier: Wir hatten schon im Vorfeld überlegt, ob man diese 360°-Technik, welche ja oft im Sport und im Tourismus verwendet wird, und damit auch eher eine Art Erlebnistool ist, überhaupt auf dieses Thema anwenden kann. Einen solchen Eindruck wollten wir auf keinen Fall wecken und es sollte auch nicht der Hauch einer touristischen Attraktion entstehen. Wir haben daher auch lange innerhalb der Redaktion diskutiert, ob die Verwendung dieser Technik hier angebracht sei. Zum Schluss haben wir uns dann doch dafür entschieden und ich denke, es ist uns gelungen, die behandelte Thematik angemessen zu transportieren. Unser Anliegen war, dass diese Geschichten auf neue Weise anders erzählt werden und den Zuschauer dadurch auch anders berühren und herausfordern können.

Was denken Sie bringt den Zuschauer darauf, auf das Video zu klicken? Ist es das Interesse an dieser neu eingesetzten Technik, oder das Interesse an der Thematik Auschwitz?

Haaßengier: Wir haben anhand von Kommentaren auf Facebook festgestellt, dass die meisten das Thema interessiert hat und sie dann erst das Format thematisiert haben. Das hat uns natürlich sehr gefreut, da wir selbst in erster Linie versucht haben, die Geschichten einfach auf andere Art und Weise neu zu vermitteln. Genau das ist auch so angekommen, da es den meisten gar nicht so sehr um die 360°-Kameratechnik ging, sondern immer die Erzählungen der Frauen im Vordergrund standen. Durch die Erzählform konnten dann neue Fragen, neue Auseinandersetzungen und Eindrücke entstehen.

Brügger: Der Kern all dieser Debatten und Auseinandersetzungen innerhalb der Zuschauer war also schon inhaltlich fokussiert. Trotzdem ist das Gefühl des Erlebens natürlich ein komplett anderes, wenn man sich das Video beispielsweise mit der VR-Brille und Kopfhörern anguckt. Auch das hat unter den Zuschauern zu regen Diskussionen geführt.

360°-Kamera am Zaun von Auschwitz. Foto: Gerhard Schick, WDR

360°-Kamera am Zaun von Auschwitz. Foto: Gerhard Schick, WDR

Wie stark spielt der Faktor Unterhaltung eine Rolle in Ihrer Erzählweise?

Haaßengier: In diesem Format ist man gezwungen, sich anders mit dem Material auseinanderzusetzen. Man sieht sich in einer anderen Rolle, da es eine viel nähere, viel direktere Art von Begegnung mit den Zeitzeuginnen ist. Genau das war uns persönlich auch so wichtig. Statt zu unterhalten, soll Empathie entwickelt werden. Es soll eine, intellektuell wie auch emotional, andere Form von Beziehung zum Protagonisten für den Zuschauer entstehen.

Brügger: Man ist ja auch viel enger fokussiert. Viele Leute haben uns erzählt, dass, wenn sie den Frauen so nahe gegenüber standen, sie sich in dem Moment gar nicht getraut haben, ihnen direkt ins Gesicht zu schauen. Es soll also kein Sensationscharakter vermittelt, sondern wirklich auf die Empfindung und Erfahrung eingegangen werden. Als bloße Unterhaltung würden wir es also nicht bezeichnen.

Im Video wird der Standort des Zuschauers gewechselt, von Auschwitz zu den Wohnungen der Zeitzeuginnen. Was wollten Sie mit diesen Schnitten bewegen?

Haaßengier: Es handelt sich ja um drei sehr unterschiedliche Frauen, die in einem unterschiedlichen Duktus erzählen und dabei auch unterschiedliche Emotionen in einem auslösen können. Daraus resultierend ist natürlich auch interessant, wie die Frauen heute leben und wohnen. Nach all den Jahren befindet man sich nun in der jetzigen Umgebung der Frauen und sitzt mit ihnen am Küchentisch in ihrer Wohnung. Wenn man genau hinschaut, sieht man auch die Fotos, die an den Wanden hängen. Man befindet sich in ihrer ganz persönliche Jetzt-Zeit, welche in direkten Kontrast zu ihrer Vergangenheit in Auschwitz gesetzt wird, von welcher sie uns erzählt. Das Erzählte nimmt dadurch einen fast schon physischen Charakter an.

Das Team hinter “Inside Auschwitz - 360°“ (v.l.n.r.) Jürgen Brügger, Maik Bialk, Dorothee Pitz, Jörg Haassengier bei der Bekanntgabe der Nominierungen zum Grimme Online Award. Foto: Grimme-Institut / Arkadiusz Goniwiecha

Das Team hinter “Inside Auschwitz – 360°“ (v.l.n.r.) Jürgen Brügger, Redaktionsleiter Maik Bialk, Redakteurin Dorothee Pitz und Jörg Haassengier bei der Bekanntgabe der Nominierungen zum Grimme Online Award. Foto: Grimme-Institut / Arkadiusz Goniwiecha

Wie haben Sie persönlich die Begegnung mit den Zeitzeuginnen empfunden und aufgenommen?

Haaßengier: Das waren drei sehr außergewöhnliche Frauen, mit denen wir zusammenarbeiten durften. Wir selbst waren etwas nervös vor diese Personen zu treten und ihnen solche Fragen zu stellen. Es war natürlich nicht einfach, sie diese Grausamkeiten ihrer Erlebnisse abzufragen.

Brügger: Es war ja auch für die Frauen belastend, die schon über neunzig Jahre alt sind. Sie sitzen neben dir im Auto während du sie zu dem Konzentrationslager fährst. Aber es ist auch wichtig zu wissen, dass die Frauen das wollten. Sie wollen ihre Geschichten erzählen und es ist ihnen auch wichtig, dass ihre Erlebnisse weitergegeben werden. Auch in Kombination mit diesem Medium war ihr Bedürfnis, dass diese Erinnerungen weiter leben und nicht vergessen werden.
Und gerade das hat uns auch ungemein geholfen. Durch die Gewissheit, dass die Frauen das alles auch selber wollten, konnten wir auch anders mit dieser Situation umgehen. Man sitzt dabei ja wirklich der Frau gegenüber, die das alles erlebt hat, das kann man sich ja kaum noch klar machen. Diese historische Bindung wird auch nicht mehr lange bestehen bleiben. Die Berichterstattung durch Zeitzeugen wird bald in eine neue Erzählform transferiert werden müssen, eine direkte Auseinandersetzung gibt es dann nicht mehr.

 

Das Interview führten Laura Lin und Selin Yazicilar.

Die Interviews mit den Nominierten und die Videos sind im Rahmen eines Medienpraxis-Seminars an der Universität zu Köln entstanden.

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