Mrz 262018
 

„Merkel hofft auf 12 Millionen Einwanderer“ oder „Asylbewerber bekommen den Führerschein zum Nulltarif“ –­ das sind absurde Schlagzeilen, Für viele Facebook-User scheinen sie aber plausibel zu sein, sodass diese Meldungen fleißig kommentiert, geliked und geshared wurden – bewusst manipulierte Artikel, die gezielt gestreut werden. Kontroverse Inhalte wie diese sorgen für Clicks und bedienen finanzielle oder politische Motive. „Fake News“ nennen wir diese Falschnachrichten, die eine inhaltliche Nähe aufweisen zu Hassreden im Netz, denn oftmals unterfüttern „Fake News“ diese inhaltlich.

Beim dritten Teil der Demokratie-Zukunftswerkstatt als Teil der Veranstaltungsreihe ‚Handeln mit Konzept – Lokales Handlungskonzept gegen Rechtsextremismus und Rassismus im Kreis Recklinghausen‘ (NRWeltoffen/Grimme-Institut) geht es um genau dieses Thema: Wie gehe ich mit „Fake News“ und „Hate Speech“ um? Den fachlichen Input liefern Lars Gräßer und Aycha Riffi von der Grimme-Akademie. In Vorträgen zu den Themen „Fake News“ und „Hate Speech“ wollen sie Grundlagen schaffen und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen – gerade auch auf der lokalen Ebene oder im direkten sozialen Umfeld.

Wir leben in einer Mediengesellschaft – alles andere ist weltfremd

Ein reißerischer Titel, eine ordentliche Portion Dramatik mit Bezug auf die aktuelle Politik und ein neuer Skandal – das scheint das Grundrezept für „Fake News“ zu sein. Oft sind die Zeichen aber gar nicht so eindeutig, um einen Artikel als falsch entlarven zu können. Da hilft nur eine intensive Recherche. Die YouTuberin It’sColeslaw gibt 25 Tipps, um eine Quelle zu prüfen – da kommt schnell die Frage auf, woher man die Zeit dafür nehmen solle. „Diese Zeit muss man sich nehmen. Wir leben in einer Mediengesellschaft – alles andere ist weltfremd“, so argumentiert Lars Gräßer.

Ja, unsere Gesellschaft hat sich gewandelt – die klassischen Medien verlieren ihren Gatekeeper-Status, unsere Meinungsbildung verlagert sich ins Netz. Gerade für junge Zielgruppen entwickeln sich soziale Medien zunehmend zur Hauptinformationsquelle. Sie bilden einen neuen Kommunikationsraum, der nach seinen eigenen Regeln spielt: Algorithmen, und nicht mehr Journalisten, entscheiden hier über die Reichweite von Inhalten. Dieser Medienwandel erfordert eine ganz neue Form des Umgangs – sowohl für Kinder und Jugendliche, als auch für Erwachsene.

Für Fake News sensibilisieren

Medienbildung muss noch stärker Teil der formellen, aber auch der informellen Medienbildung werden, fordern die Teilnehmenden der Demokratie-Zukunftswerkstatt. Auf dem Weg dahin helfen Initiativen und Projekte, die heute schon für das Thema „Fake News“ sensibilisieren: mimikama.at, stimmtdas.org oder der Faktenfinder der Tagesschau versuchen, Licht in die dunklen Sphären der „Fake News“ zu bringen. Und wer es eher spielerisch mag: Vor kurzem heraus gekommen ist die „Fake News App“ der Landeszentrale für politische Bildung NRW, die wie ein Text-Adventure funktioniert und zwar in Form eines Chat-Bots (Was das konkreter meint, erläutert der Blogbeitrag „Der Kampf gegen die verführerische Lüge“).

Noch Troll oder schon einen Schritt weiter?

Hassrede im Netz ist ein Phänomen, das sich nicht unbedingt gegen Einzelpersonen richtet, grenzt Aycha Riffi „Hate Speech“ gegenüber „Cybermobbing“ ab. Vielmehr gehe es um den Hass auf bestimmte Personengruppen bzw. Einzelne, weil sie bestimmten Personengruppen angehören, vor allem Minderheiten. Anders als bei „Trollen“ im Web, die durch ihre Beiträge meist nur Aufmerksamkeit erzeugen möchten, sei Hassrede im Netz oft menschenverachtend, rassistisch und mit einem politischen Statement versehen, so Riffi.

