Mai 172016
 
Ortsschild, auf dem Trapetto als Stadtteil Solingens gilt. Foto: Stephan Morgenstern

Ortsschild, auf dem Trapetto als Stadtteil Solingens gilt. Foto: Stephan Morgenstern

Ende 1955, vor 60 Jahren also, wurde ein Anwerbeabkommen zwischen Italien und Deutschland geschlossen. Daraufhin kamen viele Italiener als Gastarbeiter nach Deutschland. Damals wanderte das sizilianische Dorf Trappeto fast geschlossen nach Solingen-Ohligs aus. Stephan Morgenstern und Michaela Böhm haben die “Trappetesi” in Solingen getroffen und mit ihnen über die Ankunft in Deutschland und den Dolce-Vita-Mythos gesprochen. Sie sind nach Trappeto gereist und haben sich das italienische Dorf genau angesehen. Denn heutzutage leben viele der ehemaligen Gastarbeiter wieder in ihrer italienischen Heimat, oder verbringen zumindest einen Teil des Jahres dort. Morgenstern und Böhm zeichnen in dieser Multimedia-Reportage für Deutschlandradio Kultur ein Bild von den Lebensbedingungen der Gastarbeiter in Solingen – damals und heute. Das Projekt ist in der Kategorie Kultur und Unterhaltung für den Grimme Online Award nominiert. Beide erzählen im Interview von ihrer Arbeit.

Wie ist das Projekt “Trappeto-Solingen-Trappeto … und zurück entstanden?

Screenshot: Grimme-Institut

Screenshot: Grimme-Institut

Böhm: Ich bin im Urlaub durch Zufall in Trappeto gelandet. Immer wieder bin ich dort auf Deutsch angesprochen worden und die Leute haben erzählt, dass sie bei Bremshey gearbeitet haben, bei Olbo, Kronprinz, Krups, und dort, wo Scheren, Messer und Klingen produziert wurden. Nun ist es ja nicht außergewöhnlich, dass in den 1960er Jahren so gut wie ganze Dörfer auf der Suche nach Arbeit ausgewandert sind. Aber dass die Trappetesi fast allesamt in Solingen gelandet sind, das fand ich erstaunlich. Das konnte mir dann der Historiker Roberto Sala erklären: Zuerst findet der Onkel Arbeit, der holt den Neffen nach, die Nichte und Schwester, eine Kettenwanderung setzt sich in Gang. So ging eine Recherche los, die ich immer spannender fand, je mehr ich gelesen und gefragt habe.

Morgenstern: Das Projekt ist also völlig zufällig entstanden – wie einen die meisten guten Sachen erreichen.

Wie sah Ihre Arbeit am Projekt aus?

Morgenstern: Michaela Böhm hat die Interviews geführt, ich habe die Fotos gemacht und bin für die technische Umsetzung verantwortlich. Nach und nach haben wir viele der aus Trappeto eingewanderten Menschen in Solingen besucht und uns ihre Geschichten erzählen lassen. Wir haben sie in Kneipen getroffen, bei Veranstaltungen und waren bei privaten Feiern. Schließlich sind wir im Herbst nach Trappeto gefahren und haben die Rückwanderer getroffen. Ein halbes Jahr lang waren wir immer mal wieder mit dem Projekt beschäftigt.

Viele Menschen in Deutschland kennen den Dolce-Vita-Mythos, der die Gastarbeiter aus Italien umgibt. Sie haben mit den Trappetesi in Solingen darüber gesprochen. Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Böhm: Dass das zwei Welten sind, die sich selten berühren. Dolce vita ist das Ergebnis ausgeklügelter Marketingstrategien; vom Parmaschinken bis zur Vespa wurde dem Westdeutschen das süße Leben als italienische Lebensart verkauft. Der hat es gern geglaubt und hat die Klischees den sizilianischen Arbeitsmigranten und Migrantinnen übergestülpt. Bloß – mit der Realität hat das nichts zu tun. Die Männer und Frauen, die schweren Herzens Sizilien verlassen haben, haben hier schwer geschuftet und oft die besonders gefährlichen und dreckigen Arbeiten erledigt.

