Mrz 152017
 

Ein Gastbeitrag von Christoph Neuberger, Kommunikationswissenschaftler und Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Der Grimme Online Award ist ein “Qualitätspreis für Online-Publizistik”. So steht es im Statut, und zwar gleich im ersten Satz. Die ausgezeichneten Angebote sollen, so heißt es etwas später, “eine beispielhafte Orientierung für publizistische Qualität im Netz” geben. Das Wort “publizistisch” steht also im Mittelpunkt des Preises. Doch was bedeutet es genau?

Jury 2012 mit Christoph Neuberger (3. v. l).; Foto: Grimme-Institut

Jury 2012 mit Christoph Neuberger (3. v. l.); Foto: Grimme-Institut

Zunächst einmal ist mit “Publizistik” all das gemeint, was zum Angebot der Massenmedien zählt, was sich also an ein großes Publikum richtet und für möglichst viele relevant sein soll. Dabei geht es ausschließlich um redaktionell gestaltete Inhalte – also nicht um reine Serviceinformationen, etwa Tabellen, Listen oder Datenbanken. Diese gestalteten Angebote lassen sich den publizistischen Sparten Information, Beratung, Bildung, Kultur und Unterhaltung zuordnen. In diesen Kategorien verleiht auch die Grimme-Jury ihre Preise. Wichtig ist auch: Publizistische Leistungen werden unabhängig erbracht. Redaktionen sollten sich also nicht von fremden Einflüssen bestimmen lassen. Das unterscheidet sie von anderen Kommunikationsformen, die einem bestimmten Interesse oder Auftraggeber verpflichtet sind. Letztere gehören zum Bereich der Werbung und der Public Relations, der vom Preis ausgeschlossen ist.

Diese Merkmale des Publizistischen auf das Internet zu übertragen, fällt manchmal schwer. Nicht immer ist genau erkennbar, ob ein Angebot tatsächlich unabhängig ist und auf Schleichwerbung verzichtet. Die Größe des Publikums ist übrigens kein Kriterium. Allerdings sollte zumindest die Absicht erkennbar sein, dass eine größere Nutzerzahl erreicht werden soll.

Das Wort “publizistisch” stammt aus einer Zeit, als noch nicht alles veröffentlicht werden konnte, weil Sendezeit und Druckseiten knapp waren. Im Rundfunk herrschte lange Zeit Frequenzmangel, bis der Empfang über Kabel und Satellit, später auch über das Internet möglich wurde. Und viele Tageszeitungen besitzen bis heute ein Monopol in ihrem lokalen Verbreitungsgebiet. Die Entscheidung darüber, was öffentlich gemacht wird, lag daher in den Händen weniger Redaktionen, Verleger und Intendanten. Sie sollten ihre Macht verantwortungsvoll ausüben. Deshalb hat “publizistisch” auch noch eine zweite, eine normative Bedeutung: Nur das soll publik werden, was hohen Qualitätsansprüchen genügt. Damit sollte aus der Not eine Tugend gemacht werden.

Wie aber wird “publizistische Qualität” definiert? Das ist gar nicht so einfach: Publizistische Erwartungen an Medienangebote werden mit dem gleichgesetzt, was der Gesellschaft dient, was also im öffentlichen Interesse liegt – und nicht unbedingt mit dem identisch ist, was dem Geschmack der Medienkonsumenten entspricht. Nicht die Quote soll über Qualität entscheiden. Das Gemeinwohl soll aber auch nicht über die Köpfe des Publikums hinweg alleine von Experten, Politikern und Juristen festgelegt werden. Dies wäre eine Bevormundung des Publikums. Nein, mündige Bürgerinnen und Bürger, die gesellschaftliche Mitverantwortung tragen, teilen dieses Verständnis von Medienqualität. Sie sollten ebenfalls am Diskurs über Qualität teilnehmen und mitentscheiden können, was im öffentlichen Interesse liegt.

