Jun 122017
 
Filmstill: Titel von "Im Märkischen Sand". Illustration: Cosimo Miorelli

Filmstill: Titel von “Im Märkischen Sand”. Illustration: Cosimo Miorelli

Der Web-Dokumentarfilm “Im Märkischen Sand – Nella sabbia del Brandeburgo” befasst sich mit dem für viele Jahre in Vergessenheit geratenen Massaker in Treuenbrietzen am 23. April 1945, bei welchem 127 italienische Militärinternierte von Angehörigen der deutschen Wehrmacht erschossen wurden. Ausdrucksstarke Illustrationen, Beiträge von Angehörigen der Opfer und dem letzten Überlebenden, Antonio Ceseri, zeigen auf sehr einfühlsame und anschauliche Art ein erlebtes Kriegsgräuel, das nicht verschwiegen und nicht vergessen werden darf. Mit ihrem Beitrag sind die Filmemacher Katalin Ambrus, Nina Mair und Matthias Neumann für den Grimme Online Award in der Kategorie “Wissen und Bildung” nominiert. Eine der ausführenden Kreativen hinter “Im Märkischen Sand”, Nina Mair, gibt im Interview einen Einblick in die Entstehung und die Hintergründe zum Web-Dokumentarfilm.

Filmstill: Antonio Ceseri, der letzte Zeitzeuge, in seiner Werkstatt.

Filmstill: Antonio Ceseri, der letzte Zeitzeuge, in seiner Werkstatt.

Wie seid Ihr auf das Geschehen, das Massaker von Treuenbrietzen, aufmerksam geworden?

Anfang der Neunziger sind zwei Historiker aus Berlin, Bodo Förster und Gianfranco Ceccanei, ganz zufällig auf diese Geschichte gestoßen. Daraufhin haben sie sich dazu entschieden, nach Treuenbrietzen zu gehen und haben die ganze Geschichte wieder ans Licht gebracht. Im Zuge dessen hat dann Matthias Neumann von einem befreundeten Historiker Anfang der Zweitausenderjahre erfahren, dass der letzte Überlebende nach Treuenbrietzen kommen wird. Er bat Matthias, eine Kamera mitzunehmen und ein Interview mit ihm zu filmen. Und so haben Matthias und Antonio Ceseri sich kennengelernt. Matthias fand die Geschichte super interessant, allerdings hat es dann doch ein paar Jahre gebraucht, ehe er sich dazu entschlossen hat, das Projekt wirklich anzugehen. Als es dann soweit war, hat er nach einer Regisseurin gesucht, die Italienisch spricht, und hat mich gefunden. Dazu kam noch Katalin Ambrus, die sich dann intensiver um die Geschichte in Treuenbrietzen gekümmert hat.

Was war Euer Ziel bei dem Projekt und was war für Euch die wichtigste Botschaft, die Ihr vermitteln wolltet?

Einerseits wollten wir eine vergessene Geschichte wieder ans Licht bringen. Anderseits ging es uns darum, die Opfer wieder in Erinnerung zu holen, indem wir ihre Geschichte erzählt haben, die lange Zeit verschwiegen wurde. Und wir wollten auch einen Beitrag dazu leisten, dass in Treuenbrietzen ein öffentlicher Diskurs darüber geführt wird, was bis dahin nicht passiert war. Vor allem ging es darum, eine Geschichte zu erzählen, die lange im Dunkeln lag. Und das Massaker in Treuenbrietzen ist nur ein Beispiel für ein Geschehnis aus der Vergangenheit, das aufgearbeitet werden muss.

Ihr habt für eure Arbeit den Goldene Kamera Digital Award bekommen und dadurch auch mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Zudem betreibt Ihr Aufklärung in Schulen und habt eine öffentliche Stimme – ist die Resonanz rein positiv?

v.l.n.r. Matthias Neumann, Carmine Mancini (Sohn eines Opfers) Nina Mair, Katalin Ambrus vor dem Kino in Treuenbrietzen. Foto: Thomas Wachs/MAZ

v.l.n.r. Matthias Neumann, Carmine Mancini (Sohn eines Opfers), Nina Mair, Katalin Ambrus vor dem Kino in Treuenbrietzen. Foto: Thomas Wachs/MAZ

Vor allem in Italien haben wir eine gute Resonanz gehabt. Und durch dieses Projekt habe ich manchmal das Gefühl, dass die Angehörigen der Opfer auch so etwas wie eine Berechtigung haben, über ihre Geschichten reden zu können. In Treuenbrietzen war es auch interessant. Wir hatten dort am Erinnerungstag eine Vorstellung und es sind sehr viele aus der Stadt gekommen, um sich unser Projekt anzusehen, auch viele, die beim Film nicht mitgemacht haben. Im Saal gab es dann ein sehr interessantes Gespräch. Ich hatte den Eindruck, dass die Leute endlich, zum ersten Mal, den Anlass hatten, über diese Ereignis miteinander zu reden. Im Zuge dessen zeigte sich der Museumsdirektor sehr bestürzt über die Fakten, zu welchen er sich zuvor eher zweideutig geäußert hatte. Die Konsequenz war, dass er seine Tätigkeit als Museumsdirektor nicht weiter ausüben durfte. Wenn eine fast revisionistische Stimme dem gehört, der die Verantwortung für die Erinnerung in der Stadt hat, ist das natürlich sehr gefährlich. Wir können nur kleine Schritte gehen und Türen öffnen, aber nicht direkt die Welt verändern. Wir haben im Februar zum Beispiel auch mit italienischen Schulklassen gearbeitet, die dann nach Deutschland gekommen sind, um eine Erinnerungsreise zu machen. Diese endete dieses Jahr in Treuenbrietzen, wo mehr als 1.000 Schüler vor Ort waren. Man sieht: wir machen zwar Kleinarbeit, aber diese stößt bis jetzt auf positive Resonanz.

