Mai 082017
 
Screenshot "Wochenendrebell"

Screenshot “Wochenendrebell”

Der persönliche Blog und Podcast “Wochenendrebell” von Vater “Papsi” und seinem Sohn Jason erzählt von unzähligen, spannenden Reisen in die Fußballstadien Deutschlands und Europas, um die zukünftige Lieblingsmannschaft des mittlerweile 11-jährigen Jungen zu finden. Bei den Erlebnissen, die seit 2012 im Netz nachzuverfolgen sind, geht es jedoch nicht nur um Groundhopping oder das gemeinsame Zeit verbringen, sondern auch um das Leben mit dem Asperger-Syndrom.
Der “Wochenendrebell” ist in der Kategorie Kultur und Unterhaltung für den Grimme Online Award 2017 nominiert. Im Interview gibt uns Autor und Vater Mirco von Juterczenka Einblicke in die Abenteuer und liefert Hintergrundinformationen zu den Wochenendrebellen.

Wie ist die Idee zum Blog “Wochenendrebell” entstanden?

Entstanden ist der Blog mehr oder weniger zufällig nach der Diagnose des Asperger-Syndroms bei meinem Sohn. Wir suchten für uns nach einem Medium, das die gemeinsamen Erinnerungen festhält und gleichzeitig dem Austausch dienen kann. Ein modernes Fotoalbum mit Texten inklusive der Möglichkeit, dass sich der ein oder andere Leser ergänzend, vielleicht auch unterstützend einbringen kann. Der tatsächliche Auslöser, dies nicht in einem Forum, sondern als Blog aufzusetzen, war, dass Jason sagte, dass er auch Fan einer Fußballmannschaft sein möchte, sie aber vorher alle einmal gesehen haben muss. Nach einigen Spielen war schnell klar, dass ein Blog die bestmögliche Plattform dafür ist.

Wie ist Ihr Sohn auf das Thema Fußball und das Fan sein gekommen?

Auf der Suche nach einem neuen Lieblingsverein im Stadion - der Wochenendrebell

Auf der Suche nach einem neuen Lieblingsverein im Stadion. Foto: Wochenendrebell

Es begann eigentlich damit, dass ich meinen Dad zu einem gemeinsamen Besuch eines Fußballspiels eingeladen hatte und Jason uns unbedingt begleiten wollte. Natürlich erklärte ich ihm, dass dies nichts für ihn sei: viele Menschen, extreme Lautstärke, Gedrängel. Aber er ließ sich nicht davon abbringen und so beschlossen wir, ihn mitzunehmen. Nachdem wir im Stadion angekommen waren, hat Jason erst einmal viel beobachtet, denn er kannte solche Situationen ja nicht: Eine riesige Menschenmenge, die Durchsagen, die Spieler auf dem Feld. Da erlebte er kompakt sehr viel Neues. Er fragte sich mit etwas Abstand auch, was es mit diesen beiden bunten Gruppen am Spielfeldrand auf sich hat. Ich erklärte ihm, dass dies die Fans der jeweiligen Vereine seien, woraufhin er mich fragte, von welcher Fußballmannschaft ich denn Fan sei und wie er sich denn nun selbst für einen Verein entscheiden kann. Entscheidungen fußen bei ihm auf einer breiten Entscheidungsgrundlage. Die musste erst einmal gelegt werden und so schlug er vor, sich alle Vereine erst einmal anzuschauen.  

Können Sie uns etwas mehr über das Asperger-Syndrom erzählen …

Eigentlich eher wenig. Ich kann aber etwas über meinen autistischen Sohn sagen. Das Spektrum ist sehr breit. Mit Jasons Asperger-Autismus geht einher, dass er zum Beispiel große Schwierigkeiten damit hat, soziale Kontakte zu Gleichaltrigen aufzubauen, eigentlich klar äußert, dass er diese Kontakte gar nicht möchte. Er braucht für sich selbst recht starre und strikte Rituale im Alltag, an denen er sich entlanghangeln kann, wie zum Beispiel seinen festen Sitzplatz im Bus oder genau strukturierte Abläufe vom Moment des Aufstehens bis zur Ankunft in der Schule. Unvorhergesehenes oder Planabweichungen machen ihm normalerweise schwer zu schaffen. Es ist außerdem so, dass bei vielen Asperger-Autisten die Eindrücke und Geräusche, die in ihrem Umfeld auf sie einwirken, nicht von ihrem Gehirn vorgefiltert werden. Alles prasselt ungefiltert auf sie ein und das übt besonderen Stress auf sie aus. Er hat Probleme, Mimik und Gestik bei Anderen zu deuten und auch seine Mimik ist nicht immer einfach zu entschlüsseln. Die Problemfelder sind breit gefächert, aber es gibt wenig, womit man nicht lernt, sich zu arrangieren.

Das Gesicht hinter dem Projekt "Wochenendrebell" Foto: Stefanie Fiebrig, www.stefanie-fiebrig.de

Das Gesicht hinter dem Projekt “Wochenendrebell”. Foto: Stefanie Fiebrig

Wie hat sich die Idee zu einem Podcast zusätzlich zum Blog ergeben?

