Ein Ort der Sichtbarkeit

Veröffentlicht von Interviews Nominierte 2020 am

Screenshot "RomArchive"
Screenshot “RomArchive”

Das “RomArchive”, ein Angebot zwischen Archiv und Magazin, bietet in zehn thematisch unterteilten Bereichen etwa 5.000 Objekte und Artikel rund um die heterogene Kultur der Sinti und Roma. Es richtet sich zugleich an die Mehrheitsgesellschaft, um Vorurteilen und Stereotypen entgegenzutreten, und an die Sinti und Roma selbst, in dem Bestreben einen Ort der eigenen Sichtbarkeit und Selbst-Repräsentation zu schaffen.

Das “RomArchive” ist für den Grimme Online Award 2020 in der Kategorie “Wissen und Bildung” nominiert. Initiatorin Isabel Raabe und Beiratsmitglied und Vorsitzender des Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose erzählen im Interview, warum ein solches Archiv so wichtig für das Selbstbewusstsein der Sinti und Roma ist.

Wie kam es zur Entstehung von RomArchive?

Isabel Raabe: Das Projekt wurde von mir zusammen mit Franziska Sauerbrey ins Leben gerufen. Als wir 2012 im Auftrag des Zentralrats der deutschen Sinti und Roma das Rahmenprogramm zur Eröffnung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma begleitet und unterstützt haben, sind wir wirklich tief in die Materie eingetaucht und haben viel über die Geschichte der Sinti und Roma gelernt. Dabei haben wir den kulturellen Reichtum und das kulturelle Schaffen der Sinti und Roma erkannt und waren persönlich schockiert über die eigene Unwissenheit. Die, so glauben wir, exemplarisch für die Wissenslücken in der Mehrheitsgesellschaft ist. Das war die Initialzündung zu sagen, hier braucht es ein Projekt, das diese Wissenslücken füllen kann.

Wir sind dann auf die Kulturstiftung des Bundes zugegangen, mit der uns eine längere Partnerschaft verbindet. Dort haben wir offene Türen eingerannt. Das Interesse und die Sensibilität waren groß. Mit Hilfe der Kulturstiftung des Bundes konnten wir erstmal eine Recherche machen, um herauszufinden, was es eigentlich braucht. Das war auch der Kulturstiftung sehr wichtig. Wir sind über ein Jahr durch ganz Europa gereist, haben mit Sinti und Roma gesprochen, mit Aktivist*innen, mit Künstler*innen, mit Politiker*innen, Akademiker*innen und haben immer diese Frage gestellt: Was für ein Kulturprojekt könntet ihr euch vorstellen? Was braucht es? Und was wir wirklich immer wieder hörten, war: Wir brauchen einen Ort, an dem wir sichtbar werden. So entstand die Idee eines digitalen Archivs, dessen Umsetzung dann von der Kulturstiftung des Bundes mit 3.75 Mio. Euro gefördert wurde. Ein digitales Archiv, also die Verortung im Internet passt gut, denn die Sinti und Roma sind auf alle Länder Europas und darüber hinaus verteilt. Das RomArchive als digitales Archiv ist nun international zugänglich und dreisprachig, auf Deutsch, Englisch und Romanes.

Wer ist an dem Angebot beteiligt?

Isabel Raabe: Insgesamt haben wir über 150 Projekt-Teilnehmer*innen aus 15 Ländern. Herz des Ganzen sind der 14-köpfige internationale Beirat sowie das 14-köpfige Kurator*innen-Team, beide maßgeblich mit Sinti und Roma besetzt. Denn in diesem Projekt geht es ja um Selbst-Repräsentation. Auch das macht dieses Projekt zu einem Pionierprojekt. Nicht nur, dass das erste Mal überhaupt über die Geschichte und die Kulturen der Sinti und Roma in dieser Bandbreite und Größe gesammelt und diese Errungenschaften präsentiert wurden. Es geht auch darum, den Fremdzuschreibungen eine Selbst-Repräsentation entgegenzusetzen. Wir wollen Sinti und Roma selbst ihre Kulturen, ihre Nationalitäten, ihre Heterogenität präsentieren lassen.

An welche Zielgruppe richtet sich das RomArchive?

