Vom Campusradio zum #GOA23 – Shahrzad Golab über ihre Anfänge im Journalismus

Veröffentlicht von Interviews Nominierte 2023 am

Shahrzad Golab bei der Nominierungskommissionssitzung. Foto: Georg Jorczyk / Grimme-Institut
Shahrzad Golab bei der Nominierungskommissionssitzung. Foto: Georg Jorczyk / Grimme-Institut
Shahrzad Golab bei der Nominierungskommissionssitzung. Foto: Georg Jorczyk / Grimme-Institut

Im letzten Jahr gewann Shahrzad Golab gemeinsam mit ihrem Kollegen Tobias Oetzmann den Campusradiopreis für ihren Beitrag über ukrainische Studierende. Jetzt durfte die 24-Jährige selbst hinter die Kulissen einer Preisvergabe schauen und als Teil der Nominierungskommission des Grimme Online Award mitentscheiden. Nach der Sichtung mehrerer hundert Online-Angebote für den #GOA23, ist sie aktuell an der Produktion eines Storytelling-Podcast beteiligt. Wie ihr die Arbeit in der Nominierungskommission dabei geholfen hat und warum sie auf ihrem Weg in den Journalismus “Burggräben” überwinden musste, berichtet die junge Journalistin im Interview.

Wie hast du die Diskussionen in der Nominierungskommission empfunden und wie war deine eigene Herangehensweise beim Sichten? Hast du z.B. einen Zeitplan aufgestellt oder ein eigenes Bewertungssystem entwickelt?

Shahrzad Golab: Die Arbeit mit den anderen Mitgliedern der Nominierungskommission war für mich total bereichernd. Da wurde für mich auch noch mal klarer, wo sich die Angebote zwischen meiner persönlichen Einschätzung und dem offiziellen Statut des Grimme Online Award bewegen. In der Phase, wo ich mir die einzelnen Angebote angeguckt und angehört habe, habe ich mir am Anfang einen groben Zeitplan gesetzt. Der ist dann natürlich total aus dem Ruder gelaufen, weil ich die ganze Arbeit massiv unterschätzt habe. Was am Ende geholfen hat, war meine Angst nicht jedem Angebot gerecht zu werden. Erst war mein Plan noch, mir jedes Angebot zweimal anzugucken. Einmal, um ein Verständnis dafür zu bekommen und dann noch mal, um meine Bewertungen von eins bis zehn zu vergeben. Ich habe aber relativ schnell gemerkt, dass das absolut utopisch ist. Im Endeffekt habe ich mich da pragmatisch mit meiner ausgedruckten Exceltabelle drangesetzt und händisch Notizen gemacht. Erst hatte ich noch Sorge, dass ich mir nicht merken kann, was mir an einem Angebot besonders gut gefällt. In der großen Besprechung hat sich rausgestellt, dass mir die Sachen, die ich wirklich gut fand, absolut in Erinnerung geblieben sind. Das zeichnet auch die Nominierten aus, die wir jetzt auf der Liste stehen haben. Das sind alles Angebote, die uns einfach nicht mehr aus dem Kopf gegangen sind. Es gab aber auch darüber hinaus ganz viele Projekte, die wahnsinnig eindrucksvoll waren.

Innerhalb der Kommission gab es einen relativ großen Altersunterschied. Hat man das gemerkt, zum Beispiel im Humorverständnis?

Shahrzad Golab und Prof. Michael Schwertel bei der Bekanntgabe der Nominierten. Foto: Arkadiusz Goniwiecha / Grimme-Institut
Shahrzad Golab und Prof. Michael Schwertel bei der Bekanntgabe der Nominierten. Foto: Arkadiusz Goniwiecha / Grimme-Institut

