Unter Vireneinfluss

Veröffentlicht von Lars Gräßer am

Spürbar werden mittlerweile die Auswirkungen des Coronavirus auf immer mehr Teilbereiche unseres Alltags. Neben Schulschließungen sind zahlreiche Sport- und Kulturveranstaltungen betroffen. Auch der 56. Grimme-Preis wird nicht wie geplant am 27. März stattfinden. Es ist wenig überraschend, dass die Coronavirus-Epidemie auch bei einigen Vorschlägen für den Grimme Online Award in diesem Jahr eine Rolle spielt, ist der Wettbewerb doch immer eine Art „Netzspiegel“ gesellschaftlich relevanter Themen. Anhand der Vorschlagsliste soll hier ein kleiner Überblick gegeben werden, der keineswegs vollständig sein will und kann – es geht um exemplarische Beispiele, eher orientiert am Besonderen (Zugang).


Tägliches Update in Sachen Covid-19

Screenshot des NDR Info Podcasts:
Coronavirus-Update

Wurden insgesamt mehr Podcasts denn je eingereicht, kann einer genannt werden, dem per Twitter gleich mehrfach direkt ein #grimmepreis zuerkannt werden sollte: Im „Coronavirus-Update“ von NDR Info spricht eine Wissenschaftsredakteurin Tag für Tag, rund eine halbe Stunde, mit Christian Drosten, dem Leiter der Virologie in der Berliner Charité und einem der führenden Virus-Forscher Deutschlands. Manchmal lässt die Tonqualität etwas zu wünschen übrig, gearbeitet wird mit einer vereinfachten Aufzeichnungstechnik, Drosten ist viel unterwegs in diesen Tagen. Wissenschaftliche und eher alltagspraktische Fragen wechseln sich ab – wie etwa: Welche Spur verfolgt die Forschung aktuell? Welche neuen Erkenntnisse gibt es zu Ansteckung, Verbreitung und Krankheitsverlauf? Wie ergeht es den Forscher*innen persönlich in diesen Tagen? Welche Ratschläge machen Sinn, welche nicht? Und wie setze ich das in meinem Arbeitsalltag um? – und werden mit viel Geduld von Christian Drosten beantwortet, selbst wenn sie sich wiederholen. Und wenn für Drostens Antwort zu wenig Zeit ist – dann beim nächsten Mal. Der Virologe lässt sich zeitlich nicht unter Druck setzen, beharrt auf differenzierten Einschätzungen, ohne sich ins Fachvokabular zu flüchten. Gleichzeitig ist er sich nicht zu schade, seine Einschätzungen vor dem Hintergrund neuer Informationen immer wieder zu revidieren, wenn es angezeigt erscheint. Interessant ist, wie hier über das zunächst angepeilte Genre des Wissenschafts- und Servicepodcasts hinausgegangen wird, sind Gesundheitsthemen doch eminent politisch in diesen Tagen!

Screenshot von Deutschlandfunk: Der Tag

Neben „Specials“, wie „Coronavirus-Update“, mag kaum überraschen, dass sich auch „hintergründige“ Formate, wie der täglich erscheinende Deutschlandfunk-Podcast „Der Tag“ (jeweils ab 17h), immer wieder aktuell mit dem Coronavirus beschäftigen, um die Nachricht hinter der Nachricht und ein bisschen auch schon die morgen zu identifizieren. Gleiches gilt auch für die „Tagesschau“, die – wie viele andere auch – einen Liveblog eingerichtet hat. Viele haben schon darüber berichtet, dass die „Tagesschau“ mittlerweile auch auf Plattformen wie TikTok unterwegs ist – ihr Kanal hier ist ebenso eingereicht für den diesjährigen Wettbewerb. Und wer es mal etwas unterhaltender mag: Die „Tagesschau“ zeigt auf TikTok „Outtakes“ des Nachrichtenmagazins, die zeigen, was im Studio passiert, wenn das Sendelicht ausgeht (Tagesschau bei TikTok).

Screenshot des Instagram-Kanals:
Glanz und Natur

Aber auch andere machen die Epidemie zum Thema, bei denen man es nicht sofort erwartet hätte: Dazu zählt etwa der Instagramkanal „Glanz & Natur“ (ehemals GLOWnatur), der erste öffentlich-rechtliche Beauty- & Fashion-Channel auf dieser Plattform, nicht nur komplett werbefrei, sondern – und vor allem – auch ohne Schleichwerbung und Product Placements. Ja, auch ein Beauty- & Fashion-Channel auf Instagram kann über das Coronavirus berichten, geht es doch täglich um Gesundheit, ebenso um Beautythemen, DIYs, Zero Waste und seit Anfang 2020 auch über Fair Fashion. Interessant ist auch hier, wie die Genregrenzen eines Beauty- & Fashion-Channel auf Instagram ausgelotet und immer wieder überschritten werden – für mehr Selbstliebe, Akzeptanz und kritisches Denken.