Jurysitzung 2012 mit Christoph Neuberger (r.) ; Foto: Grimme-Institut

Jurysitzung 2012 mit Christoph Neuberger (r.); Foto: Grimme-Institut

Dies entspricht auch dem Verständnis des Grimme Online Award: Jeder kann Angebote vorschlagen, die sie oder er für preiswürdig hält. Das Verfahren ist transparent, die Jury begründet ihre Entscheidungen, sodass jeder das Ergebnis kommentieren kann. Außerdem gibt es einen Publikumspreis, bei dem alleine die User das Sagen haben.

Aber zurück zur Frage, was publizistische Qualität bedeutet. Dafür gibt es sogar philosophische Begründungen. Für die Demokratie ist Publizität ein wichtiger Prüfstein. Nur das, was öffentlich ist und sich der allgemeinen Kritik stellt, kann legitim sein. Auf dieses Prinzip der Publizität hat bereits Immanuel Kant hingewiesen. Der öffentliche Diskurs, in dem Argumente und Gegenargumente ausgetauscht werden, sollte bestimmten Regeln entsprechen, und es ist die Aufgabe der Medien, ihn zu moderieren. Besonders ausführlich wird diese Rolle für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk bestimmt: Er soll eine freie individuelle und öffentliche Meinungsbildung ermöglichen, einen umfassenden Überblick geben, zur Integration beitragen, objektiv und unparteilich berichten sowie Meinungsvielfalt und Ausgewogenheit garantieren. Diese und weitere Punkte stehen im Auftrag von ARD und ZDF, nachzulesen im Rundfunkstaatsvertrag.

Die Genauigkeit, mit der man die Qualität messen kann, variiert. Im Bereich “Information” lässt sich Qualität recht präzise mit Hilfe journalistischer Standards definieren. Sie finden sich im Pressekodex des Deutschen Presserats. Anders ist es im Fall der Unterhaltung: Was hochwertige Unterhaltung ist, ist vager und viel schwerer zu definieren. Man könnte hier argumentieren: Unterhaltungsangebote sollen nicht nur vom Alltag ablenken und der Zerstreuung dienen. Sie sollen auch zum Nachdenken anregen, spielerisches Lernen ermöglichen oder Empathie für andere Menschen wecken. Die Vielfalt der Angebote spricht bei der Qualitätsmessung gegen einfache Maßstäbe und für einen fortlaufenden Diskurs darüber, was “Qualität” ausmacht.

Das gilt ganz besonders für das Internet, das anders funktioniert als Rundfunk und Presse. Aus der Mangelverwaltung ist – vor allem durch die sozialen Medien – Überfluss geworden: Heute kann jeder ohne viel Aufwand Medienanbieter und Kommunikator werden. Damit ist Wirklichkeit geworden, was lange Zeit nur als Utopie galt: Jeder Empfänger kann zum Sender werden. Mittlerweile haben wir aber auch die Schattenseiten der ungehinderten Partizipation kennengelernt: Hasskommentare, Shitstorms, Fake News, Gerüchte, Verschwörungstheorien und verschleierte Werbung sind ernsthafte Qualitätsprobleme geworden. Umso wichtiger ist es, sich auch im Internet darüber Gedanken zu machen, was publizistische Qualität ist und welche Angebote als Vorbilder dienen können. Kein Medium entwickelt sich so dynamisch wie das Internet, kein anderes Medium bietet so viele Gestaltungsmöglichkeiten. Daher müssen Jahr für Jahr die Maßstäbe neu überdacht und weiterentwickelt werden. Dafür gibt es den Grimme Online Award.

 

  One Response to “Was ist publizistische Qualität im Netz?”

  1. Hey hey,
    Ein wirklich sehr sehr guter Artikel!
    Ich finde es total gut, dass Qualität groß geschrieben wird!

    Wie natürlich beschrieben ändern sich permanent die Indikatoren für Qualität, aber das ist auch gut so!

    Liebe Grüße

    Tim

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