Shahrzad Golab: Die Humorunterschiede würde ich sogar gar nicht komplett auf das Alter beziehen. Es ist auch ein Vorteil, dass wir so breit aufgestellt waren, dass solche Unterschiede überhaupt erst auffallen. In diesem Jahr besonders waren die TikTok-Angebote im Unterhaltungsbereich. Das ist ein Medium, bei dem die demografische Schere stark auffällt. Nicht nur vom Humor her, sondern auch wie das Format an sich aufbereitet wird. Zum Beispiel, dass die Videos bei TikTok immer wieder von vorne anfangen und dass mit dieser technischen Machart auch gespielt werden kann. In der Kommission sitzen technik- und medienoffene Menschen, aber es gibt natürlich trotzdem Punkte, über die man länger diskutieren muss. Da habe ich auch oft gemerkt, dass Dinge nicht selbstverständlich sind. Dann muss man vielleicht erklären, warum genau manche Inhalte witzig sind. Da entstehen auch absurde Situationen. Man sitzt da in einer Gruppe mit super interessanten Menschen aus dem journalistischen oder akademischen Bereich und redet über TikTok-Angebote. Die Diskussion hat aber echt gut funktioniert und ich finde das sieht man auch an den nominierten Angeboten.

Du musstest sämtliche Angebote auf den unterschiedlichsten Plattformen sichten. Was sind Onlineangebote, die du privat besonders gerne konsumierst? Gehört TikTok auch dazu?

Shahrzad Golab: Ich bin ein typisches Internetkind. Ich bin mit sozialen Medien aufgewachsen. Das ist Teil meiner Lebensrealität. Ich verbringe viel Zeit auf Twitter und Instagram und leider gehört TikTok auch dazu. Ich bin durch den Content dort aber meistens inspiriert und motiviert. Ich habe einen Algorithmus, der mich mit Inhalten füttert, die ich sehr positiv finde. Was Sinn ergibt, weil mich die Plattform natürlich an sich binden möchte und das funktioniert auch. Das ist meine Krux. Ich versuche meinen Medienkonsum in Maßen zu halten und meine Bildschirmzeit zu regulieren. Ich mache eigentlich jedes Jahr einen Monat Digital Detox. Das wollte ich dieses Jahr auch machen, aber es hat überhaupt nicht funktioniert, weil ich mich in der Zeit vom Grimme Online Award natürlich nicht von Social Media trennen konnte. Außerdem bin ich freie Journalistin und arbeite im Social-Media-Bereich. Ich muss wissen, was aktuelle Trends sind. Das ist schon eine komische Symbiose.

Gab es bei den Vorschlägen dieses Jahr irgendetwas, das du vermisst hast, sei es thematisch oder vom Format her? Wie schätzt du die Nominierten ein?

Shahrzad Golab: Ich glaube, es ist absolut utopisch alles, was gerade gesellschaftlich passiert auch in dem Maße abzubilden. Das ist auch immer das Paradoxon im Journalismus. Wenn man ein Thema besonders beleuchten möchte, heißt das zwangsweise, dass man ein anderes Thema weniger beleuchten kann. Ich glaube aber, dass die Angebote, die wir vorgeschlagen bekommen haben, tatsächlich sehr breit gefächert waren. Wir haben schon vorher überlegt, welche Themen wir aus dem letzten Jahr erwarten und nicht missen möchten. Das waren z.B. der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die Proteste im Iran. Die haben für mich persönlich auch noch mal einen anderen Stellenwert, weil meine Familie aus dem Iran kommt. Mir war aber auch wichtig, dass Themen repräsentiert werden, die es sonst nicht immer in die Schlagzeilen schaffen. Wir reden immer über Nachrichtenwerte, also was ist es wert, dass darüber berichtet wird. Das sind meistens Ereignisse, die plötzlich passiert sind. Aber die drängenden Themen unserer Gesellschaft sind meistens nicht die, die schlagartig eintreffen, sondern etwas, das schleichend kommt. Die Klimakrise war zum Beispiel etwas, wo die Berichterstattung lange geschlafen hat. Ich fand, dieses Jahr waren sehr viele Angebote dabei, die eben nicht dem klassischen Nachrichtenwert entsprechen, die es aber trotzdem wert sind, dass darüber berichtet wird.

Unter den Angeboten waren auch wieder viele Podcasts dabei. Du arbeitest aktuell selbst an einem mit, der noch dieses Jahr erscheint. Kannst du dazu schon mehr erzählen? Hat dir deine Arbeit bei der Nominierungskommission bei der Produktion geholfen?

