Deutsche Kunstgeschichte in Kunst-Geschichten

Veröffentlicht von Interviews Nominierte 2022 am

Screenshot "ostKUNSTwest: deutsch-deutsche Kunstgeschichten"
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Screenshot “ostKUNSTwest: deutsch-deutsche Kunstgeschichten”

Deutsche Kunstgeschichte ist doch nur deutsch-deutscher Einheitsbrei? Stimmt nicht! Genau das beweist der MDR mit seinem Multimediaprojekt „ostKUNSTwest“. In 20 Kapiteln wird die ost- und westdeutsche Kunstgeschichte in einen historischen und popkulturellen Kontext gebracht. Und nicht nur das. Zusätzlich zur Website hat das Team auch einen Podcast aufgesetzt, in dem in jedem Kapitel ein neues Jahrzehnt zusammen mit Kenner*innen betrachtet wird.

„ostKUNSTwest“ wurde nun in der Kategorie „Kultur und Unterhaltung“ für den Grimme Online Award nominiert. MDR-Redakteurin Yasmin Vorndran-Ahmadiar erzählt im Interview mehr zur Idee und Umsetzung dieses spannenden Projekts, das Kunstgeschichte auf Augenhöhe mit den Usern vermittelt.

Mit dem Projekt “ostKUNSTwest” haben Sie Kunstwerke in einen historischen und gesellschaftlichen Kontext gestellt. Inwiefern glauben Sie, lässt sich dadurch die Kunst neu verstehen?

Ich glaube, dass man Kunst so besser verstehen kann, weil sie nicht zu lösen ist vom gesellschaftlichen und historischen Kontext. Wenn ich mir zum Beispiel feministische Kunst aus den 70er Jahren anschaue, muss ich mir überlegen, in welcher Situation, in welchem gesellschaftlichen Umfeld und in welcher Position Künstlerinnen und Frauen im Allgemeinen sich zu dieser Zeit befunden haben.

Wann entstand die Idee zu Ihrem Projekt? Spielte dabei auch eine Rolle, dass während der Corona-Pandemie lange Zeit die Museen geschlossen bleiben mussten?

Screenshot "ostKUNSTwest: deutsch-deutsche Kunstgeschichten"
Screenshot “ostKUNSTwest: deutsch-deutsche Kunstgeschichten”

Es hat uns auf jeden Fall bestärkt, dass wir den Eindruck hatten, es wäre schön, Kunst nochmal direkter zu erfahren. Die Idee ist aber entstanden in dem Jahr, in dem Joseph Beuys und Willi Sitte 100 geworden wären (Anm. d. Redaktion: 2021). Wir haben festgestellt, dass jeder, der sich irgendwann schon mal mit Kunst beschäftigt hat, Joseph Beuys kennt, aber Willi Sitte nicht. Dabei ist er in Ostdeutschland einer der wichtigsten, wenn auch umstrittenen Künstler der Nachkriegszeit gewesen. Deshalb haben wir uns überlegt, wie man jüngeren Menschen, die in Westdeutschland geprägt und kulturell gebildet worden sind, Willi Sitte und andere ostdeutsche Künstler näherbringen kann. Wir haben uns auch gefragt, wie man die Kunstgeschichte der Nachkriegszeit gesamtdeutsch erzählen kann, ohne das Ganze als Blase darzustellen. Wir haben uns überlegt, dass uns das gelingen könnte, indem wir die einzelnen Stationen der deutsch-deutschen Kunstgeschichte chronologisch, aber eben nicht regional getrennt erzählen. Dabei wollten wir immer wieder die politisch und gesellschaftlich bedingten Parallelen, aber auch die Unterschiede darstellen. So ist die Idee dann entstanden.

Das Projekt umfasst 400 Kunstwerke aus verschiedenen Ausstellungen und Kunstströmungen in Ost- und Westdeutschland seit 1945. Anhand welcher Kriterien wurden die Werke ausgewählt? Wer hat entschieden, von welchen Werken im Projekt erzählt werden soll?

Das war das Schwierigste, weil Kunstgeschichte ein wahnsinnig komplexes Thema ist. Die deutsch-deutsche Kunstgeschichte seit 1949 ist natürlich auch unglaublich tiefgehend, vielfältig und reich. Das kann man nicht alles in einem einzigen Projekt in 20 Stationen abbilden. Deswegen musste eine sehr strenge Auswahl getroffen werden. Wir haben am Anfang noch von Meilensteinen gesprochen. Von diesem Wort haben wir uns aber getrennt, weil wir nicht 20 Meilensteine festlegen konnten. Wir mussten uns aber auf irgendeine Art und Weise beschränken und haben uns deshalb Hilfe geholt von Carsten Probst, der sich mit dem Thema schon lange befasst. Von ihm haben wir uns Vorschläge schicken lassen. Wir haben überlegt: Was sind Stationen in der westdeutschen und in der ostdeutschen Kunstgeschichte und was gibt es bis heute für gemeinsame Stationen? Darüber haben wir in der Redaktion dann noch mal mit weiteren Kollegen diskutiert und immer wieder neu überlegt, bis wir zu dieser Auswahl gekommen sind. Dabei war uns eigentlich aber auch schon vorher klar, dass es auf keinen Fall einen Anspruch auf Vollständigkeit geben kann, weil man auch immer eine subjektive Auswahl treffen muss.

