Mai 132019
 
Vera Lisakowski vom Grimme Online Award und Moderator Christoph Sterz eröffneten die Bekanntgabe der Nominierten. Foto: Rainer Keuenhof / Grimme-Institut

Vera Lisakowski vom Grimme Online Award und Moderator Christoph Sterz eröffneten die Bekanntgabe der Nominierten. Foto: Rainer Keuenhof / Grimme-Institut

Im Zuge der c/o pop Convention wurden am 2. Mai in Köln die Nominierten für den Grimme Online Award 2019 bekanntgegeben. 1200 Angebote galt es zu bewerten, 28 davon haben es in die vier verschiedenen Kategorien geschafft. „Dieses Jahr sind die Nominierungen sehr durchmischt, was zu dem Sinn des Preises sehr gut passt“, findet Frauke Gerlach, Direktorin des Grimme-Instituts. Von Wissenschaft und Technik über Geschichte und Politik bis hin zu Kultur und Unterhaltung ist alles dabei. Vera Lisakowski, Leiterin des Grimme Online Award, freut sich, dass es 2019 „viele Themen von gesellschaftlicher Relevanz“ gibt. Besonders Podcasts sind dieses Jahr häufig vertreten. Und waren letztes Jahr noch hauptsächlich große Medienhäuser nominiert, so dominieren diesmal die kleineren Angebote.

Aufdecken und Aufklären

In der Kategorie Information sind sowohl innenpolitische als auch außenpolitische Themen vertreten. Das dunkle System ist eine Mixed-Media-Geschichte über das Leben Inhaftierter in einem chinesischen Straflager. Bei der schonungslosen Aufklärung über die Haftbedingungen wurde sehr auf die Sicherheit der ProtagonistInnen geachtet. „Wir haben mehrmals nachgefragt, ob sie damit einverstanden sind, weil wir sie unbedingt schützen wollen. Aber sie stehen dazu und wollen, dass ihre Geschichte bekannt wird“, erklärt Autorin Jannika Schultz.
Dass es aber auch in Deutschland einige unangenehme Entwicklungen gibt, zeigt das Angebot Das gespaltene Parlament von der Süddeutschen Zeitung. Die datenjournalistische Story überprüft die Annahme, dass der Ton im Bundestag, seit die AfD 2017 dort einzog, rauer und unsachlicher geworden ist. „Manchmal ist es eben genauso, wie es scheint“, kommentiert Vera Lisakowski die Ergebnisse der Untersuchung.

Sebastian Esser beantwortete einige Fragen zu seinem Projekt "Krautreporter". Foto: Rainer Keuenhof / Grimme-Institut

Sebastian Esser beantwortete einige Fragen zu seinem Projekt “Krautreporter”. Foto: Rainer Keuenhof / Grimme-Institut

Für unabhängigen Journalismus

Mit wichtigen und ernsten Themen beschäftigen sich auch die Portale Krautreporter und Republik. Sie sorgen stetig für unabhängigen Journalismus und binden besonders die Community mit ein, die ihre Meinung teilen kann. „Wir sind wie Bauern. Wir gehen auf den Markt und bieten dort unsere Ware an. Und nach drei Tagen ist sie verbraucht und wir brauchen neue“, fasst Sebastian Esser von Krautreporter das Portal zusammen.

Die Kategorie Spezial enthält in diesem Jahr zwei Angebote: OpenSCHUFA und TINCON, die bei der Bekanntgabe nicht vertreten waren.

Menschlich

Abwechslungsreiche Angebote gibt es in der Kategorie Wissen und Bildung. In Pille Palle geht es um die bekannteste Verhütungsmethode der Frau. In Videos berichten verschiedene Personen – darunter Betroffene und ÄrztInnen – über ihre Erfahrungen mit der Pille. „Eine berührende Geschichte handelt von einer 19-Jährigen, die während des Abiturs eine Thrombose bekommen hat. Sie hat damals die Pille gegen Akne verschrieben bekommen, obwohl sie gar keine Akne hatte“, erinnert sich Kathrin Ahäuser.
Auch die Bloggerin Lydia Zoubek erzählt von ihrem Schicksal. Sie ist seit der Geburt blind. Das beeinträchtigt sie aber keineswegs im Leben. „Ganz oft berichten Medien über Blinde, weil sie etwas ganz Tolles gemacht haben. Aber nie geht es nur um den Alltag. Ich bin blind, Mutter und habe einen Migrationshintergrund, also wieso sollte nicht ich das machen?“, so erklärt sie ihren Blog Lydias Welt.
Von diesem sehr persönlichen Blog geht es weiter zu einem Projekt, das die ganze Welt betrifft. Bedrohte Ordnungen erklärt den Menschen, dass die Welt eben nicht, wie es scheint, gerade jetzt aus den Fugen gerät, sondern dass es schon immer Situationen gab, in denen die Ordnung der Dinge tiefgreifend bedroht schien.

