Jul 022017
 

Von Denise Gühnemann

“Herzlich willkommen an einem der schönsten Flecken der Stadt”, begrüßte Moderatorin Jeannine Michaelsen die mehr als 300 anwesenden Gäste zur Preisverleihung des Grimme Online Award. Nach Jahren der Abwesenheit und der Rückkehr im vergangenen Jahr war der #GOA17, so der Hashtag des Abends, wieder zu Gast in der Kölner Flora.

Dem war einiges vorausgegangen: Aus fast 1.200 Einreichungen musste die Jury in diesem Jahr wieder die acht besten Angebote in den Kategorien Information, Wissen und Bildung, Kultur und Unterhaltung sowie Spezial küren. Dementsprechend “befreiend” war es für Grimme-Direktorin Dr. Frauke Gerlach nicht mitentscheiden zu müssen – zu groß die Fülle an tollen Einreichungen, wie sie eingangs erklärte. Auch würden die Sichtungsanforderungen immer komplexer, gerade mit Blick auf VR- und 360-Grad-Anwendungen. “Aus diesem Grund wird die Einreichungsfrist für den Grimme Online Award 2018 auf den 1. März vorgezogen”, so Gerlach.

Und los ging es: Morgen-Magazin-Moderator Mitri Sirin überreichte den ersten Preis des Abends – in der Kategorie Wissen und Bildung – an die Gebärden-Dolmetscherin Laura Schwengber und ein Team des Hessischen Rundfunks für die multimediale Webreportage “Die mit den Händen tanzt”. Auf der Bühne berichtete Schwengber über das Schicksal eines hörbeeinträchtigten Kindes, das mit sechs Jahren noch nicht gelernt hatte, sich auszudrücken – weder in Gebärdensprache noch in gesprochener Sprache. Ursache: Man habe den Eltern erklärt, der technische Fortschritt würde hier womöglich noch Abhilfe schaffen, so die Mutter in einem Brief. Aber nachdem diese die Webreportage gesehen hätte, wolle sie dies nun ändern. “Allein für dieses Kind, das jetzt eine Sprache kriegt, hat es sich gelohnt!”, so die Gebärdendolmetscherin – Jubel und Beifall im Saal nach angespannter Stille.

Einen weiteren Preis in der Kategorie Wissen und Bildung überreichte Mitri Sirin an die Macher der Spiegel Online Webreportage “Was heißt schon arm?”, deren Protagonisten Antworten geben auf die Fragen: Wie fühlt sich Armut ganz praktisch an? Was bedeutet ‚arm sein‘ im Alltag? Und welche Armutsrisiken gibt es in Deutschland? Deutlich wird, wie gesellschaftliche Teilhabe und Armut zusammen hängen.

Im Anschluss begrüßte auch die Oberbürgermeisterin der Stadt Köln, Henriette Reker, Preisträger und Gäste. Es war ihr erster Besuch des Grimme Online Award und sie war gleich begeistert: “Alleine dass ich gesehen habe, wie eine Gebärdendolmetscherin ein Lied tanzt, dafür hat es sich schon gelohnt, zu kommen!” Und weiter: Das Internet sei auch für sie die wichtigste Informationsquelle. Sie freue sich deshalb darauf, nach diesem Abend noch mehr tolle Angebote im Netz zu kennen. Ob weitere Besuche folgen?

Ihre Wahl – der WDR­Kandidatencheck“ dürfte mit Sicherheit Rekers Beifall finden, handelt es sich doch um ein Angebot zur politischen Meinungsbildung – der einzige Preisträger in der Kategorie Information. Laudator Friedrich Küppersbusch kommentierte ironisch, ausgezeichnet werde hier “ein lässiges Startup aus der Kölner Innenstadt”, das sich überraschenderweise gegen eine übermächtige Konkurrenz habe durchsetzen können – Gelächter im Saal. Bemerkenswert sei für ihn, welche Transparenz und Zugänglichkeit der Kandidatencheck hier als “demokratische Grundversorgung” biete, fast eintausend Kandidaten zur Landtagswahl hätten sich interviewen lassen. “Ein Angebot für die Bundestagswahl sei bereits in Vorbereitung”, so die WDR-Preisträger, “allerdings nur für NRW-Kandidatinnen und -Kandidaten.” Eine Fortsetzung des Erfolgsformats folgt also.

Der “Preis im Preis”, so Moderatorin Michaelsen, also der Klicksafe-Preis für Sicherheit im Internet folgte, welcher in diesem Jahr unter dem Motto “Souveränität und Selbstbestimmtheit” stand. Laudatorin Pinar Atalay, die sich selbst als “Nachrichtentante des Öffentlich-Rechtlichen” vorstellte, betonte sogleich die Bedeutung von Medienkompetenz für unseren Alltag heute und freute sich über mehr als 100 Einreichungen. Ausgezeichnet wurden das Kindermagazin “Timster”, das die Themen Fake News und Datenschutz “mit viel Humor” und “ohne erhobenen Zeigefinger” aufbereite, und das Medienkompetenzspiel “Junait”, mit dem Schülerinnen und Schüler im Alter von 8 bis 12 Jahren den souveränen Umgang mit sozialen Medien trainieren.