Fake News und rassistisches Denken

Thomas Laschyk (“Der Volksverpetzer”, Bildmitte mit Mikro) auf dem Social Community Day / Foto: Georg Jorczyk / Grimme-Institut

Kritisches Denken ist auch immer wieder gefordert im Umgang mit „Fake News“, die seit 2015 ein breiteres Thema geworden sind und gerade in aufgeheizten Zeiten wie diesen verstärkt grassieren. Mit „Fake News“ beschäftigen sich bereits seit einigen Jahren Angebote wie der „CORRECTIV.Faktencheck“, die im Übrigen gerade einen CrowdNewsroom zu den zahlreichen Falschmeldungen zum Coronavirus gegründet haben, oder auch der „Volksverpetzer“. Beide sind ebenfalls eingereicht für den diesjährigen Wettbewerb. Gerade Letzterer wendet sich gegen unnötige Panikmache, zeigt Wege aus der Angst und Hoffnung machende Ansätze.

Der „Volksverpetzer“ berichtet auch über die – ebenfalls eingereichten – „Insider“, die es immer wieder schaffen, sich in geschlossene Benutzergruppen extremer Rechter einzuschleusen: „Dort wird gehasst, gehetzt, werden wirre Verschwörungsmythen verbreitet und man wünscht sich natürlich fröhlich den Tod von ‚Merkels Gästen‘ und der Bundeskanzlerin selbst. Lupenreine Demokrat*innen eben“, so Thomas Laschyk der 2014 den Blog „Volksverpetzer“ gegründet hat.

Frank Joung (“Halbe Kartoffl”, Bildmitte) bei der Bekanntgabe der Nominierungen für den GOA 2018 / Foto: Rainer Keuenhof / Grimme-Institut

Hass und Hetze sehen sich in letzter Zeit verstärkt Asiat*innen oder auch asiatisch aussehende Menschen gegenüber, die Virusepidemie wird zum Anlass für rassistische Kommentare und Feindseligkeiten. Mit dem Hashtag „#IchbinkeinVirus“ wird dies zum Thema in den sozialen Netzwerken – anfangs eher humorvoll, mittlerweile ist der Grundton eher verbittert. Auch dieser Hashtag wurde eingereicht für den Grimme Online Award, und kursiert ebenfalls in anderen Sprachen– als #IamNotAVirus oder #JeNeSuisPasUnVirus. Frank Joung, selbst 2018 mit seinem „Halbe Katoffl“ Podcast 2018 für den Grimme Online Award nominiert, erklärt dazu im BR Interview:

„Ich glaube, da kommen einige Dinge zusammen. Zum ersten ist sozusagen der China-Rassismus, also China als Global Player in der Hierarchie nach oben gerutscht und deswegen glaube ich, dass es da auch einen größeren Neidfaktor gibt, beziehungsweise auch irgendwie so ne Art Angst vor dieser ja auch früher schon viel zitierten ‚Gelben Gefahr‘. Gleichzeitig, dieses Virus triggert auch dieses Klischee an, dass Asiaten ja auch immer irgendwie unhygienisch essen und immer komische Tiere futtern und alles da so ein bisschen weird ist.“

https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/menschen-wehren-sich-gegen-rassistische-aeusserungen-nach-dem-corona-virus100.html

Kultur und Freizeit

Screenshot des Twitteraccounts von Igor Levit: @igorpianist

Wie eingangs schon erwähnt, wird nicht nur eines der „Grimme-Aushängeschilder“ nicht wie geplant stattfinden können, sondern sind zahlreiche Kulturveranstaltungen auf Grund der Virus-Epidemie abgesagt worden. In der Konsequenz streamen immer mehr Kulturinstitutionen ihre Angebote, um – auch – etwas der virusbedingten sozialen Isolation zu entgehen. Einen regelrechten Online-Spielplan bietet beispielsweise die schon 2009 nominierte Nachtkritik an. Regelmäßige Hauskonzerte auf dem Twitterkanal von Igor Levit werden etwa ab 18 Uhr oder 19 Uhr gestreamt. Er ist Beethovenexperte und hat gerade alle 32 Klaviersonaten eingespielt, die Levit und sein Freund Anselm Cybinski in ihrem „Klavier- Podcast – 32 x Beethoven“, dem oder der geneigten Zuhörerin – passend zum Beethovenjahr – erklärt. Zu jeder fällt ihm eine besondere Geschichte ein!  

Nicht nur zahlreiche Kulturveranstaltungen sind auf Grund der Virus-Epidemie abgesagt worden, auch die Schulen sind vorübergehend geschlossen. Während überlegt wird, ob und wie das Schulfernsehen eine Renaissance erleben kann und wird, Lernspiele plötzlich einen Attraktivitätsschub erhalten, fragt das ebenfalls eingereichte MedienkompetenzBlog, „Was tun mit der vielen Zeit?“ und gibt darauf Antworten, gleich in mehreren Folgen: „Coronavirus: keimfreier Spaß mit Medien – Teil 1: Werden Sie kreativ!“ Hier geht es nicht um das Virus an sich, sondern um Filmprojekte „für alle“, Musik mit „Monstern oder Bauklötzen“, kurz: es geht um Klassiker der aktiven Medienarbeit in Zeiten geschlossener Schulen!

Und wenn Ihnen noch tolle Webangebote auffallen, die sich mit Corona beschäftigen, notieren Sie sie für das kommende Wettbewerbsjahr oder kommentieren Sie direkt unter diesem Beitrag, der, wie eingangs schon erwähnt, lediglich einen kleinen Überblick geben will. Der Anspruch ist nicht Vollständigkeit – es geht um exemplarische Zugänge, eher orientiert am Besonderen. Und das gilt auch für die noch folgenden Blogbeiträge zu anderen Themen, die sich aus der Vorschlagsliste speisen.


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