Nicola Kleer von der Universität zu Köln berichtet über die Befragung zum Grimme Online Award. Foto: Daniel Kunkel

Nicola Kleer von der Universität zu Köln berichtet über die Befragung zum Grimme Online Award. Foto: Daniel Kunkel

Was kann digitalen Journalismus fördern?

Für die Forschung zur Zahlungsbereitschaft für hochwertigen digitalen Journalismus wurden an der Professur für Medien- und Technologiemanagement an der Universität zu Köln auch die Nominierten und Preisträger des Grimme Online Award befragt. Nicola Kleer fasst die Ergebnisse zur Frage “Welchen Einfluss hat der Grimme Online Award auf die Nachfrage nach digitalen journalistischen Produkten?” zusammen.

Für die Untersuchung habe man zu 170 Nominierten und Gewinnern der Jahre 2011 bis 2018 Kontakt aufgenommen und davon 34 telefonisch befragt. Zusätzlich habe man – wo vorhanden – Nutzungsdaten ausgewertet. Bei der ungestützten Befragung wurde der Grimme Online Award als “Qualitätssiegel” bezeichnet, als “Aushängeschild”, es wurde gesagt, er “ist der einzige Preis, dem im Journalismus eine wichtige Rolle zukommt”, er “ist hilfreich für die Selbstdarstellung” und er “löst unter Kollegen viel Aufmerksamkeit aus”. Dass er aber einen Effekt auf die Nachfrage habe, sagte keiner der Befragten von sich aus.

Dies entspricht dann auch der gestützten Befragung, bei der nach Einschätzung der Nominierten und Preisträger insbesondere das Renommee in der Medienbranche gesteigert wird. In Bezug auf die Nutzungszahlen fasst Nicola Kleer die Ergebnisse von Befragung und Analysedaten zusammen:  Gewinn oder Nominierung lassen die Seitenaufrufe kurz ansteigen, es hat einen kurzfristigen, aber keinen nachhaltigen Effekt auf die Nachfrage.”

Vera Lisakowski vom Grimme Online Award überlegt, was Preise für digitalen Journalismus tun können. Foto: Daniel Kunkel

Vera Lisakowski vom Grimme Online Award überlegt, was Preise für digitalen Journalismus tun können. Foto: Daniel Kunkel

Preisgekrönt – und dann?

Dies ist auch der Eindruck, den Vera Lisakowski, im Grimme-Institut zuständig für den Grimme Online Award, über die Jahre gesammelt hat. Sie fasst zusammen, was Medienpreise für den digitalen Journalismus tun könnten. Hierzu sei zunächst mal zu unterscheiden, um welche Art von Preis es sich handele, so Lisakowski, viele Preisverleihungen dienten nur dazu, Aufmerksamkeit auf denjenigen zu lenken, der die Preise vergebe, nicht etwa auf die Preisträger.

Bei den Preisen des Grimme-Instituts sei dies anders, “das Verfahren ist darauf ausgerichtet, mit größtmöglicher Unabhängigkeit die qualitativ besten Nominierten und Preisträger herauszufiltern”, so Lisakowski. Eine direkte finanzielle Förderung gebe es beim Grimme Online Award aber nicht, denn es gebe kein Preisgeld, nur einen Nominiert- oder Preisträger-Button, eine Urkunde und eine Trophäe. Anders als bei einigen Preisen im Games- oder Filmbereich, wo hohe Fördersummen ausgeschüttet würden, handele es sich beim Grimme Online Award also nicht um eine wirtschaftliche Förderung.

“Wenn es also keine direkte finanzielle Förderung ist, was kann es dann sein?” fragt Vera Lisakowski, um sogleich die Antwort zu geben: “Zunächst einmal ist es eine Anerkennung für die Macher, die sich bei allen nominierten Projekten stark engagieren. Egal, ob sie in größeren Häusern tätig sind, kleinere eigene Unternehmen haben oder als Einzelkämpfer agieren.” Diese Anerkennung könnten die Macher auch nach außen tragen, auf ihrer Website veröffentlichen oder in ihrer Biografie. “Wie viel das nützt, zum Beispiel bei der Auftragsvergabe oder der Jobsuche, kann ich natürlich nicht sagen”, so Lisakowski, “aber schaden wird es wahrscheinlich nicht.”

Folgeaufträge als Effekt

Das Grimme-Institut versuche natürlich auch, so viel Öffentlichkeit wie möglich herzustellen, um damit die nominierten und prämierten Angebote bekannter zu machen. Dies habe sicher einen kurzfristigen Effekt auf die Besuchszahlen, aber keinen direkten Effekt auf die Finanzierung. Einen längerfristigen Effekt könne es aber doch haben, so Lisakowski, insgesamt könne der Preis Türen öffnen: Im Hinblick auf Buchveröffentlichungen, Vorträge oder andere Aufträge. Das gelte auch und vielleicht gerade innerhalb von Medienhäusern, sagt Vera Lisakowski: “Nach einem nominierten oder preisgekrönten Projekt, ist es – das haben mir schon viele erzählt – für die Macher viel einfacher, bei ihren Chefs Folgeprojekte durchzusetzen.”

