Geschichten zur Einheit teilen

Veröffentlicht von Interviews Nominierte 2020 am

Screenshot "Meine Wende - Unsere Einheit"
Screenshot “Meine Wende – Unsere Einheit”

Vom 9. November 2019 bis zum 3. Oktober 2020 sammelt das ZDF für den Mitmach-Podcast “Meine Wende – Unsere Einheit?” persönliche Wende-Geschichten. Jeder kann seine Erlebnisse und Gedanken aufnehmen und einreichen. Mindestens einmal pro Woche wird eine der vielfältigen Geschichten veröffentlicht. Dabei führen die Berichte weg von der gewohnten Zeitzeugen-Perspektive, hin zu den persönlichen Biografien der Menschen und dem Einfluss, den Mauerfall und die deutsche Einheit auf das individuelle Leben genommen haben.

“Meine Wende – Unsere Einheit?” ist für den Grimme Online Award 2020 in der Kategorie “Kultur und Unterhaltung” nominiert. Im Interview erzählt Patrick Breitenbach, warum Mauerfall und deutsche Einheit in den Menschen verschiedene Gefühle wecken und wieso man sich für ein Creative-Commons-Angebot entschieden hat.

Woher stammt die Idee für „Meine Wende – Unsere Einheit?“?

Die Idee ist ursprünglich eigentlich aus einer ganz anderen Idee heraus entstanden. Es stand das Jubiläum „30 Jahre Mauerfall“ vor der Tür und das kleine Fernsehspiel, respektive Quantum als Formatlabor des ZDF hat sich überlegt, was können wir zu diesem Anlass Besonderes, Innovatives ausprobieren, wir als ZDF Digital und ZDF – Das kleine Fernsehspiel? Ursprünglich war tatsächlich einmal geplant in Richtung Instagram zu gehen. Das hat sich aber dann aufgrund der Plattformproblematik und diverser anderer Geschichten nicht so ergeben. Und so mussten wir dann ein bisschen umdenken.

In unserer Vorrecherche haben wir festgestellt, dass ganz viele Geschichten da draußen rund um das Thema Wendezeit, rund um das Thema Einheit existieren und nicht nur dieses Zeitzeugen-Perspektivische. Eher in Richtung: Was hat das eigentlich mit den Menschen gemacht? Das fanden wir extrem spannend, weil wir mit vielen Zeitzeug*innen oder mit Leuten geredet haben, die vor allen Dingen darüber gesprochen haben, was das mit ihrem Leben gemacht hat und wie sie das Ganze bewerten und betrachten. Da haben wir dann gedacht: Mensch, das wäre doch mal spannend, genau diese verschiedenen Geschichten einzusammeln und hör- und sichtbar zu machen. Wir kennen alle diese historischen Betrachtungen mit Zeitzeugen, Bildern und so weiter. Die Mauer fällt nach unten und alles Mögliche. Aber die eigentlichen Geschichten und die Biografie der Menschen, die kommen ein bisschen zu kurz. Deswegen entstand dann sehr schnell die Idee, diese Geschichten einsammeln und da standen wir vor der Frage, wie kann man das sehr einfach, ohne großen Aufwand machen.

Der Podcast ist ein schönes Medium, ein narratives Medium, aber wir haben uns gesagt, okay, wir machen nicht nur einfach einen Podcast und interviewen wieder Leute, sondern wir entwickeln ein Tool, bei dem Leute mitmachen können, wo sie ihre Geschichten selbst einreichen können. Wir unterstützen natürlich Menschen dabei, ihre Geschichten bei uns einzureichen, damit wir Geschichten haben, die vielleicht ins kollektive Gedächtnis des Landes mit eingehen und wo man sagen kann, so unterschiedlich betrachten die Leute diese Thematik.

Welches Ziel verfolgen Sie mit einem „Mitmach-Podcast“?    