Isabel Raabe: Zu Anfang dachten wir, dass es ein Bildungsprojekt für die Mehrheitsgesellschaft wird. Während wir daran gearbeitet haben, wurde immer deutlicher, wie wichtig das auch für die Sinti und Roma selbst ist. Diese Referenzorte, an denen sich auch die junge Generation wieder anders mit ihrer eigenen Kultur auseinandersetzen und Dinge entdecken kann, sind wichtig. Insofern sind sowohl die Mehrheitsgesellschaft als auch die Minderheit unsere Zielgruppe. Das Archiv bietet sowohl Menschen, die akademisch-wissenschaftlich forschen – das RomArchive ist schließlich ein Archiv und wir haben eine Datenbank, die hinter dieser Webseite steht und in der man recherchieren kann – als auch der interessierten Öffentlichkeit eine große Bandbreite. Die Website ist sehr magazinhaft aufgebaut, mit vielen Bildern, Audio, Videos und man kann sich einfach treiben lassen.

Welchen Effekt erhoffen Sie sich von dem Angebot?

Romani Rose: Es gibt die jahrhundertealte Geschichte unserer Minderheit in ihren jeweiligen Heimatländern. Aber die Beiträge unserer Minderheit zur Kultur ist im Bewusstsein dieser Nationalstaaten, in denen Sinti und Roma seit Jahrhunderten leben, überhaupt nicht vorhanden. Ich denke da an den Bereich der Musik und des Tanzes, aber auch an verschiedene andere Bereiche. Zudem war die Geschichte unserer Minderheit nicht immer eine Geschichte der Normalität. Es gab auch die Verfolgungsgeschichte. Es gab die Pogrome in den vergangenen Jahrhunderten. Der Höhepunkt der Verfolgung unserer Minderheit war der Nationalsozialismus, der uns aus der Normalität in unseren Heimatländern herausgerissen hat. Ganz besonders natürlich hier in Deutschland. Dies hat uns ausgegrenzt und wir wurden eigentlich nie wieder richtig eingegrenzt.

Heute haben wir wieder eine Situation von neuem Nationalismus. Eines der größten Vorurteile, die man uns auch heute wieder entgegenbringt, ist, dass wir nicht dazugehören. Wir leben beispielsweise seit über 600 Jahren in diesem Land. Wir sind Teil dieser Gesellschaft und wir haben unsere kulturellen Beiträge geleistet und die Kultur beeinflusst. Jetzt ist es wichtig, dass wir nicht nur darauf gucken, dass die Minderheit ein bisschen mehr Rechte bekommt, sondern dass ein Bewusstsein geschaffen wird, dass wir Teil des demokratischen Rechtsstaats sind und die Kultur in unserem Land eine demokratische Kultur wird.

Screenshot "RomArchive"
Screenshot “RomArchive”

Wenn ich von der Vergangenheit rede, rede ich nicht von Vergangenheit, um Schuld in die Gegenwart zu übertragen. Das Wissen von der Leistung bis hin zur Ausgrenzung und Verfolgung unserer Minderheit muss zum Bestandteil unserer Identität als Deutsche gehören, ohne dass sich jemand schuldig fühlen muss. Kulturelle Identität ist kein Gegensatz zur nationalen Identität. In erster Linie bin ich Deutscher, und das möchte ich immer bewusst machen. Und ich lasse mich von Nationalist*innen hier in diesem Land nicht mehr ausgrenzen. Wir sind Bestandteil dessen, was uns 70 Jahre inneren und äußeren Frieden gebracht hat, was uns Wohlstand gebracht hat und was uns Sicherheit gebracht hat. Ein demokratischer Rechtsstaat. Und den müssen wir gemeinsam verteidigen.

Der gegenseitige Respekt vor dem anderen ist ein zentraler Punkt. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ich glaube, dass wir in unserem Land momentan vor einer Zerreißprobe stehen. Nationalistische Kräfte treten mit einem Selbstbewusstsein auf, das wir nicht paralysiert akzeptieren sollten. Durch dieses sehr große Projekt ist etwas geleistet worden, das für das Selbstbewusstsein unserer Minderheit von großer Bedeutung ist.

Was war das größte Hindernis bei der Umsetzung?

Romani Rose: Ich persönlich stand diesem Projekt zunächst mal skeptisch gegenüber. Aus dem einfachen Grund, dass Kultur nichts Statisches ist. Sie entwickelt sich, und die Kulturen beeinflussen sich gegenseitig. Wir in Westeuropa haben auch oftmals eine andere Vorstellung von Musik oder der Poesie als in Osteuropa.