Lernen über Qualität im Netz

Ganz oft sähen sie auch, dass im Folgejahr ähnliche Projekte eingereicht würden, wie die im Vorjahr ausgezeichneten. Erfolgreiches zu kopieren sei zwar eigentlich nicht Sinn der Sache, “aber wir freuen uns natürlich, wenn sich die Leute mit den prämierten Projekten beschäftigen – und damit eben auch mit Qualität im Netz.”

Denn das sei der ursprüngliche Sinn des Grimme Online Award: Er komme aus der Medienbildung und der Gedanke dahinter sei, dass sich sowohl Anbieter, als auch das Publikum mit Qualität im Netz beschäftigten und qualitätvolle von nicht so guten Angeboten zu unterscheiden lernten. “Das ist ein hehres Ziel, wir wissen das, aber wir hoffen sehr, dass der Preis so ein kleines bisschen zur Förderung von publizistischer Qualität im Netz beitragen kann”, schließt Lisakowski.

Meike Isenberg von der Landesanstalt für Medien NRW zeigt Fördermöglichkeiten für Journalismus auf. Foto: Daniel Kunkel

Meike Isenberg von der Landesanstalt für Medien NRW zeigt Fördermöglichkeiten für Journalismus auf. Foto: Daniel Kunkel

Das Lokale fördern

Mit direkter Förderung beschäftigt sich Meike Isenberg von der Landesanstalt für Medien NRW, die Programme zur Unterstützung digitaljournalistischer Inhalte vorstellt. Dazu gehört die Stiftung “Vor Ort NRW”, die den Lokaljournalismus in Nordrhein-Westfalen fördern möchte. Die Aufgaben lege das Landesmediengesetz NRW fest: die Wissens- und Kompetenzvermittlung, die Förderung und die Vernetzung von Medienschaffenden und Organisation von Events zur Weitergabe von Wissen, so Isenberg. Konkret wäre das zum Beispiel die Unterstützung von Anbietern journalistischer Weiterbildung. Außerdem würden Gründer lokaljournalistischer Angebote, wie Nachrichtenportale auf lokaler oder kommunaler Ebene, mit Finanzierung, Coaching oder Beratung gefördert. Auch eine Anschubfinanzierung innovativer Projekte sei möglich. Wichtig sei aber vor allem auch der Austausch untereinander, so gebe es eine sehr aktive Slack-Gruppe.

Auch das Innovationsprogramm “Reinvent Local Media” widmet sich dem Lokaljournalismus. Es richte sich an Teams und Einzelpersonen mit einer Startup-Idee im frühen Entwicklungsstadium und soll als Ideenschmiede und Gründerzentrum Raum für Experimente bieten. So erhoffe sich die Landesanstalt für Medien NRW, Entwicklungen zu beschleunigen, erklärt Isenberg. Die potentiellen Gründer werden von der ersten Idee bis zur möglichen Umsetzung in Veranstaltungen und mit Fachleuten betreut.

Wer bezahlt für was?

Auch über die Planungen für das Jahr 2019 spricht Meike Isenberg: Es wird eine Nutzerstudie zur Zahlungsbereitschaft für digitaljournalistische Inhalte geben. Herausgefunden werden soll, “welcher Nutzertyp ist für welchen Content in welcher Zahlungsweise bereit zu zahlen?” Dies solle Medienhäusern und journalistischen Startups konkrete Ansatzpunkte bieten, ihre Geschäftsmodelle an den tatsächlichen Bedarfen und Präferenzen ihrer jeweiligen Kernzielgruppen auszurichten. Zudem sollten die Erkenntnisse einen konstruktiven Beitrag zur Debatte um Monetarisierungsmöglichkeiten von journalistischen Inhalten leisten, so Isenberg.

Diskussion über Journalistenpreise als mögliches Förderinstrument für digitalen Journalismus. Foto: Daniel Kunkel

Diskussion über Journalistenpreise als mögliches Förderinstrument für digitalen Journalismus. Foto: Daniel Kunkel

Wen erreicht ein Preis?

Auch nach diesem langen und inhaltsreichen Tag entwickelt sich noch eine lebhafte Abschlussdiskussion, in deren Zentrum der Grimme Online Award steht. Nach den ersten Forschungsergebnissen sehe es so aus, als richte sich der Grimme Online Award hauptsächlich an die Medienbranche. “Will der Grimme Online Award in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen werden?” fragt dann auch Christian Wellbrock provokant. Es sei kein Branchenpreis, sondern er möchte auf jeden Fall in einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen werden, denn das Ziel sei ja Medienbildung, beschreibt Vera Lisakowski noch einmal, was der Preis bewirken soll, “wir möchten allen zeigen, dass dieses Internet auch richtig gute Sachen hervorbringt”, so Lisakowski.

