Mind = blown: Schlau in 60 Sekunden

Veröffentlicht von Interviews Nominierte 2021 am

Screenshot "Niklas Kolorz auf TikTok"
Screenshot "Niklas Kolorz auf TikTok"
Screenshot “Niklas Kolorz auf TikTok”

Wieso, weshalb, warum – Social Media macht dumm? Nicht so ganz! Seit November 2020 beweist uns Niklas Kolorz auf seinem Tiktok-Kanal das Gegenteil: Mit seinen einminütigen Videos bringt der Content-Creator unter dem Hashtag #mindblownuniversity einem vorwiegend jugendlichen Publikum wissenschaftliche Themen nahe. Dabei geht er beispielsweise der Frage nach dem „Nichts“ nach oder erklärt, wieso wir eigentlich tagtäglich Dinosaurier-Urin zu uns nehmen. Im Interview erzählt Niklas Kolorz, was hinter seinen Videos steckt und was die Zukunft für ihn bereithält. Der TikTok-Kanal „NiklasKolorz“ (@niklaskolorz) ist für den Grimme Online Award 2021 in der Kategorie „Wissen und Bildung“ nominiert.

Dein Engagement erstreckt sich über viele Themengebiete. In deiner Biografie auf dem Blog des WWF beschreibst du dich selbst nicht nur als Videoproduzent, sondern auch als Moderator, Fotograf, Comedian, Partyhost und Musiker. Was motiviert dich dennoch dazu, fast täglich Videocontent für TikTok zu kreieren?

Ich glaube, ich war auf der Suche nach einem kreativen Outlet für mich, wo ich viele von diesen Sachen zusammenbringen kann, also einmal das Videoproduzieren, das Moderieren und auch einfach die Faszination, die ich für diese Themen habe – und diese weiterzugeben. Das ist tatsächlich im zweiten großen Lockdown letztes Jahr im November entstanden, wo einfach super viele Dinge, die ich gerne gemacht habe, weggefallen sind, also zum Beispiel eine Party hosten oder auf Stand-Up-Bühnen auftreten. Das geht halt einfach nicht, wenn alles Kulturelle geschlossen hat, und da war das ein sehr, sehr schönes kreatives Outlet. Man kann einfach von zuhause arbeiten und erreicht schnell Leute. So ist das entstanden und hat sich jetzt irgendwie so durchgesetzt, dass ich das fast jeden Tag mache.

Wie entstand die Idee zu deinem aktuellen TikTok-Kanal?

Screenshot "Niklas Kolorz auf TikTok"
Screenshot “Niklas Kolorz auf TikTok”

Ich bin generell bei solchen Themen total schnell fasziniert von dem, was eigentlich dahintersteckt. Erstmal, was wir Menschen alles wissen, und wie wir dahin gekommen sind. Also nicht nur, dass wir wissen, „so und so ist der Urknall ungefähr abgelaufen und diese Partikel sind aufeinandergetroffen und haben das dann erschaffen“. Für mich ist das irgendwie total verrückt, dass Leute es tatsächlich mit wissenschaftlichen Methoden geschafft haben, Theorien aufzubauen und diese zu prüfen. Und das von Dingen, die vor Milliarden von Jahren passiert sind. Ich kenne viele Leute, die diese Faszination auch teilen und es ist eigentlich immer total interessant, darüber zu sprechen oder zu philosophieren. So habe ich angefangen, darüber Videos zu machen. Das waren auch genau die Videos, die bei TikTok superschnell sehr krass eingeschlagen sind. Da habe ich das Gefühl, okay – ich erzähle nicht nur etwas, was mich selbst interessiert, sondern es interessiert offensichtlich auch noch andere Menschen. Das ist total toll. Ich versuche hauptsächlich, eben diese Faszination zu vermitteln. Das beschränkt sich nicht unbedingt auf einen Themenbereich, also nur Astronomie, nur Psychologie oder nur Biologie, sondern eigentlich versuche ich für jeden Themenbereich, für alle Wissenschaften zu sagen: Da steckt was total Faszinierendes hinter. Und ja, es ist cool, darüber zu sprechen und das zu teilen.

