Screenshot: Das gespaltene Parlament

Screenshot: Das gespaltene Parlament

Die CDU spricht, die AfD lacht. Und wenn die AfD spricht, klatscht nur sie selbst. Seit dem 24. Oktober 2017 sitzt die AfD im Deutschen Bundestag. Wie verändert diese Fraktion die Atmosphäre im Parlament? Wie reagieren die etablierten Parteien auf rechte Provokationen? Stenografen protokollieren jeden Lacher und jeden Zwischenruf. Mit einer selbstgeschriebenen Software hat die Süddeutsche Zeitung 1.500 Redebeiträge ausgewertet und analysiert und die Ergebnisse in ihrem Projekt „Das gespaltene Parlament“ multimedial dargestellt.

„Das gespaltene Parlament“ ist für den Grimme Online Award 2019 in der Kategorie Information nominiert.
Sabrina Ebitsch, Redaktionsmitglied der Süddeutschen Zeitung, ruft im Interview LeserInnen dazu auf, sich die Situation in Berlin bewusster und genauer anzuschauen.

Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth, zu deren Aufgaben es gehört, Plenarsitzungen zu leiten, hat Anfang 2019 in einem Radiointerview betont: „[…] das Parlament lebt von der Redefreiheit, das ist ein sehr, sehr, sehr hohes Gut.“ Inwiefern möchten Sie durch Ihr Projekt dazu beitragen, die Bedeutung der Redefreiheit zu stärken?

So sehr ich auch dieses Projekt liebe und gut finde – ich glaube nicht, dass wir mit diesem analytischen Angang einen Beitrag zur Redefreiheit im Parlament leisten können. Was wir vielleicht leisten konnten, ist, dass wir in unserer Analyse so neutral, zurückhaltend und nicht vorverurteilend waren und dass wir deutlich gemacht haben, dass wir alle Parteien gleich behandeln möchten und dass sie auch gleich zu behandeln sind – das gilt für den rechten Rand genauso wie für den linken Rand. Wir wollten mit dem Projekt vor allem die Redekultur im Parlament dokumentieren.

Mit welchen Erwartungen haben Sie die Beobachtungen analysiert?

Wenn wir Daten analysieren, dann stellen wir uns Recherchefragen, auf die wir versuchen, Antworten zu bekommen,. Die können dann “ja”, “nein” oder „falsch“ lauten. Erstmals haben wir uns die Frage gestellt: „Wer klatscht für wen?“ – so hieß das Projekt ganz lange. Wir wussten, dass der Beifall von den Stenografen dokumentiert wurde. Als wir in die Daten eingetaucht sind, haben wir gesehen: Wenn wir uns herausholen, wer für wen klatscht, können wir  auch die Daten dazu extrahieren, wer über wen lacht oder wer wem dazwischenruft.

Sie haben mehr als 1.500 Redebeiträge aus 24 Sitzungen ausgewertet. Wie sind Sie methodisch vorgegangen?

Der Bundestag stellt von allen Sitzungstagen Protokolle zur Verfügung in einem offenen Datenformat. Das heißt, sie stellen die Protokolle so zur Verfügung, dass Computer sie einlesen können. Die Protokolle sind schon vorstrukturiert, sodass wir nicht selbst herausfinden mussten, wer der Redner ist oder wer zwischenruft. Die Protokolle haben wir genutzt, um Tabellen zu erstellen. Diese waren die Grundlage für die verschiedenen Analysen, die wir gemacht haben. Diese Arbeit hat mehrere Monate in Anspruch genommen.
1.500 Redebeiträge sind ein unglaublicher Wust an Informationen. Die Arbeit meiner Kollegen, die datenjournalistisch arbeiten, ist dann, diese unglaublichen Daten so zu verdichten, dass der Leser eine Information – eine Botschaft – rausziehen kann. Die Protokollanten markieren Zwischenrufe, sie protokollieren Lacher etc. – das sind unsere Wegweiser durch die Dokumente gewesen. Durch diese kleinen Wörter, die die Stenografen für uns hinterlassen haben, konnten meine datenjournalistischen Kollegen die Informationen so verdichten, dass man zum Beispiel zu solchen Ergebnissen kam: Die AfD klatscht vor allem für sich selbst oder lacht vor allem über die anderen.

Screenshot: Das gespaltene Parlament

Screenshot: Das gespaltene Parlament

Welche Erkenntnisse können LeserInnen/WählerInnen aus den Videos und Grafiken für die nächsten Wahlen gewinnen?

Wir wollten nach diesem halben Jahr der Analyse und ein halbes Jahr nach der konstituierenden Sitzung des Bundestages versuchen, die Frage ein Stück weit zu beantworten: Was hat sich eigentlich verändert, wenn auf einmal wieder – zumindest in Teilen – eine rechtsextreme Partei im Parlament sitzt. Was bedeutet das? Was hat es mit diesem Hohen Haus gemacht? Wir haben schon aus den Daten herauslesen können, dass es eine ganze Menge gemacht hat. Die Regierung hatte sich erst einen Monat vorher überhaupt gebildet und die Ausprägung war schon nach dem halben Jahr relativ deutlich.
Man hat eine klare Vorstellung: Die AfD ist allein gegen die etablierten Parteien – sie isoliert sich selbst und wird isoliert. Und das kann man so oder so finden. Das ist erstmal ein Ergebnis unserer Analysen. Wo man dann ein Schritt weitergehen muss in der Bewertung, ist, wenn es darum geht: Wie verändert sich der Ton und das Miteinander in diesem Haus? Wir sehen, dass beispielsweise völkische Begriffe wieder – wie fast schon selbstverständlich – in die Debatte eingespeist werden und dass die AfD mitunter auch gezielt versucht, die Debatte nach rechts zu verschieben. Dadurch sind wir an einem Punkt, an dem wir in die politische Bewertung gehen müssen und den LeserInnen vielleicht sogar eine Warnung oder einen Aufruf mitgeben können, sich stärker anzuschauen, was in Berlin passiert durch den Einzug dieser neuen Partei.

Die Beobachtungen liegen bereits ein Jahr zurück. Haben Sie seitdem weitere Veränderungen festgestellt? Wenn ja, welche?

Wir beobachten das weiterhin. Nicht nur die Kollegen in Berlin, sondern auch wir aktualisieren die Daten und tatsächlich ist auf unserer Seite das letzte Wort noch nicht gesprochen. Wir sind da weiter dran. Wir haben aber noch nichts Veröffentlichungswürdiges bzw. noch keine klaren Ergebnisse, die wir bekanntgeben können.

Sabrina Ebitsch

Sabrina Ebitsch
Foto: Daniel Hofer

Haben Sie eine Idee, wie man die Diskussionskultur im Bundestag wieder verbessern könnte?

Dafür bin ich zum einen hier in München zu weit weg, zum anderen haben wir hier in der SZ andere Projekte, die versuchen, in dieser Richtung etwas zu bewegen. Ich kann jetzt natürlich nicht dem Bundestag irgendwelche Empfehlungen geben oder mich direkt in Berlin in die Plenarsitzungen setzen, aber wir haben mit der Werkstatt Demokratie zum Beispiel den Streitbot entwickelt, den wir vor zwei Wochen veröffentlicht haben. Da haben wir Projekte, die genau versuchen, das zu verbessern: wie wir miteinander reden, wie wir miteinander umgehen, wie wir diskutieren oder streiten können, ohne uns gegenseitig zu zerfleischen.

 

Das Interview führte Asia Lomartire.

Die Interviews entstanden in medienpraktischen Übungen und Seminaren im Bachelor-Studiengang Online-Redaktion an der TH Köln.


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