Jun 082017
 
Fotograf Christian Werner

Fotograf Christian Werner; Foto: Marius Münstermann

Geschichten und Emotionen vermitteln statt Zahlen und Statistiken. Darum geht es dem Foto- und Videojournalisten Christian Werner bei seinem Projekt. Er begleitete eine Rettungsaktion im Mittelmeer vor der libyschen Küste und sprach mit Helfern und Flüchtlingen. In Zusammenarbeit mit dem Spiegel entstand daraus die Visual Story “Rette sie, wer kann”, die für den Grimme Online Award 2017 in der Kategorie “Information” nominiert wurde. Im Interview erzählt Christian Werner mehr zu den Hintergründen und Besonderheiten seines Projekts.

Worum geht es bei Deinem Projekt?

Die Geschichte erzählt von einer Rettungsaktion. Das Projekt ist eine Multimedia-Geschichte, die beim Spiegel erschienen ist. Der Spiegel hat in seiner digitalen Ausführung immer eine Geschichte, die abgekoppelt vom Heft ist. Das nennt sich “Weitwinkel”. Dort ist diese Geschichte erschienen und darin geht es im Großen und Ganzen um das Desaster, was leider schon seit einigen Jahren im Mittelmeer vonstatten geht. Ich bin mit der Organisation MOAS (Migrant Offshore Aid Station) auf einem ihrer Rettungsboote mitgefahren, vor die libysche Küste. Dort gibt es eine Rescue Zone, ungefähr 20 Seemeilen von der libyschen Küste entfernt. Das ist der Endpunkt, bis zu dem die Flüchtlinge, die in Libyen von den Schmugglern losgeschickt werden, kommen. Weiter geht es nicht. In dieser Rescue Zone befinden sich dann also die ganzen Flüchtlingsboote, pro Boot immer 150 bis 200 Menschen. Dort finden dann die Rettungen statt.

Was ist die Intention hinter dem Projekt?

Die Intention ist, zu zeigen, wie die Situation überhaupt aussieht. Denn hierzulande wird über die Flüchtlinge in Zahlen gesprochen. Es gibt keine wirklichen Gesichter zu diesen Statistiken und ich wollte zeigen, unter welchen Bedingungen diese Menschen versuchen, Europa zu erreichen. Als normale Fotogeschichte kann man das nicht wirklich rüberbringen. Die Hilferufe, die Emotionen der Leute, die Aussagen der Leute, die kann man in einem normalen Fotoessay oder in einer normalen Fotoreportage nicht transportieren und deswegen habe ich mich entschieden, daraus ein multimediales Projekt zu machen und vor allem auf die Technik von 360°-Videos zurückzugreifen.

Screenshot "Rette sie, wer kann".

Screenshot “Rette sie, wer kann”.

Kannst Du näher beschreiben, was die Besonderheit des 360°-Videos ausmacht?

Die Technik von 360°-Videos habe ich gewählt, damit der normale Bürger sieht oder vielleicht ein wenig das Gefühl bekommen kann, wie es ist, eingeengt auf so einem Flüchtlingsboot zu sitzen. Und ich finde es zum Beispiel auch eine sehr schöne Sache, dass es ein Voice Over über dem 360°-Video gibt, denn es ortet diese Situation so ein wenig ein und man fühlt sich nicht ganz allein und im Stich gelassen. Vor allem, wenn man eine VR-Brille auf hat, wo man den Kopf bewegen kann: links, rechts, hin und her – du bist auf diesem Boot. Das Voice Over verortet das Ganze ein bisschen. Das war das große Problem: Wenn du ein normales Video schneidest, hast du einen Protagonisten, der dir etwas erzählt, der dich durch die Geschichte führt. Bei einem 360°-Video bist du in dieser Situation, aber es zieht dich raus aus der Geschichte, weil eben nur die Situation passiert, es aber keine anderen Anhaltspunkte gibt. Da fand ich es eine sehr schöne Möglichkeit, das Ganze gut in eine Geschichte einbinden zu können, indem man ein Voice Over darüber legt.

Wie genau ließ sich das Projekt realisieren, wie kann man sich das vorstellen?

Ich war vor zwei Jahren das erste Mal für eine Spiegel-Geschichte auf einem der Rettungsboote von MOAS unterwegs. Das war eine ganz kurze Geschichte, eine Woche waren wir dort und haben eine kleine Rettungsaktion begleitet. Dieses Mal war es anders herum. Die Leute von MOAS haben mich angerufen und gefragt, ob ich sie für eine längere Zeit begleiten könne, weil ihnen meine Arbeit gefallen habe und weil sie selber auch Fotografen vor Ort brauchen, um der Öffentlichkeit zu zeigen, was da passiere. Da war ich dann sozusagen als Freelancer für MOAS auf diesem Schiff unterwegs und habe gefilmt, fotografiert, Interviews geführt und so weiter. Im Nachhinein habe ich die Geschichte angeboten und der Spiegel hat sie genommen. Dadurch, dass ich schon vorher Kontakt zu MOAS hatte und sogar mit derselben Crew schon mal unterwegs war, war es also relativ einfach, auf dieses Boot zu kommen und da mitzumachen.

Gab es bei der Realisierung Herausforderungen oder Schwierigkeiten?

Generell schon. Das war für mich das allererste Mal, dass ich mit einer 360°-Kamera gearbeitet habe. Ich hatte überhaupt keine Ahnung von der Materie und musste mich da erst mal einfuchsen. Das war die erste Herausforderung. Und die zweite Herausforderung war dann, als das Material schon entstanden und auf der Festplatte war, wie man das alles, also Fotos, Videos, O-Töne, Interviews und das 360°-Video, zusammen in eine Geschichte packen kann, sodass es einen Mehrwert bietet.

Und die Inhalte, bis auf die technische Umsetzung, hast Du komplett alleine erstellt?

Flüchtlingsboot voller Menschen. Im Hintergrund MOAS Rettungsschiff. Foto: Christian Werner / Zeitenspiegel

Flüchtlingsboot voller Menschen. Im Hintergrund MOAS Rettungsschiff. Foto: Christian Werner / Zeitenspiegel

Genau. Das habe ich alles selber gemacht. Der Spiegel, insbesondere Jens Radü, der Chef der Multimedia-Abteilung, hat sich um die Animationen, die Programmierung und um den Erzählfluss gekümmert. Ich habe die Videos geschnitten, gefilmt, Interviews geführt, das ganze Material aufgearbeitet. Generell arbeite ich eigentlich immer alleine. Wenn ich auf Recherche fahre oft mit einer zweiten Person, meist einem Autor, der den Text schreibt. Ich kümmere mich dann um Foto und Film. Weil ich für MOAS unterwegs war, war es anders. Ich musste alles alleine machen, auch zum Beispiel die Interviews führen.

Was bedeutet die Nominierung für den Grimme Online Award jetzt für Dich?

Also ich fühle mich sehr, sehr geehrt. Der Grimme Online Award ist ja schon sehr, sehr renommiert. Und ich hätte damit niemals gerechnet und war umso erfreuter, als mich die nette Dame vom Grimme Online Award anrief und mir die freudige Nachricht übermittelt hat.

Das Interview führte Frederik Peters.

Die Interviews mit den Nominierten sind im Rahmen eines Medienpraxis-Seminars an der Universität zu Köln entstanden. 

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