Wir möchten Menschen dazu ermutigen, sie auffordern, all ihre Geschichten rund um „30 Jahre deutsche Einheit“ mit uns und mit den Menschen da draußen zu teilen. Dieser Mitmachaspekt wird auch deshalb unterstrichen, weil wir ein Creative-Commons-Projekt sind. Das bedeutet, wir haben nicht die alleinigen Rechte an den Geschichten. Wir wollen, dass die Menschen es untereinander teilen. Das ist ein wichtiger Aspekt. Der zweite wichtige Aspekt ist die Veröffentlichung der Geschichten. Wir veröffentlichen nun regelmäßig seit über einem Jahr, zwischen den zwei großen Jubiläen „Mauerfall“ und „Deutsche Einheit“, mindestens eine Geschichte pro Woche. Der dritte wichtige Aspekt, was wiederum ZDF und Podcast angeht, ist, dass wir auch ausgewählte Geschichten visualisieren. Das heißt, zum Jubiläum im Oktober wird es animierte Kurzfilme geben, wo wir die Originalspur der Podcasts als Grundlage nehmen und drumherum, künstlerisch illustriert und in verschiedenen Animationstechniken, das Ganze auch filmisch umsetzen. Und das wird dann tatsächlich auch auf dem Sendeplatz des kleinen Fernsehspiels ausgestrahlt und natürlich in der Mediathek zu sehen sein.

Um welche Geschichten geht es Ihnen?

Screenshot "Meine Wende - Unsere Einheit"
Screenshot “Meine Wende – Unsere Einheit”

Erstmal sind wir grundsätzlich offen für alle Geschichten. Es ist tatsächlich schwer, da eine Auswahl zu treffen. Uns ist vor allen Dingen die Vielfalt der Geschichten wichtig. Wir wollen natürlich nicht immer nur einen Blickwinkel. Uns interessieren natürlich die besonderen, berührenden, emotionalen Geschichten. Da sind ganz viele unterschiedliche Dinge dabei. Je vielfältiger, desto besser.

Wie viele Geschichten werden im Schnitt pro Monat eingeschickt? Wie viele davon werden ausgewählt?

Tatsächlich kommen gerade im Moment gar nicht so viele rein. Ich glaube, das liegt auch daran, dass das Projekt einfach noch ein bisschen unter dem Radar läuft. Eigentlich bin ich operativ auch gar nicht mehr so sehr involviert. Ich war eher in der Anfangsphase dabei. Deswegen kann ich das gar nicht so genau sagen. Ich weiß aber, dass es noch nicht so ein Problem ist, da zu selektieren. Das heißt, es fallen gar nicht so viele Geschichten weg, und wenn, fallen sie aus anderen Gründen weg. Das Gute am Internet und dem Medium Podcast ist, dass wir tatsächlich sehr viel Platz haben. Das heißt, wir könnten auch mal pro Woche mehrere Geschichten auf dem Kanal veröffentlichen. Und was die Auswahl für die filmische Umsetzung angeht, da muss eine Geschichte schon das Kriterium erfüllen, dass natürlich auch eine visuelle Ebene daraus entstehen kann. Dort gucken dann eher die Designer drauf und überlegen, was spricht uns an und was können wir künstlerisch letztendlich umsetzen.

Wie sichern Sie die Qualität der Geschichten?

Wir gehen ja bewusst nicht in den historischen Faktencheck, weil wir uns nicht als historisches Medium oder historisch korrektes Format sehen. Uns geht es wirklich um die narrative Ebene. Natürlich kann es sein, dass jemand völlig frei Dinge erfindet. Darauf haben wir überhaupt gar keinen Einfluss und das können wir auch gar nicht nachvollziehen und nachprüfen. Uns geht es aber auch nicht um die objektive Betrachtung der historischen Zusammenhänge damals, sondern um die Frage, wie haben einzelne Menschen in ihrer Biografie dieses Ganze erlebt und empfunden. Das wird man so oder so nicht wirklich nachprüfen können. Wir vertrauen einfach auf die Offenheit, die Ehrlichkeit der Einreichungen. Aber selbst, wenn an der einen oder anderen Stelle etwas nicht stimmt, ist es doch eher psychologisch auch interessant, wie es erzählt wird. Hier geht es wirklich um die reine Erzählung und die Emotionen, die mit den Ereignissen verknüpft werden.

Welche Folge hat Sie persönlich bisher am meisten bewegt?