TikTok ist eine junge Plattform. Allgemein würde man vermuten, dass es sehr schwierig ist, Kindern und Jugendlichen, die auf dieser App unterwegs sind, solche wissenschaftlichen Themen wie Gentechnik oder Astronomie schmackhaft zu machen. Wirkt sich das auf deine Produktion aus und bietet dir TikTok vielleicht sogar Vorteile gegenüber anderen Plattformen?

Das ist eine interessante Frage. Ich glaube, wenn man Enthusiasmus beim Erklären hat, dann kann man jeden Menschen irgendwie packen. Da ist es erstmal vorrangig egal, wie alt die Person ist – wenn man jemandem beim Reden zuhört und die Person eine Faszination und Enthusiasmus für das Thema hat, dann könnten es Staubsauger sein und ich wäre dabei, mir eine Stunde TED-Talk darüber anzuhören. Aber ich glaube, der große Vorteil, den man auf TikTok gegenüber anderen Plattformen hat, gerade mit dieser jungen Zielgruppe, ist, dass viele Leute das erste Mal über gewisse Themen etwas hören – zum Beispiel, dass sich unsere Sonne auch selbst bewegt und nicht nur die Planeten drumherum. Es gibt eben ganz viele Themenbereiche, auf die viele junge Leute vielleicht das erste Mal stoßen. Ich finde es interessant, dass man Leuten früh eine Faszination und so ein „Hey, die Welt ist total aufregend und spannend und wenn man neugierig ist, findet man eigentlich hinter jeder Ecke was Faszinierendes, und das macht so viel Spaß“ vermitteln kann. Das ist auch ein Vorteil gegenüber Plattformen, wo eher ein älteres Publikum unterwegs ist und es schwieriger ist, Leute mit solchen Themen total zu „mindblowen“, was ja hauptsächlich der Inhalt von dem Kanal ist.

Auch wenn deine Videos meist bei nur 60 Sekunden liegen, beträgt der Zeitaufwand dahinter bestimmt wesentlich mehr. Wie gestaltet sich in etwa der Prozess der Videoerstellung, von der Auswahl einer Frage über die Recherche bis hin zur letztendlichen Veröffentlichung? 

Screenshot "Niklas Kolorz auf TikTok"
Screenshot “Niklas Kolorz auf TikTok”

Das Ganze fängt ja erstmal mit der Idee oder einer Inspiration an. Manchmal sind es Fragen von Zuschauerinnen und Zuschauern, die über das Fragen-Tool bei TikTok eingehen. Manchmal sind es aber auch Sachen, die ich in einem Buch lese oder in einer Doku gesehen habe. Und dann passiert irgendwas im Kopf und man denkt: Okay, das ist interessant, da gibt’s einen coolen Blickwinkel auf die Geschichte. Und dann setze ich mich an die Recherche. Je nachdem, wie viel ich auf dem Themengebiet schon weiß, dauert das unterschiedlich lange. Manchmal weiß ich schon genau, wo ich was nachlesen muss. Dann kommt es natürlich auch darauf an, ob man eine gute Quelle findet, denn man findet im Internet wahnsinnig viele Informationen. Ich versuche, ziemlich streng damit zu sein, dass die Informationen meistens einen wissenschaftlichen Hintergrund haben und von einer Universität oder einem renommierten Magazin stammen, sodass ich weiß, dass ich mich an das, was da steht, einigermaßen gut halten kann. Dann schreibe ich das Skript und da ist die Herausforderung, eben genau in diesen 60 Sekunden zu bleiben, auch, wenn man auf TikTok manchmal sagt, noch kürzere Videos wären besser. Ich glaube, fast jedes meiner Videos liegt haarscharf an der Grenze zu den 60 Sekunden und jedes einzelne Wort ist wirklich gut und wohlüberlegt, also – habe ich das schon gesagt? Habe ich dazu vielleicht zu viel gesagt? Muss ich das sogar vielleicht doppelt erklären, weil es kompliziert ist? – und dann setze ich mich hin und schreibe das. Währenddessen habe ich immer eine Stoppuhr neben mir laufen, spreche jeden Satz und gucke, wie viele Sekunden dieser lang ist. Das Moderieren und Schneiden geht mittlerweile relativ schnell, weil ich darin geübt bin, aber ich sag mal so: Für eine Minute auf TikTok brauche ich zwischen einer und zwei Stunden im Schnitt. Das ist ungefähr der Zeitrahmen, in dem ich mich bewege.

