Empowerment und Inspiration im Netz

Veröffentlicht von Interviews Nominierte 2020 am

Screenshot "RosaMag"
Screenshot “RosaMag”

RosaMag ist das erste deutsche Online-Magazin für afrodeutsche Frauen. Die Macherinnen schreiben für Frauen, die in einer weißen Mehrheitsgesellschaft weder ihre Hautfarbe, noch ihre Haarstruktur wiederfinden. Mit Beiträgen zu seelischer Gesundheit, kultureller Identität oder Portraits von starken afrodeutschen Frauen hat das Magazin das Potenzial, über die Kernzielgruppe hinaus zu inspirieren.

Das RosaMag ist für den Grimme Online Award in der Kategorie “Kultur und Unterhaltung” nominiert. Im Interview erzählt Gründerin Ciani-Sophia Hoeder wie das Online-Magazin über Berlin hinausgewachsen ist und warum es nie nur um hierarchisch produzierten Content geht:

Wie kam es zur Gründung von ‚RosaMag‘?

Ich habe Journalismus studiert und hatte immer mit Medien zu tun. Aber ich habe nie darüber nachgedacht, dass ich mich selbst nicht mit meiner Hautfarbe oder mit meiner Haarstruktur in den Medien gesehen habe – einfach weil ich das so gewohnt war. Gleichzeitig habe ich über 17 Jahre lang meine Haare chemisch geglättet. Das nennt man den „Relaxer“ und das ist eine Paste, die man sich auf die Kopfhaut schmiert und sie verbrennt die Haut. Nach über 17 Jahren habe ich herausgefunden, was die Folgen davon sein können: Myome, Zysten, Gebärmutterhalskrebs, Brustkrebs oder sogar psychische Erkrankungen. Da habe ich darüber nachgedacht, warum ich darüber nicht Bescheid wusste und so ist mir aufgefallen, dass es kein Medium im deutschsprachigen Raum gibt, das sich auf die Perspektive von schwarzen Frauen fokussiert. Das Thema war nie interessant, weil es eine Minderheit betrifft und ein Nischenthema ist. Diese Faktoren haben mich dazu gebracht, dass ich gesagt habe, es braucht diesen digitalen Raum, wo Schwarze Frauen sich gegenseitig informieren, inspirieren und empowern, aber auch vernetzen können.

Wie setzt sich das Team von RosaMag zusammen?

Screenshot "RosaMag"
Screenshot “RosaMag”

Ich habe damals gemeinsam mit Jenny Rothe begonnen. Jenny Rothe ist sehr technikaffin, was von großem Vorteil ist, wenn man ein digitales Medium startet. Sie hat aber nach drei Monaten RosaMag verlassen, weil sie ein sehr cooles Jobangebot bekommen hat und an einem Indie-Magazin zu arbeiten ist eine sehr arbeitsintensive, wenig lukrative und sehr prekäre Sache. Doch dann kamen Stück für Stück immer mehr Leute dazu. So jemand wie Celia Parbey, die auch beim ze.tt-Magazin arbeitet, Jena Samura, die sich viel über Gender-Politik informiert und viel Input dazu gibt, außerdem Haben Asmarome, die im Digital- und Videobereich tätig ist und Latifah Cecilia Ama Cengel, die jetzt den Instagram-Channel übernimmt.

Wir sind ein ganz großes Team von Frauen, die an unterschiedlichen Orten leben, was ich als starken Vorteil sehe, weil man immer das Gefühl hat, in der afro-diasporischen Community ist alles sehr Berlin-zentriert. Zu Beginn waren es auch viele Berlinerinnen, die beteiligt waren, weil wir in Berlin verortet waren. Doch je größer wir geworden sind, desto mehr Leute haben sich angeschlossen. Wenn jemand gesagt hat, das finde ich cool, dazu haben ich aber noch den und den Gedanken, dann habe ich gesagt, schreib es auf! Und heute sind wir insgesamt 18 ehrenamtliche Mitarbeiter*innen.

Wie wählen Sie die Themen aus, über die Sie berichten?

Screenshot "RosaMag"
Screenshot “RosaMag”

Wir haben vier Kategorien: Leben, Kultur, Pflege und Menschen. Ganz zentral für das Magazin war, immer regelmäßig Interviews zu führen mit unterschiedlichen Frauen. Als wir in den 2000ern groß geworden sind, haben wir Schwarze Menschen meistens im Entertainment-Sektor gesehen, was dazu geführt hat, dass es ein eindimensionales Bild davon gibt, was es für Optionen für Schwarze Frauen bzw. Schwarze Menschen in Deutschland gibt. Daher war es uns wichtig, mit vielen unterschiedlichen Frauen Interviews zu führen, um zu zeigen, du kannst Busfahrerin oder Philosophin werden, du kannst so viele Sachen machen und mussten diesem stereotypen Bild nicht entsprechen oder doch, wenn du eben einfach Lust darauf hast.

Beim Thema Kultur und Leben finden sich Themen, die eher in Richtung intersektionaler Feminismus gehen. Dort geht es um Fragen wie, wie ist es denn eine Schwarze Frau im deutschsprachigen Raum zu sein? Welche Hürden hat man? Man muss sich mit Tokenismus rumschlagen. Wie reagiert man darauf, wenn jemand irgendwie rassistisch ist? Wir wählen die Themen auch nach tagespolitischen Themen, wie beispielsweise dem VW-Skandal derzeit. Hierzu haben wir uns auch Gedanken gemacht, wie wollen wir uns dazu äußern und warum ist es problematisch. Gleichzeitig sind es auch Dinge, die wir uns einfach selbst fragen und bei denen wir auch manchmal keine Antwort haben und wo wir einfach anfangen zu recherchieren und mit unterschiedlichen Menschen sprechen. Uns werden auch Themen zugeschickt. Unser Ziel ist es nicht nur hierarchisch Content zu kreieren, sondern in Interaktion mit der Zielgruppe zu treten, mit den Frauen zu reden und im Gespräch zu erfahren, was wichtig für sie ist.