Isabel Raabe: Ich stimme dem zu. Die unterschiedlichen nationalen Identitäten in diesem Archiv zu vereinen, war die größte Herausforderung. Denn was nicht passieren durfte, war schon wieder eine Homogenisierung zuzulassen. Wir sind dieser Herausforderung mit maximaler Diversität begegnet. So ein Projekt muss auch Widersprüche aushalten. Der eine sieht Klischees reproduziert, der andere sagt, meine Großmutter trägt aber diese Röcke. Dieser maximalen Heterogenität gerecht zu werden und keine neuen Zuschreibungen zu machen, sondern eher eine Unschärfe zu zeigen, das war das Ziel und gleichzeitig die Herausforderung. Außerdem war es uns sehr wichtig die Verwobenheit mit der jeweiligen nationalen Kultur zu betonen. Wir wollen nicht exotisieren.

Screenshot "RomArchive"
Screenshot “RomArchive”

Eine weitere große Herausforderung war auch die technische Umsetzung. Das ist inhaltlich nicht so spannend, aber doch durchaus relevant. Wenn es darum geht, ein nachhaltiges, belastbares, digitales Archiv zu schaffen, muss man sich an Standards bei der Digitalisierung und bei der Katalogisierung halten. Nun sprechen wir aber im RomArchive auch von Kunst und Kultur. Kunst braucht Freiheit. Archive brauchen Standards. Das war ein permanentes Spannungsfeld, dem wir, mit kompetenter Unterstützung der Stiftung Deutsche Kinemathek, die für die technologische Umsetzung verantwortlich war, versucht haben gerecht zu werden.

Welches Erlebnis hat sie bisher während der Arbeit an RomArchive am meisten bewegt?

Isabel Raabe: Es fällt mir schwer, einzelne Erlebnisse herauszupicken, denn das war ein ganz besonderes Projekt. Jedes Beiratstreffen mit den Kuratoren, mit den Beiratsmitgliedern, mit einer so heterogenen Gruppe an fantastischen Persönlichkeiten, war immer wieder aufs Neue ein Erlebnis. Es wurde viel gestritten. Es wurde viel diskutiert. Wir haben mindestens viermal gedacht, das Projekt wird nie umgesetzt und geht nie online. Immer wieder war das Projekt wichtiger als die Differenzen. Ein Beispiel ist, dass der Beirat anderthalb Jahre gebraucht hat, um sich auf eine Sammlungspolitik und ethische Richtlinien zu einigen. Das war aber auch gut so.

Da gab es natürlich auch Schätze, die gehoben wurden, die einen besonders berührt haben. Ich kann vielleicht ein paar Beispiele nennen: Das war einmal eine wunderbare Kooperation mit dem Phonogrammarchiv in Wien, das eine fantastische Sammlung an Audioaufnahmen, die die orale Kultur der Sinti und Roma in vielen verschiedenen Dialekten des Romanes dokumentiert, zur Verfügung gestellt hat. Das war ein wahrer Schatz, den wir jetzt online stellen konnten. Zoni Weisz, niederländischer Sinto und Holocaustüberlebender, hat uns seine privaten Archive geöffnet und alte Selbstzeugnisse seiner Verwandtschaft, die verfolgt wurden, herausgegeben für den Bereich „Voices of the Victims“. Da geht es um den Holocaust an den Sinti und Roma. Das sind nochmal ganz emotionale Momente gewesen.

Romani Rose: Was mich im Zusammenhang mit dem RomArchive sehr berührt hat, war eigentlich die Abschlussveranstaltung in Berlin in der Akademie der Künste, wo sehr viel Prominenz gewesen ist. Beispielsweise Riccardo M Sahiti, der Dirigent mit dem Roma-Symphonieorchester.

Wie sind die Reaktionen auf das Angebot?

Romani Rose: Positiv. Ich kann das natürlich im Wesentlichen nur für uns hier in Deutschland sagen. Aber ich weiß, dass es auch im europäischen Ausland, als dieses Archiv bekannt geworden ist, als sehr positiv und wichtig bewertet wurde. Wir werden das Archiv nun mit Hilfe der Anschlussfinanzierung durch die Bundeszentrale für politische Bildung weiterführen und natürlich erweitern.

Isabel Raabe: Wir haben den Grand Prix des European Heritage Award/Europa Nostra Award 2019 der Europäischen Kommission gewonnen. Die positive Resonanz auf das RomArchive spiegelt sich auch darin wider, dass wir, seit wir online sind, kontinuierlich proaktiv von Roma aus der ganzen Welt Angebote bekommen, die ihre privaten Archive öffnen. Und das ist eigentlich der allerbeste Beweis des Vertrauens und der Akzeptanz.

Screenshot Zoom: Isabel Raabe im Interview
Screenshot Zoom: Isabel Raabe im Interview
Screenshot Zoom: Romani Rose im Interview
Screenshot Zoom: Romani Rose im Interview

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