Markus Prior von der Princeton University bei seinem Vortrag beim Symposium "Erfolgreicher digitaler Journalismus". Foto: Daniel Kunkel

Markus Prior von der Princeton University beim Symposium “Erfolgreicher digitaler Journalismus”. Foto: Daniel Kunkel

Forschung zu politischem Interesse und Medienkonsum.

Aus den USA angereist ist Markus Prior, Professor of Politics and Public Affairs an der Princeton University – und bittet vorab um Nachsicht: Noch nie habe er einen Vortrag über dieses Thema auf Deutsch gehalten, es könne also sein, dass er ins Englische rutsche. Sein Thema ist politisches Interesse in der Demokratie und als Motivationsgrundlage für (digitalen) Journalismus.

“Für mich ist wichtig, zu verstehen, warum Leute überhaupt Nachrichten lesen, hören oder schauen. Das Medium an sich ist nicht so wichtig”, erläutert Prior. Dieses Verhalten sei für ihn ein Indikator für politisches Interesse – und Hintergrund für die Frage, ob es möglich ist, mehr Leute dazu zu motivieren, sich für Politik zu interessieren.

Untersuchungen zum Fernsehverhalten zeigten, dass sich ganz viele Zuschauer entscheiden, Nachrichten zu sehen, wenn sie die Auswahl haben zwischen Nachrichten und Abschalten des Gerätes. “Die Leute gucken die Nachrichten, weil es nichts Besseres gibt. Die Leute wollen nicht ausschalten”, so Prior. Gebe es aber Alternativen, zum Beispiel ein Unterhaltungsprogramm, reduziere sich die Zahl der Nachrichtenseher auf etwa die Hälfte.

Markus Prior von der Princeton University spricht über Untersuchungen zu politischem Interesse. Foto: Daniel Kunkel

Markus Prior von der Princeton University spricht über Untersuchungen zu politischem Interesse. Foto: Daniel Kunkel

Alternativen zu Nachrichten

“Wenn man Nachrichten vermeiden will, kann man heute sehr leicht etwas finden, was unterhaltsamer ist”, fasst Prior zusammen, wie sich das stark ausgeweitete Medienprogramm nicht nur im Fernsehen, sondern auch im Internet, auf das Nutzungsverhalten auswirkt. Prior fragt: “Wer bleibt bei den Nachrichten, wenn sie nicht mehr müssen? Und wer interessiert sich überhaupt für Politik?”

Prior unterscheidet bei dieser Frage in ein situationsbedingtes politisches Interesse (situational), das nur in dem Moment vorhanden ist, und ein veranlagtes Interesse (dispositional), sich wiederholt mit politischen Inhalten zu beschäftigen, das nicht nur vorhanden ist, wenn es einen Reiz gibt – und illustriert es am Beispiel eines Clowns: Wenn ein Clown einen Raum betritt, richte sich alle Aufmerksamkeit sofort auf ihn, egal, ob man sich grundsätzlich für Clowns interessiere oder nicht. Der Auftritt des Clowns ändere aber normalerweise nicht etwas am grundsätzlichen Interesse für Clowns – sobald er den Raum wieder verlässt, würden sich die Zuschauer auch nicht mehr mit Clowns beschäftigen.

Politisches Interesse ist beständig

Dieses Interesse – für politische Inhalte, nicht für Clowns – verändere sich nicht mehr in großem Umfang, wenn wir erwachsen seien. Die Phase, in der eine Änderung zu beobachten sei, ende in etwa mit Mitte 20. Es spräche also einiges dafür, dass das politische Interesse mindestens zum Teil von den Eltern übernommen würde. Es basiere auch nicht auf finanziellen Mitteln oder Wohlstand. Markus Prior sieht im politischen Interesse aber die Grundlage für eine partizipatorische Gesellschaft und für Journalismus als Geschäftsmodell. Und es sei nicht damit verbunden, dass man wählen gehe, oder sehr viel über Politik wisse.

Das derzeitige verstärkte politische Interesse in den USA, was sich an der sehr hohen Wahlbeteiligung ablesen lasse, sei eher eine Art Gegenreaktion auf den Populismus von Donald Trump. Im Prinzip bliebe das politische Interesse über die Jahre relativ gleich, lediglich sehr einschneidende Ereignisse, in Deutschland zum Beispiel die Wiedervereinigung, würden es signifikant ansteigen lassen.

Journalismus stärkt die Demokratie

“Ist aber politisches Interesse das gleiche wie eine Vorliebe für Nachrichten?” fragt Prior weiter und kommt zu dem Schluss, dass diese zwei Arten von Interesse schon ziemlich stark verknüpft seien. “Es gibt eine Gruppe, die Nachrichten interessant finden, sich aber nicht für Politik interessieren”, fasst er entsprechende Befragungen zusammen, “die denken an andere Nachrichten, zum Beispiel aus dem Boulevard.”

Grundsätzlich sei es aber so, dass sich im Berufsfeld des Journalismus eher Personen fänden, die politisch interessiert seien, erläutert Markus Prior in seinem Fazit. Der Journalismus andererseits könne sich darauf verlassen, dass sich politisch Interessierte weiterhin auch für die journalistischen Inhalte interessieren. Dabei schaffe der Journalismus selten neues Interesse, sondern füttere das bestehende. Und er stärke die Demokratie, indem er die politisch Interessierten informiere. “Ich glaube schon, dass sich die am meisten politisch Interessierten auch für den besten Journalismus interessieren”, so Prior, “aber würden sie auch dafür bezahlen?”


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