Wie war es für Dich als Italienerin, sich mit diesem Thema bei dem Projekt auseinanderzusetzen?

Filmstill: Carmine Mancini, Sohn eines Opfers, besucht den italienischen Militärfriedhof in Berlin-Zehlendorf.

Filmstill: Carmine Mancini, Sohn eines Opfers, besucht den italienischen Militärfriedhof in Berlin-Zehlendorf.

Als die Anfrage von Matthias kam, habe ich mich erst mal darüber gefreut, mich mit einer anderen Art des Dokumentarfilms beschäftigen zu können. Dann bin ich aber für die Recherche nach Italien gegangen und habe gemerkt, dass es eine wirklich große, noch offene Wunde ist. Das hat mich natürlich sehr interessiert. Auch habe ich dabei einen großen Einblick in die Sichtweisen von Italienern auf Deutsche und auch umgekehrt erhalten. Deswegen fand ich es auch interessant, auf dieser Ebene zu arbeiten.

Es gab auf dem Friedhof in Berlin eine Szene, wo der Sohn eines Verstorbenen zu sehen war. Im Zuge des Dokumentarfilms fühlt sich der Sohn endlich befreit, weil er das Gefühl hat, dadurch einiges aufarbeiten zu können. Wie fühlt man sich dabei, wenn man so etwas geschafft hat?

Wir haben den meisten Angehörigen weniger geholfen, die Geschichte kennenzulernen, da viele schon wussten, was passiert war. Was wir gemacht haben ist, ihnen eine Stimme zu geben und ihnen diese Erinnerung zu verschaffen, indem die Öffentlichkeit Zugang dazu hat. Ich finde, dass es auch meine Aufgabe als Filmemacherin ist, den Leuten eine Stimme zu geben und interessante Geschichten zu erzählen. Aber auch über politische und soziale Ungerechtigkeiten zu berichten. Aus diesen Gründen mache ich Dokumentarfilme.

Euer Konzept ist eine Mischung aus Animations- und Dokumentarfilm. Wie seid Ihr darauf gekommen?

Filmstill: Das Massaker im Märkischen Sand. Illustration: Cosimo Miorelli

Filmstill: Das Massaker im Märkischen Sand. Illustration: Cosimo Miorelli

Das Thema ist sehr komplex und wir haben quasi zwei Schauplätze, Deutschland und Italien. Zudem haben wir zwei Zeitebenen – die Vergangenheit und die Gegenwart. Die Gegenwart war uns besonders wichtig zu zeigen. Welche Spuren finden wir noch von dem Massaker? Was ist dann passiert?
Geschichte beeinflusst die Gegenwart sehr stark, aber dafür muss diese auch erst mal erzählt und erklärt werden. Dann stellte sich die Frage, wie wir das machen sollen, wie wir die Geschichte erzählen wollen. Die erste Option wäre gewesen, mit Archivmaterial zu arbeiten. Das wäre allerdings sehr schwierig gewesen, denn aus Treuenbrietzen gibt es aus der Zeit praktisch nichts. Reenactment wäre eine zweite Möglichkeit gewesen. Wir hätten Schauspieler nehmen können, die das Ganze spielen, wobei es da sehr schwierig geworden wäre, die Grenze zwischen dokumentarisch und fiktional zu ziehen. Dann haben wir uns glücklicherweise für Animation entschieden und haben Cosimo Miorelli getroffen, der einfach eine großartige Arbeit macht. Er kann unaufgeregte, bewegte Bilder erschaffen und wir sind sehr zufrieden, dass wir mit ihm arbeiten konnten. Er hatte eine Menge Arbeit, denn er brauchte für jede Illustration eine genaue Vorstellung davon, wie die Orte aussahen, die Protagonisten et cetera. Dazu kam noch, dass uns seine Illustrationen auch sehr an Sand erinnert haben und das passt natürlich sehr zu unserem Thema.

Matthias Neumann bei den Dreharbeiten auf dem Sebaldushof, Treuenbrietzen. Foto; Katalin Ambrus

Matthias Neumann bei den Dreharbeiten auf dem Sebaldushof, Treuenbrietzen. Foto: Katalin Ambrus

Was bedeutet die Nominierung für den Grimme Online Award für Euch?

Es ist für uns als kleine, unabhängige Produktion immer sehr schön, wenn jemand auf unsere Web-Doku aufmerksam wird und uns für Veranstaltungen einlädt oder uns für Preise aussucht. Die Grimme-Preise haben in Deutschland natürlich einen großen Stellenwert, was journalistische Arbeit angeht. Und ich würde sagen, dass wir versucht haben, sehr, sehr genau zu arbeiten. Wir haben wirklich das Beste gegeben, um einerseits viele Leute zu Wort kommen zu lassen, aber auch neutrale Quellen einzubeziehen, wie der Extra-Content auf der Website zeigt. Dadurch konnten wir dem User so viele Informationen wie möglich zukommen lassen. Für uns ist die Nominierung bei einem journalistischen Preis deshalb auch so wichtig, weil dadurch diese genaue Arbeit anerkannt wurde. Es ist einfach eine große Ehre!

Das Interview führten Miriam Stupp und Ricarda von Klitzing.

Die Interviews mit den Nominierten und die Videos sind im Rahmen eines Medienpraxis-Seminars an der Universität zu Köln entstanden.

  One Response to “Von einem Ereignis, das nicht vergessen werden darf”

  1. Ich unterstütze die Nominierung der webdoku IM MÄRKISCHEN SAND von Matthias Neumann u. Collektive für den Grimme Online Award 2017. Sie ist eine beachtliche filmisch-pädagogische Leistung!

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