Screenshot "ostKUNSTwest: deutsch-deutsche Kunstgeschichten"
Screenshot “ostKUNSTwest: deutsch-deutsche Kunstgeschichten”

Deshalb ist es von Anfang an ein spannendes Projekt gewesen, weil es mit sehr kompetenten Diskussionen einhergegangen ist. Ich als Projektleiterin habe die Leute zusammengebracht. Sie beschäftigen sich schon länger mit westdeutscher und ostdeutscher Kunstgeschichte bis zur Wiedervereinigung. Das ist auch ein Thema, das immer noch heiß diskutiert und zu dem viel geforscht wird. Deshalb ist das Projekt “ostKUNSTwest” auch nicht als statisch zu betrachten, sondern es befindet sich in Bewegung. Es muss immer wieder angepasst werden, lebendig bleiben und wachsen. Wir werden immer wieder redaktionelle Anstrengungen haben, das Projekt auch aktuell zu halten. Wir könnten jeden Tag daran arbeiten, wollten aber auch kein zweites Portal eröffnen. Viele Menschen interessieren sich eigentlich für Kunst, ihnen fehlt aber das Hintergrundwissen für die meisten Artikel. Oder sie möchten gerne in eine Ausstellung gehen, aber verstehen sie vielleicht nicht immer oder können sie nicht einordnen. Ihnen wollten wir auf eine unkomplizierte und haptische Art und Weise durch die Scrolling-Darstellung die Möglichkeit geben, Orientierung zu finden und Lust zu bekommen, tiefer in die Kunstgeschichte einzutauchen. Eine Art Basis-Kunstgeschichte. Deshalb war es ein unheimlicher Kampf, sich darauf zu einigen, welche Infos man vermittelt, welche Geschichten man erzählt und welche nicht. Die Texterin Prof. Nadja Mayer hat den richtigen Ton für diese Erzählung getroffen.

Ihr Projekt möchte Kunstgeschichte in Kunstgeschichten erzählen. Glauben Sie damit auch Jugendliche und Personen, die bis jetzt eher seltener Museen besucht haben, dazu animieren zu können, sich für Kunstgeschichte zu interessieren?

Ja, ich glaube, es kann Lust darauf machen, aber man muss dafür ja erst mal nach Kunstinhalten suchen. Wir haben das Angebot vor kurzem auch an alle möglichen Schulen geschickt, unter anderem an Kunst-Gymnasien etc. Wir suchen auch da die Vernetzung, weil wir denken, dass das auch für den Schulunterricht auf dem Handy eine schöne Art und Weise ist, Kunst zu erfahren. Was besonders schön ist: Man kann sich in die einzelnen Bilder und auch historischen Fotografien reinklicken oder reinzoomen; das ist schon so wie ein kleiner Museumsbesuch in der Handtasche.

Ich würde es aber gar nicht auf Jugendliche beschränken, weil wir gemerkt haben, dass auch Erwachsene mit einem großen Wissen über Kultur häufig der Blick in die Kunstgeschichte der anderen Seite Deutschlands fehlt. Ich komme zum Beispiel aus der Nähe von Köln; von der ostdeutschen Kunstgeschichte habe ich gar nichts mitgekriegt. Das kam erst, als ich dann nach Halle gezogen bin und mich irgendwann damit beschäftigt habe. So geht es ganz vielen Leuten im Westen Deutschlands und umgekehrt genauso. Im Vordergrund stand eigentlich, auch Leute für die Kunstgeschichte des anderen Teils von Deutschland zu begeistern und ihnen die Möglichkeit zu geben, das für sich zu entdecken und auch einordnen zu können. Das ist natürlich sehr komplex – und deshalb auch die unbedingte Verknüpfung mit dem gesellschaftlichen und historischen Umfeld.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, die Kunstgeschichten in zwei verschiedenen Formen zu erzählen: in einer Website und mit einem Podcast?

Screenshot "ostKUNSTwest: deutsch-deutsche Kunstgeschichten"
Screenshot “ostKUNSTwest: deutsch-deutsche Kunstgeschichten”

Das war tatsächlich eine kurzfristige Entscheidung. Aber manchmal sind auch solche Projektideen nicht in Stein gemeißelt. Ideen wieder über den Haufen zu werfen und neu zu denken, gehört auch dazu. Man lernt ja auch aus jedem Angebot, welches man für eine digitale Zielgruppe entwickelt.