Shahrzad Golab: Auf jeden Fall! Das war sogar etwas, das ich erwartet habe. Wenn man bewusst konsumiert, merkt man, was einem gefällt und was nicht. Gerade, wenn man in dieser Menge konsumiert, erkennt man zum Beispiel, welche Art von Storytelling gut funktioniert oder welche Stilmittel einen abholen. Deswegen war das Ganze auch ein bisschen wie eine Feldstudie für mich. Ich fand die Podcasts, die ich mir für den Grimme Online Award anhören musste, wahnsinnig eindrucksvoll. In meiner Art über Podcast nachzudenken merke ich immer wieder, dass ich denke, da muss unglaublich viel Arbeit hinter stecken. Meine eigenen anfänglichen Erfahrungen beim Campusradio waren da eher so David gegen Goliath: ein Team an Ehrenamtlichen, die das neben dem Studium machen und irgendwie versuchen Projekte auf die Beine zu stellen, die unglaublich viel Zeit schlucken. Jetzt zusammen mit Deutschlandfunk ist das eine andere Erfahrung. Aber im Endeffekt hängt es auch hier von den Reporter*innen, Autor*innen und dem ganzen Team hinter den Kulissen ab. Das sind so viele Menschen, mit denen so viel Arbeit zusammenhängt. Nur mit mir allein wird das Projekt weder kentern noch fliegen. Das war meine Haupterkenntnis. Das ist super Teamwork, was dahintersteckt.

Du bist beim Campusradio gestartet, bist Nachrichtenredakteurin bei Antenne Düsseldorf und jetzt bei Deutschlandfunk Kultur, hast aber auch schon für das “ZEIT WISSEN-Magazin” geschrieben. Wo siehst du dich in Zukunft?

Shahrzad Golab: Ich glaube, es bleibt vor allem beim Radio. Ich muss sagen, ich habe gar nicht so die klassische Zeitungserfahrungen. Viele starten bei den Lokalzeitungen, bei mir war es das Lokalradio. Das war etwas sehr Überraschendes. Ich wusste schon, bevor ich mit dem Studium angefangen habe, dass ich im Journalismus arbeiten möchte. Ich war nach dem Abitur für ein FSJ ein halbes Jahr lang in Bulgarien. Dort habe ich einen Blog geschrieben und wusste: Das ist es. Erst während des Studiums habe ich überlegt, was es eigentlich heißt im Journalismus zu arbeiten. Beim Campusradio habe ich mich absolut in das Medium verliebt. Teamwork ist etwas, das mich prägt. Ich liebe es, dass man im Radio nicht ohne sein Team auskommt.

Du studierst Politikwissenschaften. Wie passt das für dich mit dem Journalismus zusammen?

Shahrzad Golab bei der Bekanntgabe der Nominierten. Foto: Arkadiusz Goniwiecha / Grimme-Institut
Shahrzad Golab bei der Bekanntgabe der Nominierten. Foto: Arkadiusz Goniwiecha / Grimme-Institut

Shahrzad Golab: Das war eher eine willkürliche Entscheidung. Ich wusste nicht, was man tun muss, um in den Journalismus reinzukommen. Für mich war das eine Blackbox, eine Burg mit Burggraben. Ich habe mich für einen Zwei-Fach-Studiengang in Politik- und Kommunikationswissenschaften entschieden. Ich dachte, wenn Kommunikation draufsteht, geht das in die richtige Richtung. Jetzt im Nachhinein weiß ich, dass man das gar nicht unbedingt braucht. Ich habe erkannt, dass Journalismus ein Handwerk ist, das man praktisch üben muss. Die akademische Wissenswelt drumherum ist hilfreich, aber ich möchte vor allem ein Fachgebiet haben, worüber ich schreiben kann. Ich habe mich überhaupt erst für Politikwissenschaft entschieden und mache dort jetzt auch meinen Master, weil ich schon sehr früh politisiert wurde und das für mich unumgänglich war. Ich bin Tochter einer alleinerziehenden Mutter. Meine Mama war auf den Straßen in Teheran bei den Protesten `79 und ist dann vor dem islamistischen Regime nach Deutschland geflohen. Das sind Sachen, die mich beeinflusst haben als ich aufgewachsen bin. Deswegen ist Journalismus für mich auch etwas sehr selbstermächtigendes. Jetzt bin ich in der Lage selbst zu entscheiden, worüber ich reden möchte und habe ein Medium, worüber ich gehört werden kann. Was ich zusätzlich festgestellt habe, ist, dass es gar nicht unbedingt um mich geht. Ich sehe mich oft eher in der Position anderen das Mikro zu halten. Ich finde, das spiegelt sich jetzt auch in der Nominiertenliste des Grimme Online Award wider.

