Missbrauch und das Schweigen der Kirche

Veröffentlicht von Interviews Nominierte 2022 am

Screenshot "Das unsichtbare Kind"
Screenshot "Das unsichtbare Kind"
Screenshot “Das unsichtbare Kind”

Wie kann ein sexueller Missbrauch, welcher über mehrere Jahre geht, unentdeckt bleiben? Wieso wird ein Pfarrer gedeckt und welche Verantwortung trägt ein ehemaliger Papst? CORRECTIV und der Bayerische Rundfunk sind der Sache auf den Grund gegangen und haben die Wahrheit ans Licht gebracht. Unterstützt wurden sie dabei von einer Bürgerinitiative, was es zuvor so noch nicht gegeben hat.

Das Ergebnis der Recherche, der Webartikel „Das unsichtbare Kind“, ist für den Grimme Online Award 2022 in der Kategorie „Information“ nominiert. Im Interview berichtet Marcus Bensmann über die spannenden Hintergründe dieser Recherche, erklärt, inwiefern „Das unsichtbare Kind“ ein Schlussstein und warum Recherche Arbeit am Menschen ist.

In Ihrem Beitrag „Das unsichtbare Kind“ decken Sie anhand des Falls des Missbrauchsopfers Stefan das Ausmaß der Missbrauchsfälle durch den katholischen Priester Peter H. auf. Wie kam der Kontakt mit Stefan zustande?

Das war eine sehr lange und intensive Arbeit. Diese Geschichte ist im Grunde genommen eine Fortsetzung der ersten Recherche, die wir 2020 veröffentlicht haben. Wir hatten uns die bayerische Gemeinde Garching an der Alz angesehen, weil der besagte H. dort zwanzig Jahre Priester war. Nie hatte sich ein Betroffener gezeigt oder über den Missbrauch geredet. Es gab zwar Hinweise und Anzeigen, die Taten waren aber verjährt. Hinter diesem Missbrauch gab es keine Geschichte. Garching an der Alz ist so spannend, weil sich dort eine neue Verbindung zum Ex-Papst ergeben hat. Peter H. hat in den ganzen zwanzig Jahren unter direkter Beobachtung die Gemeinde geleitet und so sind wir also hingegangen und haben versucht zu rekonstruieren, was in dieser Zeit eigentlich geschehen ist. Als ich anfing, hieß es: Warum in alten Wunden stochern? Das ist doch alles lange her. Aber je länger die Recherche gedauert hat, desto mehr fanden wir heraus. Die Menschen hatten nie darüber geredet. Sie sahen sich das erste Mal mit dieser Situation konfrontiert, dass zwanzig Jahre ein Pädosexueller die gesamte Gemeindearbeit genutzt hat, um an Jungen heranzukommen. Damals bekam ich den Hinweis, dass in einem Bittbuch ein Zettel war, auf dem stand „Die sexuelle Belästigung soll aufhören – Stefan.“ Und da war dieser Name. Es kam nie die Person hervor, die gemeint ist, erst nach über einem Jahr Engagement in dieser Gemeinde. Im Verlauf der Recherche hat der Kardinal dieser Gemeinde sich entschuldigt. Daraufhin ist auf einmal so viel Bewegung entstanden, dass ich irgendwann einen Anruf bekam und es hieß: „Ich bin der Stefan.“ Im Anschluss daran trafen wir uns einem Gasthaus und Stefan sagte mir, ich sei der erste, dem er von dieser Missbrauchsgeschichte erzähle. Er hatte es nur einmal seiner Frau gesagt, mir erzählte er aber auch wie es anfing, sich entwickelt und wie es dann auch geendet hat mit dem Pfarrfest. Da hatten wir zum ersten Mal die Missbrauchsgeschichte von Peter H. in dieser bayerischen Gemeinde; das hat diesen ganzen Fall auf den Kopf gestellt.

Für den Beitrag war eine sehr umfangreiche Recherche notwendig. Wie lange haben Sie und Ihr Team hierfür recherchiert, Akten gesichtet? Wie viele Interviews haben Sie geführt?