Morgenstern: In den 50er Jahren arbeiteten viele Trappetesi als Tagelöhner in der Landwirtschaft. Trappeto war unglaublich arm und so gut wie jeder, der im arbeitsfähigen Alter war, hat das Angebot angenommen und ist zum Arbeiten nach Solingen gegangen. Der Erste war ein Friseur, dann kam der Onkel nach und die Nichte. Im Laufe der Jahre wurde das sizilianische Fischerdorf nach Solingen-Ohligs exportiert. Die italienischen Einwanderer wollten möglichst schnell viel Geld verdienen, um sich zurück in Sizilien eine Existenz aufbauen zu können.

Böhm: Was muss das für eine Umstellung gewesen sein. Einer hat erzählt, dass er in Trappeto oft zum Fischen auf dem Meer war und wie er sich hier in der Fabrik eingesperrt fühlte. Das war wie Gefängnis, hat er gesagt. Heute hat er ein Restaurant in Solingen. Übrigens ist er eine Ausnahme. In den wenigsten Fällen haben die Arbeitsmigranten den Sprung von der Fabrik zum Restaurantbesitzer geschafft. Auch wieder ein Mythos. Die meisten Gelatieri sind aus dem Veneto gekommen und haben hier Eisdielen aufgemacht und die Restaurants wurden von italienischen Gastronomen geführt. Kurzum: Die sogenannten Gastarbeiter der ersten Generation sind als Arbeiter und Arbeiterinnen gekommen und sind es oft geblieben. Was nichts mit ihrer Nationalität zu tun hat, sondern mit ihrer sozialen Schicht.

Wie haben Sie Trappeto als “Tourist” wahrgenommen?

Blick über die Küste Trappetos. Foto: Stephan Morgenstern

Blick über die Küste Trappetos. Foto: Stephan Morgenstern

Morgenstern: Ich war nicht wirklich als Tourist dort, sondern habe fotografiert. Ich habe also gearbeitet, aber ich war gerne dort. Trappeto ist kein touristisches Dorf. Es ist ein typisch italienisches Dorf mit rund 3.000 Einwohnern. Im Dorfkern gibt es zwei Bars und das einzige Restaurant, wo man auch im Oktober etwas zu Essen bekommt, liegt direkt am Meer, beziehungsweise an der Uferpromenade. Es gibt einen schönen alten Fischerhafen, der vor sich hin rottet. Die Einwohner versuchen aber langsam, Tourismus in das Dorf zu bekommen. Eigentlich ist alles da was man braucht:  das Meer, ein bisschen Strand und eine sehr günstige Lage in der Nähe von Palermo, Trapani und einem Flughafen. Insofern könnte das gelingen.

Sie haben, zuvor in Deutschland, mit den Mitgliedern der italienischen Gemeinde in Solingen an einer lebendigen Karfreitagsprozession teilgenommen. Wie haben Sie diese empfunden?

Morgenstern: Das war etwas, was man in Deutschland sehr selten erleben kann. Es waren nur Italiener bei der Prozession dabei. Einer von ihnen schleppte ein 60 Kilogramm schweres Kreuz quer durch die Stadt und wurde dann auf dem Aldi Parkplatz ans Kreuz genagelt. Natürlich wurde er nur angebunden, aber der Anblick war schon sehr bizarr. Die Trappetesi haben eben ihre Kultur nach Deutschland mitgenommen.

Stephan Morgenstern bei der Nominierung für den Grimme Online Award 2016. Foto: Grimme-Institut / Rainer Keuenhof

Stephan Morgenstern bei der Nominierung für den Grimme Online Award 2016. Foto: Grimme-Institut / Rainer Keuenhof

Was bedeutet die Nominierung für den Grimme Online Award für Sie?

Morgenstern: Wir haben gar nicht damit gerechnet. Das ist wirklich großartig. Ich mache schon seit mehr als 20 Jahren vertonte Fotoreportagen und da ist die Nominierung natürlich auch eine Anerkennung für die Richtung, die ich mit meiner Arbeit eingeschlagen habe.

Böhm: Ich habe mich gefreut. Und schön finde ich es, durch die Nominierungen auf Projekte aufmerksam zu werden, die ich sonst vermutlich nicht entdeckt hätte.

Autorin: Pascalina Murrone
Die Interviews mit den Nominierten sind im Rahmen eines Medienpraxis-Seminars an der Universität zu Köln entstanden.

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