Da sind einige Geschichten dabei. Eine, die mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ist tatsächlich eine der ersten Geschichten. Dort erzählt eine Frau ihre Geschichte. Es mag eigentlich relativ trivial klingen, aber wie sie erzählt und wie sie die großen Ereignisse mit ihrer Lebensgeschichte verknüpft, hat mich beeindruckt. Sie hatte eine Abtreibung und das Ganze erzählt sie aber auch im Rahmen und in der Verbindung mit dem Zeitgeist der noch bestehenden DDR und während des Überganges. Ihre Schilderungen, so wie sie das aus ihrer persönlichen Sicht erzählt, und wie sehr diese Frau sich da öffnet, das hat schon sehr berührt.

Was ich besonders spannend und berührend bei allen Geschichten finde, ist die Vielfältigkeit, die einem vorher vielleicht nicht so bewusst war und schon gar nicht mit einem westdeutschen Kontext. Ich glaube, viele verstehen immer noch nicht, warum Menschen so denken, wie sie gerade denken und dass es auch nicht die eine Denkweise gibt, denn die ostdeutsche Identität ist unheimlich in sich zerrissen. Es wird viel gehadert. Die einen feiern Mauerfall und Einheit, die anderen sehen es als das Schrecklichste überhaupt. Dieses Spannungsfeld berührt mich, weil man so oft den Eindruck hat, es sei ja alles super und nach 30 Jahren sei das Land wieder zusammengewachsen. Deswegen ist auch ganz bewusst bei unserem Projektnamen ein Fragezeichen dahinter. Wir hoffen aber dadurch, dass wir diese Geschichten einsammeln und sichtbar machen für alle, dass vielleicht eine neue Sensibilität entsteht im Umgang mit dieser ganzen Thematik. Und dass ein Zusammenwachsen von heute auf morgen auch nicht so einfach erledigt ist.

Wie sehen die Reaktionen auf das Projekt bisher aus?

Was mich wirklich überrascht, ist, dass es durchweg positive Rückmeldungen sind. Es gab jetzt wirklich keinen, der sich irgendwie darüber beschwert hat. Natürlich gab es ein bisschen kritisches Nachfragen in die Richtung: “Was wird denn da eigentlich weggeschnitten?”, “Zensiert ihr da irgendwas oder sucht ihr irgendwas speziell aus?” Aber was wir festgestellt haben – auch wenn wir natürlich noch nicht die Aufmerksamkeit im Massenpublikum haben – ist, dass diejenigen, mit denen wir gesprochen haben und die das gefunden haben, dass die alle schon fast darauf gewartet haben. Eine Aussage, die mir in Erinnerung geblieben ist: “Unsere Geschichte wird immer von den anderen erzählt. Endlich können wir unsere eigene Geschichte erzählen, völlig ohne beeinflussende Interviewer. Wir können einfach aus uns heraus erzählen, wie wir die Dinge sehen.” “Wir” in Anführungszeichen, weil es ja immer eine Ich-Erzählung ist und ich glaube, das kommt bei den allermeisten wirklich sehr, sehr gut an.

Wie geht es mit dem Projekt weiter?

Wir sind jetzt gerade dabei parallel die Animationsfilme zu erstellen. Wir werden hier auch mit verschiedenen Künstlern zusammenarbeiten. Vieles entsteht auch bei uns im Haus. Wenn das gesendet ist, ist eigentlich das Projekt offiziell damit beendet. Man muss aber schauen, wie die Resonanz ist. Vielleicht hilft es ja auch tatsächlich, so ein Projekt fortzuführen. Vor allem, wenn man sagt, dass man den Anspruch hat, ein bisschen was für das kollektive Gedächtnis zu tun, wäre es zumindest gut, wenn wir den Podcastteil fortführen können. Aber das obliegt dann letztendlich auch anderen Entscheidungsträgern. Wenn wir dürfen, würden wir es natürlich fortführen.

Screenshot Zoom: Patrick Breitenbach im Interview
Screenshot Zoom: Patrick Breitenbach im Interview

Das Interview führte Marie Jakob


0 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Bitte lösen Sie folgende Sicherheitsfrage. *