Weiter ging es mit dem #GOA17: In der Kategorie Kultur und Unterhaltung wurden drei Preise verliehen. Den ersten überreichte Laudator Oliver Wnuk an das YouTube-Comedy-Format “Datteltäter“ von funk, welches ihn gleichermaßen begeistere, aber auch neidisch mache für so viel kreativen Freiraum. Und jetzt kämen eine Menge Adjektive: Das Format sei “sehr lustig”, dabei “klug geschrieben”, hätte ein “tolles Timing”, es sei “authentisch”, “anarchisch“ und “mutig”, so Wnuk. Und die Motivation dahinter? “Pegida war ein Auslöser”, so Younes Al Amayra von den Datteltätern, aber natürlich wolle man auch eine andere Sicht auf die Dinge präsentieren – jenseits der gängigen Klischees.

Ein weiterer Preis ging an den WDR für das Angebot  ”Der Kölner Dom in 360° und VR”, das eine wunderbare Ergänzung und Erweiterung zum realen Besuch des Doms darstelle. “Muss ich noch in den Dom?” sei also auch die falsche Frage – von Michaelsen –, betonten die Preisträger. Eher wolle man Lust auf den Dom machen und neu für ihn begeistern. Schließlich könne man Stellen im Dom entdecken, die sonst nicht erreichbar sind. “Außerdem ermögliche es Menschen auf der ganzen Welt, den Dom zu erleben”, so die Macher.

Den nächsten Preis in der Kategorie Kultur und Unterhaltung erhielt das Blog “Wochenendrebell”, ein Vater-Sohn-Projekt, das die Suche nach einem Lieblings-Fußballverein für den Sohn mit Asperger-Syndrom schildert. In einem Podcast sprechen Vater und Sohn zudem über Themen, die sie per Los ziehen. Da Sohn Jason nur Wissensthemen in den Lostopf wirft, war er auch nicht ganz zufrieden mit der Preiskategorie, wie er auf der Bühne verrät. Er hätte sich die Nominierung in der Kategorie “Wissen und Bildung” gewünscht. Schmunzeln im Saal.

Weiter ging es in der Kategorie Spezial, wo Laudatorin Ronja von Rönne einen Preis an die Initiative #ichbinhier überreichte.  Die ‘ausgezeichnete’ Initiative mischt sich mit gezielter Gegenrede und Argumentation in Diskussionen in sozialen Netzwerken ein und versucht damit, ein konstruktives Miteinander herzustellen – solange es den von Ronja von Rönne gewünschten Algorithmus, der “Hasskommentare in Schwarzwälderkirschtorten-Rezepte umwandelt” noch nicht gibt. Gelächter im Saal.

Der letzte Jury-Preis in der Kategorie Spezial wurde dann überraschend vom Team der nachnominierten “Resi-App“ selbst verlesen, nachdem Moderatorin Jeannine Michaelsen sich zu ihnen ins Publikum geschummelt hatte. Die Resi-App leiste, was so häufig verfehlt werde: “An jungen Menschen scheitern Medien”, erklärte Laudatorin Ronja von Rönne. Doch die Tatsache, dass sie sich – selber Jahrgang 1992 – bei Nutzung der Nachrichten-App in Messengerform “alt und fehl am Platz” fühle, sei der beste Beweis, dass sie “die besten Chancen bei jungen Menschen” hätte, so von Rönne. Lautes Glucksen im Saal. Die Preisträger wiederum betonten, dass auch Jugendliche informiert werden wollen, dass man nur neue und adäquate Formate für sie finden müsse. Hier scheint die Resi-App alles richtig zu machen.

Für den Publikumspreis, der zum Abschluss der Verleihung bekannt gegeben wurde, kam Laudatorin Larissa Rieß auf die Bühne und zeigte sich sichtlich begeistert, was die Vorbereitung auf den heutigen Abend ihr – völlig unabhängig von einzelnen Preisträgern – klar gemacht habe: “Man denkt ja immer, YouTube ist so asi.” Noch lauter lachte das Publikum aber, als sie sagte: “YouTube-Deutschland geht vor die Hunde, es gibt so viel Trash – da kann man auch gleich Fernsehen gucken”. Aber es sein schön, dass es bei all‘ den verrückten Dingen, die es bei YouTube gäbe, dass sich hier immer noch Menschen finden, die “eine Botschaft haben”, “aufklären wollen” und dabei “auch noch unterhaltsam sind”.

Bestes Beispiel: die “Datteltäter”, die auch das Publikumsvoting für sich entscheiden konnten und nochmal auf die Bühne mussten – oder wie es im Fußballdeutsch heißt: Am Ende wurde ein Double. Wieder Jubel, Beifall und natürlich: die After-Show “an einem der schönsten Flecken der Stadt”, hach Köln!

Alle Gewinner des Abends gibt es hier noch einmal zum nachlesen.

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