Ultralativ wurde durch Paul Schulte vertreten, der den YouTube-Kanal gemeinsam mit seinem Freund Fynn Kröger leitet. Foto: Rainer Keuenhof / Grimme-Institut

Ultralativ wurde durch Paul Schulte vertreten, der den YouTube-Kanal gemeinsam mit seinem Freund Fynn Kröger leitet. Foto: Rainer Keuenhof / Grimme-Institut

Mehr Angebote für Jugendliche

Bei DENKMAL EUROPA ist der Name Programm. Ein digitales Geschichtshandbuch, das die Bedeutung von Denkmälern modern aufbereitet. „Das Thema Denkmalpflege klingt erstmal unsexy“, räumt Anke Leitzgen lachend ein, „dabei will ich sagen: geht raus, guckt vor die Haustür, da gibt es ganz viel Europa! Da findet es statt!“ Vor allem Jugendliche möchte man mit dem Projekt für Denkmäler begeistern.
Auch der YouTube-Kanal Ultralativ bietet Jugendlichen ein interessantes Angebot. Die Message hinter dem Kanal ist, dass die Influencer-Vorbilder auf der Online-Plattform stärker hinterfragt werden sollten. Auch politische Themen werden auf dem Kanal angesprochen, erklärt und kritisiert.

 

Persönliche Podcasts

In der Kategorie Kultur und Unterhaltung gibt es mit Abstand die meisten Angebote. 12 Projekte sind in diesem Bereich nominiert. Hier finden sich einige Podcasts, so beispielsweise Rice and Shine von Minh Thu Tran und Vanessa Vu sowie Durch die Gegend von Christian Möller. Bei seinem Podcast interviewt Möller seine Gäste, während er mit ihnen spazieren geht. Oft geht es um Orte, die auch mit dem Gast zu tun haben, sodass noch persönlichere und interessantere Gespräche dabei herauskommen. „Radikal persönlich“ nennt Katharina Thoms ihren Podcast Mensch Mutta. Dort lässt sie ihre eigene Mutter zu Wort kommen und die HörerInnen so in eine vergangene Zeit in der DDR eintauchen. „Die einen sagen: Krass, das ist ja exakt so, wie meine Mama es erlebt hat! Die anderen wundern sich und sagen: Krass, sowas kann ich mir ja gar nicht vorstellen“, berichtet sie über das Feedback ihrer HörerInnen. Aber bei der Nominierung ist „Mutta“ dann nicht dabei. „,Da jeh ick nich hin!‘ meinte sie nur“, erzählt Katharina lachend.

Technik, Kunst und Herz

In sozialen Netzwerken zeigt Tobias Vogel auf seinem Account Krieg und Freitag, dass man auch ohne künstlerische Begabung Bilder mit Bedeutung erschaffen kann. Es sind zwar nur Strichmännchen, doch es stecken große politische Aussagen dahinter. Eine weitere nominierte Website ist eigenleben.jetzt, die älteren Menschen ermöglicht, ihre Geschichten mit anderen zu teilen. Anne Bauer spricht über die Relevanz des Angebots, denn „nur was man kennt, kann man auch respektieren“.
Viele interessante Geschichten aus vergangener Zeit könnten in nicht allzu ferner Zukunft eine wichtige Rolle für uns spielen. Eine ähnliche Idee steckt auch hinter dem Techniktagebuch. Der Weblog zeigt die technische Evolution der vergangenen Jahre, die einem auf den ersten Blick gar nicht so beeindruckend oder fremd vorkommt, aber in 20 Jahren von großer Relevanz sein könnte.

Foto: Rainer Keuenhof / Grimme-Institut

Kurz vor Ende der Veranstaltung gab es noch eine freudige Überraschung. Christian Bär, Macher des Blogs #ALS und andere Ansichtssachen, hatte es trotz stundenlangen Staus nach Köln geschafft und berichtete über sein Leben mit der Schwerbehinderung. „Für meinen Sohn Hannes bin ich nicht schwerbehindert. Für ihn bin ich Papa mit coolen Gadgets“, klang es aus Bärs persönlichem Sprachcomputer Klaus, über den er kommunizieren kann.

Bei der Preisverleihung am 19. Juni in der Flora werden acht Preise verliehen, wobei nicht zwingend in jeder Kategorie zwei Preise verliehen werden. Aktuell ist bereits das Voting für den Publikumspreis freigeschaltet. Auf der Votingseite kann jede/r NutzerIn für bis zu drei Angebote abstimmen.

 

Den Text verfassten Sanel Rihic und Mara van Mierlo.

Dieser Beitrag entstand in medienpraktischen Übungen und Seminaren im Bachelor-Studiengang Online-Redaktion an der TH Köln.

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