Mai 172018
 
Portrait von Raul Krauthausen; Foto: Andi Weiland

Portrait von Raul Krauthausen; Foto: Andi Weiland

Das Internet, insbesondere die sozialen Medien und sein Blog, ist für den Aktivisten Raul Krauthausen der Ort, um eine Öffentlichkeit für das Thema Inklusion zu schaffen. Er ist stets im Dialog und übermittelt mit Projekten wie “re:sponsive” oder “Blickwechsel”  diese Themen auch an andere Personenkreise. Darüber hinaus realisiert er gemeinsam mit dem von ihm gegründeten Verein “Sozialhelden” unter anderem Webangebote zum Thema Menschen mit Behinderung.

Für diese Aktivität auf allen Kanälen ist Raul Krauthausen für den Grimme Online Award 2018 in der Kategorie Spezial nominiert. Im Interview erklärt er, was für eine Rolle das Internet beim Thema Inklusion spielt, welche Projekte für ihn am prägendsten waren und seinen Standpunkt zu Hate Speech.

An welchen Projekten wirkst du aktuell mit?

Aktuell plane ich gerade mit ein paar Aktivistinnen und Aktivisten “KIMBUK”, ein Festival für vielfältige Kinderbücher. Also, Kinderbücher, in denen es um Diversity geht. Und da ist es ganz interessant, dass es da gar nicht so viel auf dem Markt gibt. Also ist die Herausforderung, solche Kinderbücher zu finden und zu fördern, die für Kinder spannend UND pädagogisch wertvoll sind.

Wie kommst du, oder wie kommt ihr auf die Ideen, z.B. für die “Wheelmap” oder “re:sponsive”?

Das meiste ist Beobachtung. Bei “re:sponsive” dachte ich zum Beispiel daran, dass wir in einer Welt leben, in der viele einander anschreien, wenig einander zuhören und dementsprechend aneinander vorbei reden – vor allem Bürger und Politiker.

Warum nutzt du überhaupt das Internet für deine Arbeit?

Das Tolle am Internet ist – wenn wir diese ganzen Problematiken kurz ausblenden – dass wir in der Lage sind, neue Perspektiven zu ermöglichen und auch unterrepräsentierte Gruppen zur Sprache kommen zu lassen. Da bietet das Internet großartige Möglichkeiten, wie neue Allianzen zu bilden, gerade für Menschen, die vielleicht nicht so mobil sind. Darunter zählen auch zum Beispiel Alleinerziehende, die weniger mobil sind als Kinderlose. Sie können dann auch eine Stimme entwickeln, die dann vielleicht eher im Mainstream gehört wird. Bestes Beispiel ist gerade die #metoo-Bewegung, die glaube ich ohne das Internet gar nicht so hätte stattfinden können.

Screenshot: Website von Raul Krauthausen

Screenshot: Website von Raul Krauthausen

Inwieweit kann das Internet deiner Meinung nach zum Thema Inklusion positiv beitragen?

Ich glaube, dass das Internet den Vorteil bietet, dass wir in erster Linie über Inhalte reden. Und dann erst in zweiter Linie über Merkmale der Personen, die diese äußert. Also, wenn jemand auf Facebook ein Post absetzt, dann ist es erst einmal egal, ob derjenige im Rollstuhl sitzt oder nicht hören kann. Hier ist nämlich die Information das Hauptmerkmal über das man dann auch diskutiert. Das ist sicherlich ein Vorteil. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich das von zu Hause aus machen kann. Also, es setzt nicht voraus, dass ich irgendwie zu einem Stammtisch fahre. Ich kann meinen Stammtisch virtuell haben.

Inwieweit ermöglicht das Internet behinderten Menschen eine Teilhabe?

Das hängt immer davon ab, um welche Behinderung es geht. Also Menschen, die zum Beispiel aufgrund einer geistigen Behinderung nicht schreiben können, haben im Internet sicherlich größere Herausforderungen. Das mal außer Acht gelassen bietet das Internet sicherlich schon die Möglichkeit, sich auf verschiedenen Wegen Gehör zu verschaffen. Allerdings kann das Internet auch neue Barrieren aufbauen. Also, wenn ich zum Beispiel gehörlos bin und auf Facebook Untertitel bei den Videos fehlen, kann das mich wieder ausschließen. Das heißt, dass das Internet per se als Medientechnologie kein Heilsbringer ist. Sie kann Barrieren abbauen, sie aber auch wieder aufbauen.

Screenshot: "Wheelmap"

Screenshot: “Wheelmap”

Welches Projekt war bisher für dich am prägendsten?

Prägend für mich waren zum Beispiel die fünf Tage Undercover in einem Behindertenheim. Mit heimexperiment.de haben wir erreicht, eine Öffentlichkeit bei diesem Thema zu schaffen. Geprägt hat mich auch meine Tour mit re:sponsive. Ich bin acht Wochen lang durch Deutschland gefahren, um mit den Menschen auf der Straße die Frage zu beantworten, wie es ihnen geht und was sie politisch gerade beschäftigt. Das hat mich auch schon sehr nachdenklich gemacht im Bezug darauf, wie wir eigentlich wieder den Bürgern, die sich abgehängt fühlen, das Gefühl geben können, dass politische Beteiligung über Wahlen hinaus eine Wirkung hat.

Wie gehst du mit den Reaktionen auf deine Arbeit um, in denen du ja viel Zuspruch erfährst, aber leider auch die unmöglichsten Beschimpfungen?

Ich glaube, da muss man ein bisschen unterscheiden. Es gibt sicherlich auch für mich viel Verantwortung alle Reaktionen zur Kenntnis zu nehmen – auch bei Leuten, die anderer Meinung sind. Und da muss ich unterscheiden zwischen blankem Hass oder Kritik. Es ist für mich aber nicht immer leicht, die ganzen Hasskommentare zu lesen. Ich stelle mir hier immer ganz gerne die Frage, warum es strafbar ist, ein Hakenkreuz auf eine Hauswand zu malen aber auf Twitter ein Hasskommentar als Meinungsfreiheit geduldet wird. Twitter ist letztendlich auch eine Art Wand. Wo machen wir denn da den Unterschied? Eindeutige Hassnachrichten, wie zum Beispiel mich in ein KZ zu wünschen, darf nicht als Meinungsfreiheit gelten. Es reicht auch nicht, den Tweet einfach zu löschen. Das muss strafrechtlich verfolgt werden. Das ist aktuell ein gesellschaftliches Problem.

Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus?

Ich möchte für die Zukunft nicht mehr nur für das Thema Menschen mit Behinderung kämpfen. Ich möchte mit weiteren Mitstreiterinnen und Mitstreitern, Aktivistinnen und Aktivisten, Kolleginnen und Kollegen Minderheiten mehr Sichtbarkeit geben und eine Öffentlichkeit schaffen.

Das Interview führte Mine Aktas

Die Videos entstanden im Rahmen der medienpraktischen Seminare des Masterstudiengangs International Media Studies (IMS) der DW-Akademie.

 

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