Jason ist seit seinem siebten Lebensjahr ein großer Podcast-Fan. Ab diesem Moment lag er mir regelmäßig in den Ohren, dass er selbst auch gerne einen eigenen hätte. Nachdem ich ihn fragte, wie er sich das denn vorstelle, begann er, sich mit einer Art Konzeption zu beschäftigen. Knapp zwei Jahre später stand die Idee und seit Anfang 2016 betreiben wir gemeinsam nun auch einen Podcast, in dem wir über Themen sprechen, die wir gemeinsam ausgewählt haben und die dann jeweils in der aktuellen Folge für die nächste Episode aus einer Lostrommel gezogen werden. So hat sich schließlich noch eine zweite Schiene ergeben, die nicht immer zwingend mit unseren Fußballerlebnissen zusammenhängt, die uns beiden aber viel Spaß bereitet.

Wen wollen Sie mit Ihren Veröffentlichungen erreichen?

Eine feste Zielgruppe gibt es für uns nicht. Unser Blog und auch der Podcast wird von einem sehr bunten Publikum gelesen und gehört: vom klassischen Fußballfan, Personen aus der Groundhopping-Szene oder Sportjournalisten, bis hin zu Eltern mit autistischen Kindern oder Kindern mit anderen Behinderungen oder auch einfach klassisch von Mamas und Papas, denen die Geschichten gefallen, die wir erzählen. Ich freue mich, wenn Menschen Spaß daran haben, das zu Lesen, was wir erleben. Und ich freue mich insbesondere, wenn es möglicherweise Eltern anderer autistischer Kinder Mut macht und ihnen zeigt, dass Autismus das Leben in keiner Weise nur einschränken muss, sondern auch bereichern kann. In unserer Podcast-Folge über Asperger-Autismus erklärt es Jason am besten: “Asperger Autismus steckt voller Behinderungen und Behilflichkeiten.” Er hat zum Beispiel eine ungewöhnlich hohe Auffassungsgabe bei komplexen, wissenschaftlichen Themen und es gibt einige weitere positive Eigenschaften, die Jason mit seinem Autismus in Zusammenhang bringt.

Glauben Sie, dass sich Ihr gemeinsames Projekt positiv auf Jason auswirkt?

Ja definitiv. Er ist um einiges selbstbewusster geworden. Er löst Probleme, die im Stadion auftreten können, selbstständig und entwickelt unfassbar viele Ansätze, um mit diesen umzugehen. Man kann sogar sagen, dass es in den meisten Situationen zu Hause teilweise schwieriger ist, als wenn ich mit ihm auf unseren Touren unterwegs bin. Und im Podcast genießt er es, mir und den Hörern zu erklären, was das Higgs-Boson so kann oder wie schwarze Löcher funktionieren und warum PSR B 1620-26 B einer seiner Lieblingsplaneten ist.

Auf der Suche nach dem neuen Lieblingsfußballverein. Foto: Wochenendrebell

Auf der Suche nach dem neuen Lieblingsfußballverein. Foto: Wochenendrebell

Auf welche Weise hat das Projekt “Wochenendrebell” die Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Sohn verändert?

Aufgrund meines Berufes, in dem ich viel unterwegs bin, gab es eine Zeit, in der ich die Beziehung zu meinem Sohn fast ausschließlich über unsere gemeinsamen Tour-Erlebnisse aufrechterhalten konnte. Mittlerweile ist dies aber um einiges entspannter. Die Reisen, der Blog und auch der Podcast geben uns die Möglichkeit, viele verschiedene Menschen kennen zu lernen, Zeit miteinander zu verbringen und unsere Beziehung weiter zu stärken.   

Glauben Sie, dass sich Ihr Sohn jemals für einen Lieblingsfußballverein entscheiden kann oder, wie Sie schreiben, entscheiden will?

Ehrlich gesagt, glaube ich das nicht mehr. Es gab mal eine Phase, in der ich dachte, dass Jason kurz vor einer Entscheidung steht, weil er mich fragte, was denn passieren würde, wenn er sich entschließt, von einem Fußballverein Fan zu sein. Möglicherweise tat er das nur, um herauszufinden, wie es denn dann mit den gemeinsamen Reisen weitergehen würde. Mittlerweile glaube ich, dass die Suche nach einem Verein für ihn zweitrangig geworden ist. Er mag Stadien, Fußball, Fußballfans, den Kontakt zu ihnen und ihm gefällt es, die Menschen während des Spiels zu beobachten und viele Details in Stadien zu entdecken, die mir verborgen geblieben wären. Für Jason ist es wahrscheinlich das große Ganze, das fasziniert und das er in seiner aktuellen Lebensphase nicht missen möchte.

 

Das Interview führten Selin Yazicilar und Sabrina Eggert.

Die Interviews mit den Nominierten und die Videos sind im Rahmen eines Medienpraxis-Seminars an der Universität zu Köln entstanden.

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