Mai 122017
 
Screenshot "Pop ist kein weißer, heterosexueller Mann" von detektor.fm.

Screenshot “Pop ist kein weißer, heterosexueller Mann” von detektor.fm.

Erst ein Format – dann eine Story. Eine eher ungewöhnliche Reihenfolge, aber die Redaktion des Internet-Radiosenders detektor.fm, die hinter der interaktiven, multimedialen Longread-Story “Pop ist kein weißer, heterosexueller Mann” steckt, wollte etwas neues anfangen: Eine Mischung aus geschriebenem Text, Videointerviews, in den Text eingebundenen Audios – und einer innovativen Navigation, die dem Leser viele Möglichkeiten lässt. Das Thema, also die Situation von Frauen in der Musikbranche, mit all seinen Facetten und verschiedensten Blickwinkeln, fügt sich dann perfekt in das neu geschaffene Format. Nominiert ist der Longread für den Grimme Online Award 2017 in der Kategorie “Kultur und Unterhaltung”, womit detektor.fm zum dritten Mal nominiert ist. Im Interview ermöglichen Autorin Isabelle Klein und Redakteur Gregor Schenk einen Blick hinter die Kulissen.

Die Idee der Form stand bei euch vor der Story. Wieso?

Gregor Schenk:  Genau. Zuerst war der Gedanke da, ein neues musikjournalistisches Onlineformat auszuprobieren, da wir bei detektor.fm gemerkt haben, dass der Musikjournalismus hierzulande, gerade Online, noch nicht weit fortgeschritten, sondern eher ein bisschen altbacken ist. Ich kann mir super Geschichten in Printmedien durchlesen und tolle Features im Deutschlandfunk anhören, aber was Online passiert, ist dann doch noch ein bisschen rückständig. Vor allem schau ich mir dann aufwändig gemachte Online-Features, auf “pitchforkzum Beispiel, an und frage mich, wieso es so etwas nicht vermehrt im deutschsprachigen Raum gibt. In der Anfangsphase haben sich dann Isabelle und das Team viele Online-Features angeschaut und geguckt, was man da noch anders machen könnte.

Isabelle Klein: Es gibt sehr unterschiedliche Arten des Longform-Storytellings. Auf der einen Seite die sehr aufwändig produzierten, toll aussehenden Features, an denen aber auch gerne mal 16 Leute arbeiten und die auch sehr kostenaufwändig in der Produktion sind. Auf der anderen Seite gibt es schon bestehende Tools, mit denen man Storytelling machen kann, wie zum Beispiel das Tool Pageflowvom WDR, welches uns aber zu starr war. Wir wollten unsere Story dann aber auch nicht in ein vorhandenes Format pressen, sondern ein flexibles Tool erstellen, was sich der Geschichte anpassen und in Zukunft wachsen und sich verändern kann.

Was gab euch den ausschlaggebenden Anstoß zu der inhaltlichen Idee für dieses Projekt?

Isabelle Klein: Unser Ausgangspunkt war, dass wir verschiedene Themen zur Auswahl hatten, und wir uns dann überlegt haben, was man am besten in dieser langen Form umsetzen kann. Wir haben uns schlussendlich für dieses Thema “Frauen in der Musikbranche” entschieden, weil wir das Gefühl hatten, dass es zwar schon viel dazu gibt, aber immer nur kleine, vereinzelte Artikel zu einem Punkt oder einer Perspektive und wir wollten einmal einen kompletten Blick darauf ermöglichen. Abgesehen davon, dass es sehr gut zur Form passt, fanden wir außerdem, es sei ein wichtiges Thema, das 2016 den Musikjournalismus bestimmt hat.

Gregor Schenk von detektor.fm bei der Bekanntgabe der Nominierungen zum Grimme Online Award 2017. Foto: Grimme-Institut/Arkadiusz Goniwiecha

Gregor Schenk von detektor.fm bei der Bekanntgabe der Nominierungen zum Grimme Online Award 2017. Foto: Grimme-Institut/Arkadiusz Goniwiecha

Gregor Schenk: Ergänzend hierzu von mir noch: Was ich als Musikchef bei detektor.fm immer wieder bemerke ist, dass das Business, in dem wir uns bewegen, in dem es um Musikthemen geht, doch sehr männerbesetzt ist. Ob das die Festival Line-ups sind, die Labels oder die Musikredaktionen, das Thema ist momentan schon sehr präsent. Deswegen lag es auch auf der Hand, das so umzusetzen.

