Let’s Talk Diversity

Veröffentlicht von Interviews Nominierte 2020 am

Screenshot des Youtube-Kanals "Karakaya Talk"
Screenshot “Karakaya Talk”

Real Talk mit viel Tee am Küchentisch: Auf dem funk-YouTube-Kanal “Karakaya Talk” mit Gastgeberin Esra Karakaya geht es nicht um möglichst gegensätzliche Pole, sondern um eine tragende Diskussion. In jeweils zwei Videos mit unterschiedlichen Schwerpunkten werden Themen und Lebensrealitäten behandelt, die sonst selten in den Medien vorkommen. Die Panels sind dabei divers besetzt und führen erfrischende Diskussionen, die sich von Talkshowformaten im linearen Fernsehen abheben. Die letzte Folge des Formats wurde Mitte Mai veröffentlicht.

„Karakaya Talk“ ist für den Grimme Online Award 2020 in der Kategorie „Information“ nominiert. Mit Redakteurin Nadège Fundschler haben wir über die Diversität des Formats, die sich nicht nur in Themen und Gästen, sondern auch beim Team widerspiegelt und das Ende der Talkshow gesprochen.

Wie kam es zur Entstehung der Talkshow?

Das Format „Karakaya Talk“ ist aus einem Vorgänger namens „BlackRockTalk“ entstanden. Dieses Format hatte Esra Karakaya 2018 gegründet. Esra ging es darum, eine Plattform zu schaffen, wo hauptsächlich Menschen aus marginalisierten Gruppierungen, die in deutschen Medien unterrepräsentiert sind, in einem Talk über Themen reden können, die hauptsächlich diese Menschen und Communities beschäftigen. Das haben wir dann zunächst independent produziert und damit das Interesse von WDR und funk geweckt. In der Zusammenarbeit ist es dann innerhalb von circa einem Jahr zu „Karakaya Talk“ geworden.

Die Grundidee, Themen, Perspektiven und Lebensrealitäten, die sonst weniger oder gar nicht in den deutschen Medien thematisiert oder repräsentiert sind, in den Vordergrund zu stellen, sind dabei stehen geblieben.

Wer hat alles bei „Karakaya Talk“ mitgewirkt?

Bei „BlackRockTalk“ waren wir zum Schluss tatsächlich eine 15-köpfige Crew, alles Menschen aus verschiedensten Gruppierungen oder Communities: Menschen, die non-binär, transgender sind, Frauen mit Kopftüchern, muslimische Frauen ohne Kopftuch, Schwarze Personen oder eben auch alleinerziehende Mütter. Es war wirklich eine sehr bunte und sehr diverse Runde, die in verschiedenen Arbeitsgruppen gewirkt haben: Social Media, die Setcrew, Bildregie. Als es dann darum ging, in „Karakaya Talk“ überzugehen, war es Esra wirklich sehr wichtig, praktisch das ganze Team mitzunehmen. Wir haben eigentlich genauso, wie wir gestartet und gewachsen sind, weitergemacht und es sind noch drei Redakteur*innen dazu gekommen.

Wie habt ihr die Gäste ausgewählt?

Das war ein Mix aus verschiedenen Quellen. Durch „BlackRockTalk“ hatten wir schon ein relativ großes Netzwerk aufgebaut. Teilweise waren das auch Freunde und Bekannte, von denen wir wussten, wo sie aktivistisch unterwegs sind.

Aber wir sind teilweise auch ganz klassisch in die Recherche gegangen, über Social Media oder beispielsweise Verbände, und haben nach Leuten gesucht, die in den Diskursen drin sind, die wir besprechen wollten.

Wie seid ihr auf die Themen gekommen?

Screenshot der Folge "Blackfishing: Bist du Schwarz oder tust du nur so?"
Screenshot “Karakaya Talk”

Wir haben erstmal Themen gesammelt, die uns selbst als Macher*innen dieser Sendung beschäftigt haben und gleichzeitig versucht zu gucken, welche Themen gerade in den Sozialen Medien, in den verschiedenen Communities heiß diskutiert werden. Häufig waren das auch Themen, die gerade eine politische Relevanz oder Aktualität hatten. Aus dieser Auswahl haben wir dann ganz basisdemokratisch entschieden und ausgewählt, welchen Themen wir uns widmen.