Diese Geschichte fing im Grunde genommen 2017 an, und zwar während einer anderen Recherche in Bottrop. Der Geschichte mit einem alten Apotheker, der Krebszubereitung gepanscht hat. Somit sind wir mit CORRECTIV und einer ganz neuen Idee in die Recherche gegangen. Wir haben unmittelbar in der Nähe der Alten Apotheke ein leeres Ladenlokal angemietet und sind mit der gesamten Redaktion für mehrere Monate dorthin gezogen, um herauszufinden, wie dieser Apotheker ungestört über Jahre tausende Krebszubereitungen panschen konnte. Das war wie ein Wirtschaftsskandal. Es gab Betroffene, die diese Krebszubereitungen bekommen haben, die aber keiner gesehen hat, doch dann waren wir auf einmal da. Sie kamen alle zu uns ins Büro und haben von ihren Krankenakten und Geschichten erzählt. Plötzlich stand da jemand, der meinte, dass ein weiteres Verbrechen des Vertrauens stattgefunden hat und somit begannen wir zu recherchieren.

Als H. aber in Bottrop angefangen hatte, war dies noch nicht bekannt, also fingen wir an zu sammeln. Es kam heraus, dass es nicht nur Stefan war, der missbraucht wurde, sondern über zehn Leute. Mittlerweile waren einige tot, einige waren Alkoholiker. Anschließend haben wir versucht, die Akten einzusehen. Wir konnten einige Kirchenakten einsehen, und in denen war Peter H. bekannt. Seine Versetzung von Essen in das Bistum Garching von Freising erfolgte zu einer Zeit, als Kardinal Ratzinger dort Erzbischof war und später Papst, im Jahr 2010, als die Geschichte rauskam. Im Grunde genommen hieß es, er hätte erlaubt, dass ein pädosexueller Priester wie Peter H. in der Gemeindearbeit eingesetzt werden konnte. Das war eben diese große Belastung. Alle Konzentration lag auf seiner Zeit als Erzbischof. Wir fanden heraus, dass es ein weiteres Treffen gab, nämlich in Garching an der Alz, wo H. gegenüber dem Bistum in Essen behauptet habe, Ratzinger selbst getroffen zu haben, als er einen kranken Weihbischof besuchte. Somit hatten wir eine neue Verbindung.

Dann bin ich nach Garching an der Alz und Engelsberg, diese zwei Dörfer, die in einer Gemeinde vereint sind. Dort habe ich dann mit unzähligen Menschen gesprochen, bin in die Pfarrnachrichten gegangen und habe gesammelt. Auch die Messdiener aus der damaligen Zeit haben wir alle per E-Mail mit Hilfe von CORRECTIV kontaktiert. Somit sind dann über Jahre unzählige Kontakte zu Stande gekommen. Dazu ist durch unsere Recherche in dieser Gemeinde eine Bürgerinitiative entstanden. Das ist die erste Bürgerinitiative, wo nicht nur Missbrauchsopfer ihre Geschichten erzählen, sondern eine Gemeinde sagt: „Wir sind ja auch belogen worden. Wir wollen jetzt auch die Wahrheit erfahren!“ Das hat unzählige neue Quellen eröffnet, die vorher verschlossen waren. Die Krönung dieser ganzen Geschichte war „Das unsichtbare Kind“, wo wir all die Enden, die wir in die Recherche gelegt haben, wieder zusammenführen konnten.

Gab es besondere Herausforderungen bei der Recherche?

Screenshot "Das unsichtbare Kind"
Screenshot “Das unsichtbare Kind”

Die größten Herausforderungen waren die verschiedenen Ebenen. Erstmal war sehr kompliziert, an die Akten zu kommen und die einsehen zu können. Zu begreifen: Was ist eigentlich das Neue? Worüber wurde bereits 2010 berichtet? Und zu versuchen, eine neue Erkenntnis herauszuarbeiten. Dann war sehr schnell klar, dass es dort eine neue Verbindung zu dem Ex-Papst Benedikt Emeritus und Kardinal Ratzinger in Garching gab. Aber da war ein Journalist, der von extern kommt und diese bohrenden Fragen stellt und zeigt, dass es die Menschen auch etwas angeht und sie ebenfalls etwas tun müssen. Das war eine sehr spannende Sache. Zwei Leute hatten in Garching die Initiative Sauerteig gegründet, die Licht in die Zeit um Pfarrer H. bringen wollte. Einer von ihnen war der Herr Mittmeier, der damals den Pfarrer geleitet hatte. Als ich das erste Mal Kontakt mit ihm hatte, wollte er nicht mit dem Gesicht vor die Kamera gehen. Wir haben ihn zunächst mit einer Mütze und im Schatten gefilmt, aber als wir weiter recherchierten, meinte er, dass er doch raus gehen will. In der Gemeinde gab es zwei Lager: Zum einen Lager gehörten die, die Peter H. immer noch treu ergeben waren und ihn für einen guten Pfarrer hielten, und der Bischof von Soden, der angeblich auf ihn aufgepasst hat, aber ihn gleichzeitig beschützte; sie waren stolz, dass sie ihn hatten. Auf der anderen Seite gab es die Betroffenen, die meinten, dass sie missbraucht wurden. Diese zwei Lager kämpfen bis heute. „Wir leben in einem Dorf. Wenn wir uns jetzt exponieren, dann haben wir keine ruhige Minute mehr.“ Dass während der Recherche diese Menschen den Mut gefasst haben und keine Furcht mehr hatten, war ein sehr spannendes Ergebnis.

