Mai 112019
 

Screenshot: “Blaue Bücher, rosa Bücher”

Emil, der Detektiv, erlebt Abenteuer. Seine Cousine bringt Kaffee und Buttersemmel. Der Klassiker erschien 1930, weshalb die Geschlechterklischees nicht verwundern. Doch selbst heutzutage hat sich wenig geändert. Capt’n Sharky kämpft gegen Ungeheuer und Conni hilft ihrer Mutter im Haushalt. Martina Schories und Sabrina Ebitsch belegen mit ihrer Datenrecherche für die Süddeutsche Zeitung die Einseitigkeit der Kinderbücher von früher bis heute. “Blaue Bücher, rosa Bücher” bietet dem Leser viel Information in interaktiver und visueller Art.

„Blaue Bücher, rosa Bücher“ ist für den Grimme Online Award in der Kategorie Kultur und Unterhaltung nominiert. Martina Schories erklärt, wieso es wichtig ist, den Kindern mehr Abwechslung zu bieten.

Wie kam die Idee zu der Seite?

Der Schlüsselmoment war, als ich hier in München in meiner Lieblingbuchhandlung war und für meine Tochter Bücher eingekauft habe. Die Buchhändlerin hat mich aufgrund meiner Auswahl an der Kasse darauf angesprochen, dass es für sie als Buchhändlerin sehr schwierig wäre, Kinderbücher zu bekommen, die nicht gegendert sind. Dann haben wir uns sehr populistisch über dieses Thema unterhalten. Und ich dachte: So geht’s nicht, ich probiere jetzt mal tatsächlich, das mit Zahlen zu belegen.

Was ist Ihrer Meinung nach das Problem daran, dass Kinderbücher immer noch genderspezifisch gestaltet werden?

Ich sehe das Problem darin, dass die Geschichten, die die Kinder erzählt bekommen, zu einseitig sind. Die Jungen und Mädchen bekommen jeweils ihr eigenes Gleis, und somit gibt es zu wenig Abwechslung. Das ist das eigentliche Problem. Der Kinderbuchmarkt ist so gestaltet, dass die Stereotype so stark sind, dass zu wenig Zwischentöne möglich sind.

Martina Schories für die SZ Foto: Hauke Bendt

SZ-Datenjournalistin Martina Schories
Foto: Hauke Bendt

Wie wählen Sie selbst Bücher für Kinder aus?

Das ist sehr speziell. Bücher, die ich für meine Tochter aussuche, sind welche, wo sie sich dann auch wiederfinden kann. Wo sie dann merkt, es gibt auch Vorbilder und ein Leben außerhalb dessen, was sie in der Schule gezeigt bekommt.

Wie kann es sein, dass dennoch so viele Menschen zu diesen Büchern greifen, die die Genderklischees erfüllen?

Ich denke nicht, dass es an der Auswahl liegt. Die Auswahl ist groß. Da sind wir aber so ein bisschen bei der Henne-und-Ei-Frage. Was kam zuerst? Der Buchmarkt bedient natürlich auch das, wonach die Leute greifen. Bei meiner eigenen Tochter war es auch so, dass sie mit Wonne zu den pinken, glitzernden Sachen gegriffen hat, und dann wird es natürlich gekauft. Prinzessinnen sollen ja auch nicht aus den Bücherregalen verbannt werden, sondern einen Teil des Angebots ausmachen. Idealerweise sollten sich beide Geschlechter in Büchern wiederfinden können und etwas finden, was ihre Person ausmacht, unabhängig von Geschlechterstereotypen.

Häufig geht es in der Diskussion vor allem darum, dass die Wirklichkeit von Mädchen durch die Stereotype eingeschränkt wird. Denken Sie andersherum auch, dass Jungen sich eingeschränkt und missverstanden fühlen könnten?

Ja, absolut. Die Perspektive fehlt mir jetzt natürlich, da ich eine Tochter habe, aber für die Jungen zählt das genau so. Die Jungen sind dann stark und mutig und wenn ihnen dann mulmig ist, müssen sie es immer runterschlucken. Und die Mädchen lernen, das es als Mädchen natürlich ist, ängstlich zu sein. Aber wenn jetzt ein Junge wahnsinnig gerne reitet, findet er sich natürlich auch in keinem der Bücher wieder, weil Jungen in Pferdegeschichten höchstens die Stallburschen sind.
Das ist auch das, was wir mit dem Projekt in die Welt hineintragen wollten, dass tatsächlich beide Geschlechter durch die Stereotype in Büchern eingeschränkt werden und enge Rollen festgelegt werden.

Screenshot: "Blaue Bücher, rosa Bücher"

Screenshot: “Blaue Bücher, rosa Bücher”

Fallen Ihnen AutorInnen ein, die explizit darauf achten, diesen Klischees entgegenzuwirken?

Um unsere LeserInnen mit dieser Frage nicht ganz allein zu lassen, haben wir unten auf der Seite eine Auswahlmöglichkeit eingebaut, um einen möglichst schnellen Zugang zu den Büchern zu schaffen, die für den Jugendliteraturpreis nominiert waren. Das sind eben immer Bücher, die ein bisschen außerhalb dieser Stereotypen funktionieren. Ich liebe zum Beispiel Christine Nöstlingers Werke auf vielen verschieden Ebenen, da oftmals viele Klischees gebrochen werden.

Was war Ihr Lieblingsbuch als Kind?

Ich war ein ganz großer Fan von Ronja Räubertochter. Rosa Riedls „Schutzgespenst“ ist auch ein Buch, das ich sehr geliebt habe und jetzt wieder meiner Tochter vorlese – und das bei ihr wieder auf genau so große Resonanz stößt.

 

 

Das Interview führte Linn Muscheid.

Die Interviews entstanden in medienpraktischen Übungen und Seminaren im Bachelor-Studiengang Online-Redaktion an der TH Köln.

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