Aus dem Publikum kommt der Einwand, dass der Grimme Online Award besser nicht größer werden sollte, denn dann wäre er auf Sponsoren angewiesen: “Die Unabhängigkeit ist jetzt noch garantiert, wo kein großer Sponsor dahinter steckt.” Diese Bedenken kann Vera Lisakowski jedoch zerstreuen – ihr ginge es eher um eine größere Verbreitung der Inhalte, nicht um eine größere Preisverleihung. Nicola Kleer berichtet aus der Befragung der Nominierten und Preisträger, dass viele der Befragten angemerkt hätten, dass viele junge Nutzer nicht unbedingt daran interessiert seien, ob ein Onlineprojekt ausgezeichnet wurde oder nicht. “Man muss vielleicht versuchen, den Preis auch an die jungen Nutzer bringen” so Kleer.

Was ist Qualität?

“Inwiefern werde die Nachfrage für qualitativen Journalismus überschätzt? Auch in Bezug auf Monetarisierung der Inhalte”, fragt Christian Wellbrock und erhält Antwort aus dem Publikum: Das käme auf die Definition von qualitativ hochwertig an. “Was sind die Bedürfnisse der Menschen da draußen? Und in welchem Kontext haben sie welche Informationsbedürfnisse?” Unterschiedliche  Nutzungsgewohnheiten und -typen seien wichtig, so wäre für eine kurze Zugfahrt ein kurzer Inhalt gut, bei einer langen Zugfahrt habe man aber durchaus auch das Bedürfnis nach langen Inhalten. Längerer und guter Content werde durchaus vermisst. “Im Netz ist ganz viel Platz. Wir hätten die Möglichkeit, den Inhalt das Format bestimmen zu lassen”, lautet ein Einwurf aus dem Publikum, stattdessen werde “Snackable Content” erstellt, dahinter trete der Inhalt zurück. Ob das Format zum Inhalt passe, sei auch eines der Beurteilungskriterien beim Grimme Online Award, erklärt Vera Lisakowski, “wenn der Inhalt nicht dazu passt, nützt es nichts, dass das Tool gut ist.”

Preisgekrönt und trotzdem gescheitert

Anfangs hätten die bestehenden Medien im Onlinebereich qualitativ schlechtere Angebote gemacht, und auch heute würde noch viel, aber dann auch viel Schlechtes produziert, weil es ja nur fürs Netz sei, so eine Beobachtung aus dem Publikum, “deshalb ist der Grimme Online Award toll, der die qualitativ guten Angebote auszeichnet.” Gerade bei Exotenprojekten würde man merken, dass viel Innovation passiert, die auch wichtig sei, selbst wenn sie wieder verschwinde, so eine Stimme aus dem Publikum. “Für den Markt kommt viel aus der Innovation heraus, was dann genutzt werden kann. Auch wenn es nicht wirtschaftlich lief.” “Einige beim Grimme Online Award ausgezeichneten Projekte waren super, Nominierungskommission und Jury waren begeistert”, berichtet Vera Lisakowski, “an der Finanzierung sind sie aber trotzdem gescheitert.” Vielleicht ließe sich eher der “normale” Journalismus vom Nutzer finanzieren, nicht die aus dem Normalen herausragenden Projekte, die der Grimme Online Award auszeichne.

Mitgliedschaft in der Community

Christian Wellbrock merkt an, dass die Inhalte immer fragmentierter werden und fragt: “Verkauft man bei Zahlangeboten überhaupt noch Inhalte oder die Zugehörigkeit zu einer Community?” Dies scheine auch ein Erfolgsrezept von Podcasts zu sein, bei denen parasoziale Beziehungen zu den Hosts aufgebaut würden. Die Journalistin und Podcasterin Nora Hespers berichtet aus dem Publikum, dass dies tatsächlich funktioniere, es kämen manchmal Menschen auf sie zu und wollten für ihre Podcasts bezahlen – inzwischen hätte sie diese Möglichkeit eingerichtet.

Auf die Frage von Christian Wellbrock, ob die Communityaspekte bei der Beurteilung beim Grimme Online Award eine Rolle spielen, antwortet Vera Lisakowski differenziert: “Wir schauen nicht, wie erfolgreich das Angebot ist, also nicht auf die Quote, sondern auf die Qualität – es geht ums Produkt.” Setze das Produkt aber auf Interaktion mit dem Nutzer, es würde aber kein Nutzer mitmachen, dann hätte es für das Produkt nicht funktioniert und die Nominierungskommission würde das in die Beurteilung einbeziehen. Andererseits wirke sich gute Communityarbeit durchaus positiv auf die Beurteilung aus, so seien schon Blogs ausgezeichnet worden, wo die Jury ausdrücklich die guten Diskussionen unter den Beiträgen einbezogen habe.


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