Die größte Herausforderung ist definitiv die lange Zeit und die vielen Menschen. Der örtliche Pfarrer war so von der Recherche schockiert, dass er dem Kardinal einen Brief schrieb, dass er sich entschuldigen müsse. Aufgrund der Pandemie hatte sich dies verschoben, aber ein Jahr nach unserer ersten Veröffentlichung im Sommer 2021 ist es geschehen. Im Anschluss daran wusste ich, es wird was passieren. Wir haben über den Besuch berichtet, ich habe lediglich Präsenz gezeigt. Ohne ein direktes Ziel bin ich danach noch eine Woche dortgeblieben, bin im Gasthaus gewesen, habe mich ins Café gesetzt und es sind ganz viele neue Leute auf mich zugekommen. Das ist das Faszinierende. Recherche ist Menschenarbeit, man muss mit Menschen reden. Damit ist nicht gemeint, ein Meeting über Zoom zu vereinbaren, sondern Menschen müssen Vertrauen gewinnen. Menschen müssen einen wiedererkennen. Es war eine ganz spannende Form, wie man in dieser bayerischen Gemeinde ein ganzes Netzwerk an neuen Zeugen aufgemacht hatte. Spannend ist auch, dass das Gutachten, das danach entstanden ist, uns in weiten Teilen gefolgt ist. Das Sonderkapitel zu dem Priester H. ist nur möglich gewesen, weil in Garching das erste Mal, zehn Jahren, nach dem dieser Skandal aufgebrochen ist, Menschen angefangen haben, darüber zu reden. Das hat neue Zeugen, neue Zusammenhänge und dann auch Stefan aufgetan.

Wie groß war ihr Team und wer hat im Team welche Aufgaben übernommen?

Unser Team ist insgesamt in zwei Teile aufgeteilt, einmal das CORRECTIV als internes und die Medienpartner als externe. Das CORRECTIV besteht aus einem Team mit diversen Aufgaben. Der Text muss begleitet und erarbeitet werden, so wie sich um die Form der Präsentation und Social Media gekümmert werden muss. Dies sind nur einige Beispiele der Tätigkeiten und bis so ein Produkt entsteht, kommen wir schon auf zehn Personen. Mit den externen Partnern geht man auf gemeinsame Recherchereise und kommt mit Radio und Fernsehen auf zwei Personen. Das Schöne am CORRECTIV ist, dass es keine Pfauentänze gibt; jeder bringt genau das rein, was er wirklich kann, und man erfreut sich an dem gemeinsamen Produkt, das man geschaffen hat.

Beim Lesen ihrer Story hat man Empathie für die Opfer empfunden. Wie sind Sie mit diesem äußerst sensiblen Thema umgegangen? Schafft man es als Journalist, objektiv zu bleiben?

Screenshot "Das unsichtbare Kind"
Screenshot “Das unsichtbare Kind”

Ich bin schon lange im Geschäft, ich habe andere Qualitätsmerkmale als die Objektivität. Ich versuche, redlich zu sein. Das Team und ich versuchen, dem Leser das Gefühl zu geben, dass wir jede erdenkliche Quelle, die es gibt, aufgesucht haben, um das Bild möglich umfassend zeigen. Wir versuchen, wirklich alle Perspektiven zu zeigen.