„Online Hate Speech“ findet im digitalen Raum statt – „Aber auch dieser Raum ist Realität und, anders als manche glauben, kein rechtsfreier Raum“, so Aycha Riffi. Auch hier gelten die Gesetze und der Betreiber der Webseite habe zudem ein Hausrecht. Hassredner empfinden das ausgeübte Hausrecht aber gerne als Einschränkung ihrer Meinungsfreiheit oder als Zensur, so Riffi, da gilt es den Usern die Regeln klarzustellen, zum Beispiel über eine „Netiquette“

Bei „Hate Speech“ muss moderativ eingegriffen werden, damit hier kein Raum entsteht, in dem nur noch Hassredner miteinander kommunizieren und ihre Meinung vertreten. Die Initiative #ichbinhier setzt beispielsweise als Gegenpol „Counterspeech“ in den Kommentarspalten ein, sie verabreden sich gezielt für bestimmte Online-Diskussionen.

Was bin ich für ein Typ?

Und immer wieder gibt es Grenzfälle, in denen es nicht eindeutig ist. Diese Grenzfälle machen es den Usern schwer, zu entscheiden, ob ein Post oder Kommentar gemeldet werden soll. Bei Unsicherheiten kann man einen Hasskommentar, neben den Meldeseiten der sozialen Netzwerke, mittlerweile an verschiedenen Stellen melden, so z.B. unter www.hass-im-netz.info oder auf Seiten der Landesmedienantalten. Diese prüfen dann, ob dieser Kommentar justiziabel ist oder nicht, also strafrechtlich verfolgt werden muss.

Und wer sich nochmal vertieft mit Hassrede im Netz auseinander setzen will: Die Grimme Akademie stellt in Zusammenhang mit dem Thema „Hate Speech“ einen Methodenkoffer zum Download zur Verfügung, in dem sich verschiedene Materialien aus dem Projekt „BRICkS“ befinden.

Auf keinen Fall ignorieren

Wie würde man selbst mit „Hate Speech“ und „Fake News“ umgehen? Was tun, wenn Freunde etwas Rassistisches auf Facebook liken oder teilen? Oder wenn der Kollege mit ausländerfeindlichen Memes sein Büro „dekoriert“? Die Initiatoren der Veranstaltungsreihe ‚Handeln mit Konzept“, Michael Moser und Ruven Hein, beauftrag vom Kreis RE, stellen bei der abschließenden Konzeptionsphase den Teilnehmenden hierzu verschiedene Beispiele vor: Falschmeldungen über Asylbewerber, dumme Sprüche über Einwanderer und Aufhetzungen gegen Minderheiten.

Häufig scrollt man nur ein paar Minuten durch Facebook. Auf der Timeline taucht zuerst nichts Ungewöhnliches auf, aber dann sticht ein Beitrag ins Auge: Eine Bekannte hat etwas gelikt, was eindeutig antisemitisch ist und sogar zu Gewalt aufruft. Melden, anzeigen, die Freundin ansprechen? Viele greifen auf die im Vortrag vorgestellten Methoden zurück: Den Beitrag Facebook melden und bei einer der Online-Ressourcen für eine Anzeige prüfen lassen.

Oder wie soll ein Lehrer reagieren, wenn er entdeckt, dass Schüler Mitglieder in einer WhatsApp-Gruppe sind, die „Deutsches Reich“ heißt und  auch einige der Nachrichten auf nationalsozialistisches Gedankengut  hindeuten. In der Diskussion wurde schnell beschlossen: Auf keinen Fall ignorieren. Mit diesen Schülern und auch allen anderen muss in den Dialog gegangen werden  – und dass nicht nur einmalig, an ausgewiesenen Aktionstagen, sondern  nachhaltig,  unterstützt durch ständig verfügbares Informationsmaterial. Kommunen oder Kreise können Schulen hierbeihelfen, indem sie Angebote vernetzen, Experten vermitteln und auf Weiterbildungen hinweisen.

Am Ende steht fest, dass „Fake News“ und „Hate Speech“ uns vermutlich noch eine lange Zeit beschäftigen und für Diskussionen sorgen werden. Veranstaltungen wie diese können aber Werkzeuge an die Hand geben, wie wir mit ihnen umgehen können.

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