Mai 092017
 
Die Köpfe hinter dem Youtube Channel "Datteltäter"

Die Köpfe hinter dem Youtube Channel “Datteltäter”. Foto: Datteltäter/Bojan Novic

Muslime, die über sich selbst lachen? Das gibt’s nicht! So lautet zumindest ein gängiges Vorurteil. Wer daran noch glaubt, sollte sich den Youtube-Kanal des Datteltäter-Teams ansehen. Seit Juli 2015 ist dieser online und bietet eine Plattform für Verständnis, Offenheit und Humor und versorgt alle Zuschauenden einmal die Woche mit einem neuen Video. Seien es politische, humorvolle Clips von Alltagssituationen oder auch ernste Videos, die die Angst vor dem Unbekannten nehmen wollen, zusammen bilden sie eine Möglichkeit für alle Interessierten, sich der muslimischen Kultur ein Stückchen mehr zu nähern. 2016 erhielt der Kanal den Webvideopreis in der Kategorie “Newcomer” und dieses Jahr ist er für den Grimme Online Award in der Kategorie “Kultur und Unterhaltung” nominiert. Im Interview gibt uns Farah Bouamar Einblicke in das Projekt.

Aus wie vielen Leuten besteht das Datteltäter-Team?

Das Team besteht aus Marcel, Fiete, Younes und mir, seit neuestem sind Hibat und Nour mit dabei.

Wie kamt Ihr auf die Idee, mit einem satirischen, muslimischen Kanal an die Öffentlichkeit zu treten?

Screenshot aus "Salafismus verstehen - schwer gemacht" der Datteltäter.

Screenshot aus “Salafismus verstehen – schwer gemacht” der Datteltäter.

Wir haben vor dem Datteltäter-Kanal schon alle zusammen an einem Projekt gearbeitet und Videos gedreht und als dann die Anhängerschaft und die Aufmerksamkeit der AfD und Pegida-Bewegung immer mehr gewachsen ist, haben wir uns gedacht, dass wir etwas tun müssen. So kam die Idee auf, Videos zu produzieren und dafür die Plattform Youtube zu nutzten, weil wir darüber viele junge Leute erreichen und gleichzeitig unsere künstlerische Freiheit behalten können. Hinzu kam, dass wir über die Jahre stets feststellen mussten, dass es viel zu wenige Muslime in den Medien gibt, die repräsentativ sind und nicht nur in klischeehaften Rollen stecken. Wir wollten das Ganze aufbrechen und eine Alternative bieten. Zudem sind ganz aktuell Islamdebatten in den Medien und in der Öffentlichkeit sehr einseitig gehalten, sodass Muslime und ihre Religion nicht selten in ein eher negatives Licht gerückt werden. Da wir uns damit einfach nicht mehr identifizieren konnten, versuchen wir, durch unsere Videos Bilder zu zeigen, die eher unserem Selbstverständnis entsprechen. Dazu gehört das Alltägliche, sprich all das, was die Lebensrealität von Muslimen in der deutschen Gesellschaft ausmacht.

Was wollt Ihr mit diesem Kanal erreichen?

Wir sind bemüht, einen positiven Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, über Humor Diskurse anzustoßen und zum Nachdenken anzuregen,indem wir irritieren oder sensible Themen ansprechen.

Farah Bouamar und Marcel Sonneck aus dem "Datteltäter"-Team bei der Bekanntgabe der Nominierungen zum Grimme Online Award. Foto: Grimme-Institut / Arkadiusz Goniwiecha

Farah Bouamar und Marcel Sonneck aus dem “Datteltäter”-Team bei der Bekanntgabe der Nominierungen zum Grimme Online Award. Foto: Grimme-Institut / Arkadiusz Goniwiecha