Aber natürlich wollten wir auch spontan bleiben und auf tagesaktuelle Geschehnisse reagieren können. Das hat sich dann beispielsweise bei der Sondersendung zu Corona gezeigt. Als das aufkam, nicht nur das Virus, sondern auch der damit verbundene Rassismus gegen asiatisch-gelesene Menschen, haben wir dann wirklich ganz kurzfristig, ein, zwei Tage vor der Aufzeichnung entschieden, dass wir dazu eine Sendung machen wollen.

Wie war der Umgang mit Hass- oder kritischen Kommentaren?

Teilweise hat es das Social-Media-Team wirklich sehr mitgenommen, weil sie damit einfach alltäglich zu tun hatten. Zum Beispiel die Folgen „Fridays for Future: zu weiß?“ oder „Blackfishing – Bist du Schwarz oder tust du nur so?“, waren Videos, die relativ viel Hate und Kritik abbekommen haben, da hatten wir einen regelrechten Shitstorm, auch von rechts. Das war dann teilweise schon schwierig für die Menschen, die sich damit auseinandersetzen und jeden Tag diese Kommentare lesen und beantworten mussten.

Screenshot der Folge "Coronavirus: Wie ansteckend ist euer Rassismus?"

Aber wir haben dann im Team entschieden, dass wir versuchen, da einen Mittelweg zu gehen. Man kann natürlich nicht auf alle Kommentare eingehen, es wurde dann wirklich irgendwann bodenlos. Aber wir haben versucht, die konstruktive Kritik aufzunehmen und im Team zu besprechen. Aber bei Kommentaren, bei denen wir gesehen haben, dass da ein Diskurs aussichtslos ist, haben wir es dann einfach mit einem standardisierten Kommentar stehen lassen. Da haben wir uns natürlich auch Hilfe von funk und WDR geholt, die uns unterstützt haben, da es dort auch Leitfäden für den Umgang mit Hasskommentaren gibt.

Es war teilweise wirklich heftig. Da sind die Menschen in der Redaktion jeweils unterschiedlich mit umgegangen. Da das Team so vielfältig war, hat es vielleicht für die eine Person eine größere Betroffenheit gegeben als für die andere. Aber insgesamt haben wir versucht, uns da gegenseitig aufzufangen und darüber zu sprechen.

Welche Folge wird Ihnen am meisten in Erinnerung bleiben?

Einmal ist das „Body Positivity“, weil es eine Folge war, an der ich redaktionell stark beteiligt war. Was Views und Diskussion drumherum angeht, ist es die Blackfishing-Folge, die mir im Kopf geblieben ist und eine meiner Lieblingsfolgen ist tatsächlich die Corona-Folge, wo wir nur asiatisch-gelesene Menschen reingeholt haben. Das war eine wirklich sehr, sehr schöne und runde Folge, die sich sehr gut angefühlt hat.

Warum wurde das Format beendet? Hätten Sie gern weitergemacht?

Ich hätte wirklich sehr gerne weitergemacht. Die offizielle Begründung beinhaltet auch, dass wir nicht alle Zielwerte, Klickzahlen erreicht haben. Das ist also ein ganz formell-struktureller Punkt. Ich kann sonst nichts mit Sicherheit sagen, aber ich weiß, dass es Esra sehr wichtig war, sich selbst treu zu bleiben. Als Gründerin des Formats muss man dann einfach gucken, ob man mit der Richtung noch zufrieden ist oder ob man lieber noch mal einen Schritt zurückgehen möchte. Aber ich kann das nicht wirklich sicher sagen, kann da meine Hand nicht für ins Feuer legen, es ist auf jeden Fall einvernehmlich und im Frieden auseinandergegangen. Da gab es keine Schlammschlacht oder so (lacht).

Unser Ziel, Menschen, die sonst nicht gesehen werden, zu repräsentieren und ihnen eine Plattform zu geben, verfolgen wir weiterhin und man weiß ja nie, vielleicht kommen wir in der Zukunft noch mal mit funk zusammen.

Screenshot aus dem Zoominterview mit Nadège Fundschler
Screenshot Zoom: Nadège Fundschler im Interview

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