Wie finanzieren Sie RosaMag?

Screenshot "RosaMag"
Screenshot “RosaMag”

Wir waren zehn Monate lang Teil des Media Lab Bayern, das ist vom Staatsministerium Bayern finanziert. Das war super, weil wir so noch mal zehn Monate Raum hatten zu überlegen, wie wir RosaMag aufbauen. Wir alle haben einen redaktionellen und kreativen kulturellen Hintergrund, aber wir haben festgestellt, wir können nicht von Luft und Liebe leben. Wir haben erkannt: Empowerment funktioniert auch, wenn man damit Geld verdient. Aktuell gibt es natürlich im Medienbereich unfassbar viele Wege, um sich zu finanzieren. Zum einen über Steady, das heißt, wir bieten Abonnement-Modelle, bei denen wir keine Paywall oder ähnliches haben. Es ist eher ein intrinsisch motiviertes Paymenttool nach dem Motto, hey das finde ich cool, das unterstütze ich.

Dann machen wir auch Workshops, seit kurzem auch mit Unternehmen, und sprechen über rassistische Sprache. Aber eher im Kommunikationskontext. Wie kommt es zu bestimmten, reproduzierten rassistischen Bildern oder Worten? Das ist also eher ein Awareness-Workshop, wo wir immer wieder trainieren, wie kann man es erkennen. Es geht um all die Themen, über die wir auch schreiben. Wir haben festgestellt, dass wir häufig in unserer Bubble stecken und das ist der Schritt raus aus der Bubble. So können wir einfach einen Raum schaffen, in dem wir gesamtgesellschaftlich etwas verändern können. Das macht sehr viel Spaß. Wir machen auch Content-Kreation für andere Medienhäuser und starten jetzt mit Merch-Produkten.

Was ist der erste Effekt, den Sie sich wünschen? Wünschen Sie sich auch Nachahmer?

Das Ziel ist eigentlich, dass das Magazin obsolet wird, dass es kein RosaMag braucht, weil die Themen normal sind und in allen anderen etablierten Medien sind. Das passiert schon ein Stück weit. Wir bekommen ab und zu Nachrichten von Redakteur*innen, die sagen, ihr habt uns inspiriert oder über das Thema haben wir noch nie nachgedacht. Wir merken schon, dass da ein kleiner Wandel entsteht, aber mein Ziel ist es eigentlich, dass ich irgendwann in Rente gehen kann, es die Themen überall gibt und man ein RosaMag gar nicht mehr braucht.

Wie sehen die Reaktionen im Netz aus?

Das variiert. Wobei ich ganz glücklich bin, dass wir gar nicht so viele rechte Trolle haben. Es gibt ja im aktivistischen Bereich den Spruch: Wenn die rechten Trolle dich auf dem Schirm haben, dann bist du erfolgreich, denn dann haben sie Angst vor dir. Aber das haben wir nur mäßig.

Ich glaube, dass es etwas Inspirierendes ist, ein deutschsprachiges Magazin zu sehen, wo man sich selbst optisch repräsentiert erkennt. Man war immer gewohnt ins Ausland zu blicken, um sich zu sehen und zu sehen, ich bin hier und ich bin Teil dieser Gesellschaft. Das ist sehr empowernd und auch ein emotionaler Prozess. Dementsprechend haben wir viele nette Nachrichten bekommen. Dafür bin ich sehr dankbar, denn es ist zu Beginn irgendwie sehr zäh und hart mit so einem Magazin zu starten. Man fragt sich, wie spricht man die Zielgruppe an. Die ist es ja gar nicht gewohnt, dass sie angesprochen wird. Da hatten wir einfach gutes und liebes Feedback und das war unser kleiner Motor.

Gibt es einen Beitrag, den Sie ins Herz geschlossen haben, den Sie empfehlen möchten?

Eine schwierige Frage. Wenn ich mich unbedingt für einen entschieden müsste, dann für „Vom Peinlich sein und davon, als was Du als Schwarze Frau arbeiten darfst“ von Monika.

Screenshot "RosaMag"
Screenshot “RosaMag”

Es geht darum, wie Schwarze Frauen in der Community teilweise dafür geshamed werden, wenn sie Pflegeberufe ausüben. Nach dem Motto: Emanzipation! Ihr solltet andere Berufe machen! Und trotzdem sind es systemrelevante Jobs, das merkt man ja auch gerade in dieser Corona-Krise!

Ich saß vor dem Beitrag und habe gedacht: Wow! Darüber habe ich mir noch nicht so viele Gedanken gemacht! Das hat mich schockiert, dass ich darüber noch nicht so viel nachgedacht habe. Man lernt nie aus. Das ist aber auch ein schöner Prozess, wenn man eine Erkenntnis hat. Es ist therapeutisch, inspirierend und empowernd über diese Themen zu schreiben. Wir können so auch viele Sachen, die in der Gesellschaft oder in uns passieren, besser verstehen und für andere Leute, die das, worüber wir schreiben, nicht artikulieren können, aber etwas ähnliches fühlen, ist es gut, dass sie es lesen können.

Screenshot Zoom:  Ciani-Sophia Hoeder
Screenshot Zoom: Ciani-Sophia Hoeder

0 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Bitte lösen Sie folgende Sicherheitsfrage. *