Du bist nun seit einiger Zeit sehr aktiv auf TikTok. Wie sieht es mit der Zukunft aus? Hast du bereits Pläne, um deinen Content zu erweitern oder auf andere Plattformen zu bringen?

Ich würde total gerne mehr machen. Ich würde auch gerne längeren Content machen. Beispielsweise wünschen sich Leute immer wieder einen Podcast. Ich habe auch in der Vergangenheit schon mehrere Podcast-Projekte umgesetzt, aber noch keinen in diesem Wissenschaftsrahmen. Da sehe ich die Herausforderung, dass da noch mehr Recherche passieren muss und das ist zeitlich für mich schwierig zu stemmen, da ich sehr viele Sachen jongliere. Neben TikTok habe ich natürlich auch noch irgendwo einen Beruf und studiere auch noch in Teilzeit. Ich bin in vielen Gebieten gleichmäßig aufgeteilt. Ich weiß gar nicht, ob ich das anteasern darf, aber ich werde auch bald eine Sendung in der ARD-Mediathek moderieren, die ähnliche Themen behandelt. Es gibt viele Sachen, die bald passieren und rauskommen werden und ich bin auf der Suche nach der Möglichkeit, längeren Content zu machen; vielleicht auch für YouTube, vielleicht für einen Podcast. Aber das steckt alles noch in den Kinderschuhen.

Wir gehen davon aus, dass du auf TikTok selbst als Konsument unterwegs bist – gibt es Content Creator auf dieser App, die du persönlich weiterempfehlen würdest?

Ich glaube, einer der größten internationalen Kanäle, die mir total gut gefallen, ist Hank Green (@hankgreen1 auf TikTok). Er ist Wissenschaftler und macht Content über viele biologische Themen, weil er selbst auch Biologe ist, aber auch zu allen möglichen anderen Sachen. Und Leute gehen auch immer zu ihm und sind so: „Hey, hier ist eine Frage: Warum haben wir eigentlich Beine?“ Und er setzt sich dann eben an die Antwort. Das Tolle bei solchen Fragen ist ja wirklich, dass man erst denkt: Na ja, wir haben halt Beine, weil Evolution! Aber je tiefer man in solche Materie einsteigt, desto mehr fragt man sich: Warum? Warum ist das so kompliziert? Und er macht das echt super und sehr, sehr unterhaltsam, superlustig und hat einfach eine super starke Persönlichkeit. Das kann ich sehr empfehlen, wenn man des Englischen mächtig ist. Ansonsten gibt es ganz viele andere tolle Wissenskanäle, die ich auch auf Deutsch gut finde. Wissensbert (@wissensbert auf TikTok) macht tolle Sachen. Auch bei Dr. Reinhard Remfort (@behind_the_science) gibt es total faszinierende, anschauliche Experimente und Leonie Schöler (@heeyleonie) macht supercoole Videos zu Themen aus Geschichte und Politik, da lerne ich jedes Mal etwas Neues! Es gibt total viele tolle Kanäle, die es wahrscheinlich auch genauso wie ich verdient hätten, diese Nominierung zu haben. Deswegen freue ich mich total, dass ich an der Stelle und bei der Auswahl der Nominierten auch so ein bisschen die TikTok-Community vertreten darf.

Screenshot Zoom: Niklas Kolorz

Das Interview führten Jennifer Böhme und Laura Breitner.
Die Interviews entstanden in medienpraktischen Übungen im Bachelor-Studiengang “Mehrsprachige Kommunikation” an der TH Köln.


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