Ursprünglich wollten wir eine Art Audioguide oder Audio-Elemente in die Website von www.ostkunstwest.de einarbeiten. Dann haben wir gemerkt, dass man sich damit in einem ganz anderen Nutzungsszenario befindet. Man sitzt vielleicht im Auto oder man kocht gerade, will etwas hören und möchte nicht durch ein bildreiches Angebot scrollen. Warum dann nicht gleich einen Podcast machen? Vielleicht müssten wir das ja gar nicht auf einer Website unterbringen, sondern einfach an der Stelle ein anderes Nutzungsszenario aufmachen und ein eigenes Produkt dafür entwickeln, das natürlich nicht von der Website zu trennen ist? Da kam die Idee, kurzfristig doch den Podcast zu machen.

Der wurde von meinem Kollegen Andreas Höll betreut, der bei uns Kunstredakteur ist. Er hat auch redaktionell die Webseite www.ostkunstwest.de betreut. Unser Host ist Kais Harrabi, der auch eine tolle Anspruchshaltung hatte für den Podcast. Da es sehr viele Kunstgeschichtspodcasts auf dem Markt gibt, die sich an diesen inneren Zirkel, also an Menschen richten, die selbst Kunstgeschichte studiert haben, wollten wir es zugänglicher machen. Deswegen steigt der Host auch gleich ein mit: „Ich bin selbst kein Kunstexperte, ich bin eigentlich Literaturredakteur, aber ich interessiere mich total dafür und ich habe eine sehr gute Allgemeinbildung. Und ich treffe mich jetzt mit Auskennerinnen und Auskennern und frag die einfach mal aus.“ Daraus sind ziemlich schöne Gespräche entstanden. Wenn Leute mehr erfahren möchten über ein Thema aus der Kunstgeschichte, in das sie vorher noch nicht so eingestiegen sind, dann ist das eine tolle Inspiration. Da kann so ein Angebot wie ostKUNSTwest hoffentlich helfen. Das Projekt wird aber niemanden erreichen, der sagt “Kunst interessiert mich überhaupt nicht”. Aber dass man bestimmte Aspekte der Kunstgeschichte für sich entdeckt und sagt “Wow, das begeistert mich jetzt irgendwie. Da will ich hin, da will ich mehr erfahren.” – das war eigentlich unser Wunsch. Wir hoffen, dass das noch mehr Menschen erreicht. Vielleicht auch durch den Grimme Online Award.

Screenshot "ostKUNSTwest: deutsch-deutsche Kunstgeschichten"
Screenshot “ostKUNSTwest: deutsch-deutsche Kunstgeschichten”

Im Namen Ihres Projekts verbindet der Begriff Kunst Ost und West. Liegt daran auch eine Symbolik? Glauben Sie, gemeinsame Kunstgeschichte kann das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Menschen in Ost- und Westdeutschland stärken?

Es kann auf jeden Fall erst einmal die Allgemeinbildung stärken. Es kann aber auch Verständnis für die Kunst von heute erwecken, denn Künstlerinnen und Künstler von heute beziehen sich ja häufig auf die Geschichte. Da gibt es Referenzen – und zwar auf die Kunstgeschichte, in der Deutschland noch geteilt war. In vielen Ausstellungen sehe ich natürlich zum Beispiel Kunst aus dem damaligen Westdeutschland und dem damaligen Ostdeutschland, die ich versuche einzuordnen. Wenn ich aber nicht aus der jeweils anderen Region komme, ist es für mich schwieriger; und da hilft mir einfach diese historische Einordnung. Woher kommt das denn? Warum sah das denn so aus? Besonders das Thema Kunst in der DDR ist unglaublich komplex und schwierig zu verstehen und auch schwierig zu vereinfachen. Wir haben versucht, einen Mittelweg zu finden, wie man Ansätze des Verstehens schaffen und wie man Orientierung finden kann. So kamen wir auf die Idee zu sagen, dass das Angebot vielleicht auch so eine Art Kompass ist. Wie bewege ich mich durch die Ausstellung? Wie bewege ich mich durch das Thema Kunstgeschichte oder durch deutsch-deutsche Kunstgeschichte? Vom Wort Kompass kommen wir natürlich schnell zu den Himmelsrichtungen. Dann haben wir uns überlegt: Wenn ich nach Begriffen suche, suche ich dann nach Art, nach Malerei, nach bildender Kunst oder suche ich einfach nach Kunst? Da erschien uns der Name ostKUNSTwest irgendwie logisch. Und aus unserer Perspektive ging es dann auch wirklich von Osten nach Westen.

Das Interview führten Sophia-Diana Brings und Didem Seleci. Die Interviews entstanden in medienpraktischen Übungen im Bachelor-Studiengang “Mehrsprachige Kommunikation” an der TH Köln.

Screenshot: Yasmin Vorndran-Ahmadiar von ostKUNSTwest
Screenshot: Yasmin Vorndran-Ahmadiar

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