Gab es technische Hürden, die die Umsetzung des Projektes erschwerten?

Isabelle Klein: Im Entwicklungsprozess dieses Tools gab es natürlich viele Hürden, das waren vor allem kleinere Baustellen. Wir haben das zusammen mit einem Programmierer entwickelt und mussten immer wieder viel ausprobieren und verwerfen, weil es eben nicht funktioniert hat. Unser Endprodukt ist einmal die Story und dann das Storytellingtool, welches wir für detektor.fm entwickelt haben. Es ist in Zukunft leicht zu handhaben. Das war auch eines der Ziele: Für den Redaktionsalltag etwas leicht zu Bedienendes zu haben. Aber natürlich war der Prozess der Entwicklung schwierig. Eine der größeren Herausforderungen für uns war der Audioplayer, den wir nicht alleine hätten erstellen können, sondern nur mit Hilfe eines Programmierers. Wir wollten einen neuen Player haben, den es so auf dem Markt noch nicht gab, mit Kapitelfunktion im Stream, und der Ton sollte mit Bild und Text verknüpft werden. Aber er sollte natürlich auch zum Look von detektor.fm und zum Look der Geschichte passen. Natürlich ist nicht jedes der verwendeten Tools von uns entwickelt worden, wir haben uns auch an dem bedient, was es auf dem Markt so gibt. 

Die Hamburger Pop-Band "Die Heiterkeit". Foto: detektor.fm

Die Hamburger Pop-Band “Die Heiterkeit”. Foto: detektor.fm

Gregor Schenk: Aber für die Grundlage gab es halt noch keine Blaupausen und es musste alles erst erstellt werden. Auch vom Gerüst her, dass man auf der einen Seite ganz klassisch – durch das Scrollen nach unten – die Geschichte chronologisch erleben kann, dann aber auch horizontal tiefer in verschiedene Punkte eingehen kann, so etwas haben wir vorher im Longread-Storytelling noch nicht gesehen.

Was wollt ihr mit eurem Projekt erreichen?

Gregor Schenk: Ich fang mal mit dem Format an. Unser Ziel war es, sich ein bisschen von den klassischen Formen des Musikjournalismus zu lösen und mit dem Projekt ist uns das auch gelungen. Man kann von überall unterwegs auf die Geschichte zugreifen und sie über Tablets, Laptops oder Smartphones anschauen und anhören. Gerade wenn man ein bisschen in die Geschichte reinsteigt, merkt man doch, dass wir vom Radio sind, es gibt wirklich viel zum Anhören und das ist ja genau das, was sich für eine Unterwegsnutzung am besten eignet. Ich glaube, da ist es uns ganz gut gelungen formatmäßig etwas Neues auszuprobieren.

Redakteurin und Autorin Isabelle Klein. Foto: detektor.fm

Redakteurin und Autorin Isabelle Klein. Foto: detektor.fm

Isabelle Klein: Uns war es total wichtig, dass man die Geschichte in seinem eigenen Tempo und in seiner eigenen Art und Weise durchlesen kann. Es gibt Leute, die sich von oben nach unten durcharbeiten, man kann aber Sachen überspringen, ohne an Verständnis zu verlieren und bleibt als Nutzer frei darin, wie man die Story erfährt. Inhaltlich finde ich den Diskussionsaspekt sehr wichtig. Wir sind sehr journalistisch an das Thema herangegangen, also nicht als Aktivisten, die etwas erreichen wollen, sondern mit dem Gedanken abzubilden, verschiedene Aspekte aufzuzeigen und, wenn möglich, noch eine Diskussion zu erzeugen. Es war uns sehr wichtig, uns selbst nicht in eine feministische Position zu stellen, sondern das Thema so neutral wie möglich von verschiedenen Positionen aus zu beleuchten und die Protagonistinnen sprechen zu lassen.

Wie ist das Feedback, das ihr bis jetzt so bekommen habt?

Isabelle Klein: Da ich selbst im Musikjournalismus tätig bin, habe ich viel aus diesem Bereich mitbekommen. Ich habe mitbekommen, dass die Leute das Thema sehr interessant fanden. Das Feedback war überwiegend positiv – auch weil das Thema einfach als extrem wichtig angesehen wird. Viele Leute aus der Musikbranche wissen, dass es tatsächlich noch immer ein Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen gibt und dass darüber diskutiert werden muss.

Das Interview führten Ricarda von Klitzing und Lea Hirschberg.

Das Interview und die Videos sind im Rahmen eines Medienpraxis Seminars der Universität zu Köln entstanden.

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