Gerade mit den betroffenen Missbrauchsopfern zu sprechen, ist eine sehr heikle Angelegenheit, denn man möchte sie nicht retraumatisieren; deshalb habe ich dort immer einen sehr großen Vertrauensvorschuss bekommen. Ich sagte zu Ihnen: „Ihr seid der Herr über eure Geschichte. Wenn ihr einen Tag vor der Veröffentlichung sagt, dass ihr die Veröffentlichung doch nicht möchtet, würden wir das auch nicht machen.“ Hätte Stefan mich am Abend vorher angerufen und mir gesagt, dass er die Veröffentlichung nicht möchte, hätten wir das Ganze abgebrochen, denn das Versprechen habe ich ihm von Anfang an gegeben. Das war die Bedingung, dass gab ihm eine gewisse Sicherheit, so wie das Ziehen einer Notbremse. Für die Veröffentlichung dieser Berichtserstattung war Stefans einzige Bedingung, dass er nicht namentlich genannt werden wollte und dass sein Gesicht nicht gezeigt werden durfte. Er wusste, dass alle ihn in der Gemeinde wiedererkennen würden. Was bereits geschehen ist, weil er sich während der Recherche mit den Initiatoren dieser Initiative getroffen hatte. Stefan wollte nicht, dass sein Gesicht oder Name außerhalb bekannt ist, weil er nicht von anderen Menschen, die ihn nicht kennen, mit diesem Fall in Verbindung gebracht werden will – was natürlich verständlich ist.

Gab es Momente, die für das Team eine besonders emotionale Belastung dargestellt haben?

Vielleicht bin ich da ein bisschen vom alten Schlag: Ich finde, Journalisten sollen sich einfach nicht so wichtig nehmen. Wir erzählen Geschichten von Menschen, die Schlimmes erfahren haben, wir haben diesen Beruf gewollt und ausgesucht. Wir müssen schauen, dass wir unseren Job redlich und mit großer Zuneigung machen, dass wir die Menschen nicht über die mediale Klinge springen lassen. Das ist unsere große Aufgabe.

Sie haben viele weitere Artikel über Missbrauch in der katholischen Kirche geschrieben. Welche Bedeutung hat „Das unsichtbare Kind“ für Sie in der bisherigen Gesamtrecherche zum Thema?

2017 fing alles an. Doch diese Geschichte brach 2010 aus, als ein Papst in Rom, welcher als Erzbischof diente, erlaubte, dass ein Pfarrer, nachdem er Kinder in Essen missbraucht hatte, in eine Gemeinde nach München geschickt wurde, wo dieser erneut Kinder missbrauchte. Das war die Geschichte und somit etwas ganz Großes, denn es wurde das erste Mal ein Missbrauchstäter mit dem Papst in Verbindung gebracht. Das hatte zur Folge, dass alle Medien der Welt in Garchingen standen. Doch die Geschichte des Missbrauchs wurde dann gar nicht erzählt. „Das unsichtbare Kind“ ist sozusagen ein Schlussstein. Natürlich kein richtiger Schluss, weil es sich immer noch um die juristische Verantwortung dreht, die verjährt ist. Gibt es trotzdem eine Möglichkeit, die Taten des H. und die Kirche, welche ihn gedeckt hat, zur Rechenschaft zu ziehen? Wie sich das entwickelt, werden wir sehen. Aber die Geschichte zu erzählen und zu sagen, dass der Missbrauch stattgefunden hat – dieser zentrale Punkt ist mit dieser Recherche gesetzt worden. Das ist dann schon ein bedeutsames zentrales Ergebnis dieser jahrelangen Recherche.

Am Ende der Story rufen Sie auf, sich bei Ihnen zu melden, wenn man H. aus der Zeit seiner Tätigkeit als Pfarrer kannte. Hinweise behandeln sie vertraulich. Haben Sie durch Ihr Projekt neue Hinweise bekommen, möglicherweise auch auf weitere Missbrauchsfälle?

Ja, haben wir und an der Sache sind wir dran. Es gab neue Hinweise, wir handhaben das immer so. Und wie schon gesagt, Vertraulichkeit ist mir da sehr wichtig, denn man bekommt immer wieder neue Erkenntnisse, immer wieder neue Quellen und immer wieder neue Menschen, die mit einem reden wollen. Ein Betroffener ist immer Herr seiner Geschichte.

Das Interview führten Gizem Karagür und Sarah Müller. Die Interviews entstanden in medienpraktischen Übungen im Bachelor-Studiengang “Mehrsprachige Kommunikation” an der TH Köln.

Das unsichtbare Kind
Marcus Bensmann (Das unsichtbare Kind) bei der Bekanntgabe der Nominierungen, Foto: Rainer Keuenhof / Grimme-Institut

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