Stereotype, die sich im Hinblick auf Muslime als ein homogenes Ganzes in den Köpfen festgesetzt haben, versuchen wir mit unseren lustigen Videos zu brechen. Schlussendlich verstehen wir uns als Brückenbauer zwischen den unterschiedlichen Kulturen und Lebensrealitäten. Unser Team steht für das, was wir in der Gesellschaft sehen wollen und womit wir versuchen, beispielhaft voranzugehen. Wir sind alle unterschiedlich und jeder Einzelne von uns hat einen anderen Kontext und pflegt einen eigenen Lebensstil. Dennoch begegnen wir uns auf Augenhöhe mit Respekt, Wohlwollen und Wertschätzung. Diese Haltung ist uns sehr wichtig. Und aus diesem Grund verstehen wir uns ebenfalls als Türöffner zu einer Lebensrealität, die dem Ein oder Anderen vorher nicht bekannt gewesen ist. Wir nehmen die Angst und Sorgen vieler Leute vor dem sogenannten Fremden sehr ernst, auch wenn wir natürlich nicht fremd sind, wir sind alle deutsch, aber versuchen gerade diese Leute mit auf eine Reise zu nehmen und einen besseren Einblick in den Alltag von Muslimen zu bieten.

Wie kann man sich die Produktion von Euren Videos vorstellen?

Unsere Woche ist immer so strukturiert, dass wir am Anfang der Woche mit dem Skript beginnen, so dass das am Ende der Woche steht und wir dann am Samstag und Sonntag drehen können. Dann wird von Montag bis Mittwoch geschnitten und meistens können wir das Video am Freitag hochladen.

Wieso ist Youtube das passende Format für Euch?

Der Screenshot aus dem Beitrag "16 Dinge, die Kopftuchtragende Frauen in Deutschland kennen!" der Datteltäter.

Der Screenshot aus dem Beitrag “16 Dinge, die Kopftuchtragende Frauen in Deutschland kennen!” der Datteltäter.

Youtube ist insofern eine klasse Plattform für uns, als dass wir unterschiedliche Leute aus den unterschiedlichsten Kontexten erreichen können und damit eine große Reichweite haben. Da unsere Themen oftmals vorbelastet sind, gehört eine gewisse Fassbarkeit dazu, um in einen Austausch treten zu können. Kommunikation mit unseren Zuschauenden ist sehr wichtig für uns. Sollte jemals eine Formaterweiterung anstehen, würden wir vermutlich noch auf die Bühne gehen,  um einen direkten und einen fassbaren Bezug zu den Menschen zu haben.

Wie ist die Resonanz auf Euren Kanal bis jetzt?

Innerhalb der Gruppe wird viel Hirnschmalz investiert und viel gesprochen und diskutiert, da wir die Themen, die wir in unseren Videos ansprechen, sehr ernst nehmen. Bis jetzt ist die allgemeine Resonanz ziemlich gut und der Zuspruch groß, aus der muslimischen Community sogar unerwartet groß. Die Leute sind dankbar, dass es so eine Plattform gibt. Kritik aus dieser Community gibt es vereinzelt schon, die ein oder andere lange Nachricht mit Verwünschungen und Zitaten aus dem Koran, vor allem von Muslimen, die ein sehr enges und einfaches Islamverständnis haben. Da wird man gerne mal in die Hölle geschickt, aber das gehört dazu und es würde uns stark überraschen, wenn wir solche Nachrichten nicht bekämen. Das hieße dann, wir würden etwas falsch machen. Andere negative Stimmen melden sich regelmäßig bei Youtube in unserem Kommentarfeld oder bei Facebook. Diese kommen meist aus der rechten Szene und erschreckenderweise auch aus der Mitte der Gesellschaft. Da scheinen Hasskommentare zu einem Kult geworden zu sein. Dass Hass organisiert ist, haben wir allerspätestens dann erfahren, als wir feststellten, dass, sobald ein Video zum Beispiel auf der Seite von “Politically Incorrect” landet, unsere Kommentarfelder mit Hass “versüßt” werden. Ab und an bekommen wir auch Kommentare, die davon zeugen, dass die Satire und der Kern der Videos nicht verstanden wurde.

Aber größtenteils, und dafür spricht auch das stetige Wachstum unserer Bekanntheit, kommt unser Kanal ziemlich gut an. In unterschiedlichsten Kreisen, in denen wir unterwegs sind, spricht man plötzlich über unsere Videos.

Das Interview führten Ricarda von Klitzing und Miriam Stupp.

Die Interviews mit den Nominierten und die Videos sind im Rahmen eines Medienpraxis-Seminars an der Universität zu Köln entstanden.

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