Hat der Burggraben, von dem du gesprochen hast, auch etwas mit fehlender Repräsentation zu tun

Shahrzad Golab: Ich habe nicht gesehen, wo Menschen mit meinem Lebensweg oder meinem Aussehen im Journalismus sind. Das war früher eine Frage von: wer sagt was und wer steht überhaupt vor der Kamera. Mittlerweile denke ich ein bisschen anders darüber. Jetzt habe ich ein eher strukturelles Verständnis von der Burggraben-Frage. Ich sehe, dass Journalistinnen mit Migrationshintergrund vor der Kamera präsentiert werden. Das ist super, aber im Hintergrund gehen die Festanstellungen und Ressourcen immer noch an die gleiche Riege von Menschen – eher Menschen ohne Migrationshintergrund, älter, meist männlich und gutbürgerlich. Das sind Sachen, die fallen mir natürlich jetzt mehr auf als nach dem Abitur, wo ich noch keine Ahnung von der Branche hatte. Ich habe mir immer Angebote rausgesucht, die mich interessieren. Trotzdem merke ich jetzt, dass die Burgmauer von damals vielleicht gar nicht so hoch ist, weil ich Tricks gefunden habe, um sie zu überwinden. Das liegt weniger an persönlichen Eigenschaften und hat viel mehr mit Glück zu tun und den Menschen in meinem Umfeld, die mich unterstützen und mir Chancen gegeben haben.

Du arbeitest während deines Studiums schon sehr viel im journalistischen Bereich und hast zusätzlich die diesjährige Nominierungskommission unterstützt. Bleibt da überhaupt noch Freizeit?

Shahrzad Golab: Ich mache auf jeden Fall auch noch andere Sachen. Ich liebe meine Freizeit und vor allem meine Freund*innen, mit denen ich meine freie Zeit verbringe. Ich habe mittlerweile aber auch gemerkt, dass ich mein Studium nicht in der Regelstudienzeit durchziehen muss. Studieren war generell auch etwas, worunter ich mir nicht viel vorstellen konnte. Jetzt habe ich ein Gefühl dafür, wie ich meine Zeit ausgestalten kann. Ich kann das Studium als Bildungschance nutzen und gleichzeitig den Journalismus verfolgen. Auf meine Freizeit und meine Freunde würde ich trotzdem niemals verzichten. Weil ich Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes bin, habe ich aber auch das Privileg, nicht noch nebenher arbeiten zu müssen, um mir mein Studium zu finanzieren. Journalismus ist leider immer noch ein teures Hobby, das man sich erstmal leisten können muss, gerade wenn man anfängt. Hätte ich die finanzielle Sicherheit meines Stipendiums nicht im Rücken, hätte ich tatsächlich gar keine Freizeit mehr oder hätte gar nicht erst den Zugang zum Journalismus gefunden, den ich jetzt habe.

Das Interview führten Astrid Obermanns und Leonie Wendt.

Porträt Shahrzad Golab
Porträt Shahrzad Golab

1 Comment

Lena · 7. Dezember 2023 at 09:05

Die Vielseitigkeit von Shahrzad Golabs journalistischen Interessen, von TikTok bis hin zu politischen Themen, zeigt, wie Medien heute Kultur und Gesellschaft beeinflussen. Es ist spannend zu beobachten, wie sie traditionelle und neue Medienformate vereint und damit aktuelle Diskurse prägt.

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