Jun 122019
 
Screenshot OpenSCHUFA

Screenshot OpenSCHUFA

Alltägliche Leistungen wie der Handyvertrag oder ein Dach über dem Kopf sind oft nur zugänglich mit dem Nachweis des eigenen SCHUFA-Score. Wie dieser sich zusammensetzt, ist undurchschaubar und kann zu bösen Überraschungen führen. Die Initiative „OpenSCHUFA“ möchte dieser Intransparenz auf den Grund gehen. Gesammelt wurden rund 4.000 Datenspenden, welche von Spiegel Online und dem Bayerischen Rundfunk unabhängig ausgewertet wurden.

Das Projekt OpenSCHUFA ist für den Grimme Online Award 2019 in der Kategorie Spezial nominiert. Im Interview erzählt Matthias Spielkamp, welche Erkenntnisse aus den Daten gewonnen wurden und welche Forderungen die Initiative zukünftig an die SCHUFA und auch die Behörden stellt.

Insgesamt haben euch über 4.000 Menschen ihre SCHUFA-Daten übermittelt. Was habt ihr für Schlüsse aus den Daten gezogen?

Wir haben die Daten überhaupt nicht selbst ausgewertet, sondern weitergegeben an Spiegel Online und den Bayerischen Rundfunk. Wir hatten an der Auswertung keinen Anteil, wir haben uns da nicht eingeschaltet. Sie haben herausgefunden, dass z. B. über recht viele Personen schlechte SCHUFA-Scores vorlagen, obwohl es nur positive Merkmale gab. Positive Merkmale sind Informationen über diese Personen, also etwa Name, Alter, Wohnort, Informationen darüber, ob sie einen Handyvertrag haben, ein Girokonto und dergleichen mehr. Man würde ja eigentlich erstmal davon ausgehen, dass Leute, über die nichts Negatives vorliegt, auch einen relativ guten SCHUFA-Sore haben. Die Frage ist also: Wie kommt es, dass es so viele sind? Eine andere Erkenntnis war, dass junge Männer einen relativ schlechten Score bekommen haben. Auch das war auffällig, weil man nicht erkennen konnte, woran das liegt. Die Aussagekraft dieser Erkenntnisse ist aber begrenzt, weil wir aufgrund von schlechter Übertragungsqualität und anderen Problemen nur Daten von ungefähr 2.000 Menschen, die uns Daten gespendet haben, auch sinnvoll auswerten konnten.

Wo liegt eurer Meinung nach das Hauptproblem?

Das Hauptproblem liegt einfach darin, dass wir so gut wie nichts darüber wissen, wie die SCHUFA arbeitet. Das heißt, wie es zu ihren Scores kommt, welche Modelle sie verwendet, um sie zu errechnen, und vor allen Dingen auch, wie gut die Datenqualität ist.

Matthias Spielkamp

Matthias Spielkamp
Foto: Manuel Kinzer

Eine Erkenntnis aus der Auswertung war, dass recht viele Unternehmen mit einer alten SCHUFA-Version arbeiten. Die SCHUFA entwickelt immer mal wieder neue Versionen, um die Technik anzupassen, aber es arbeiten noch vergleichsweise viele Unternehmen, eben diejenigen, die den SCHUFA-Score anfordern, mit einer alten Software. Das kann zu Fehlern führen. Die SCHUFA ist immer wieder dadurch aufgefallen, dass sie z.B. Menschen verwechselt, die einen gleichen oder ähnlichen Namen haben oder z. B. den gleichen Wohnort haben. Das ist inakzeptabel, weil die Auswirkungen doch sehr stark sein können, wenn man etwa keinen Handyvertrag bekommt. Und wenn man dann versucht, das zu bereinigen, ist das eine kafkaeske Situation. Man wird von der Bank zur SCHUFA verwiesen, von der SCHUFA zurück zur Bank und so weiter. Alle schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu, keiner will die Verantwortung dafür übernehmen. Das ist einfach nicht hinnehmbar.

Das Auskunftsverhalten der SCHUFA ist eine Katastrophe. Sie hat etwa mit Inkrafttreten der Datenschutzgrundverordnung keine wirklich rechtmäßige Auskunft gegeben über die Informationen, die man haben wollte. Denn sie haben keine maschinenlesbaren Scores zur Verfügung gestellt. Dazu wären sie seit dem 25. Mai 2018 verpflichtet gewesen. Da haben wir dann auch ein großes Problem mit der Aufsicht, weil der hessische Datenschutzbeauftragte als Aufsichtsbehörde einfach monatelang mit ihnen verhandelt hat, obwohl der exakte Wortlaut des Gesetzes zwei Jahre vor Inkrafttreten bekannt war. Ich glaube, im Februar dieses Jahres hat die SCHUFA dann angefangen, maschinenlesbare Auskünfte zu erteilen. Und das sind tatsächlich einzelne JPG-Dateien. Also kriegen Sie, wenn Ihre SCHUFA-Auskunft insgesamt elf Seiten hat, elf JPG-Dateien zugeschickt. Das ist natürlich absurd. Das ist zwar dem Gesetz entsprechend maschinenlesbar, aber natürlich überhaupt nicht das, was man erwarten kann im Jahr 2019. Das sind so die Schwierigkeiten, die wir mit der SCHUFA haben, weil wir eben der Ansicht sind, dass nicht genug bekannt darüber ist, wie sie arbeitet. Und das ist einfach inakzeptabel bei einem Unternehmen, dessen Arbeitsergebnisse so eine große Auswirkung auf unser Leben haben.

Die SCHUFA hat schnell reagiert und Stellung bezogen. Eine der Aussagen war: Wer die Score-Formel gegenüber der Allgemeinheit offenlegen wolle, leiste »Vorschub für Missbrauch und Betrug« und führe die »Allgemeinheit unter dem Deckmantel der Transparenz in die Irre«. Was haltet ihr dem entgegen?

Ja, das zeugt von diesem völlig verkorksten Verständnis der SCHUFA, was sie den Betroffenen an Informationen schuldet. Denn interessanterweise sind wir ja alle keine Kunden der SCHUFA. Die Kunden der SCHUFA sind die Banken, Versicherungen, die Telekommunikationsunternehmen. Wir haben eigentlich überhaupt keine Geschäftsbeziehung mit der SCHUFA. Und das ist ein Riesenproblem, weil dann natürlich die Kunden bzw. die Nicht-Kunden auch keinen Druck ausüben können auf dieses Unternehmen. Wir können nicht sagen: Ich gehe zur Konkurrenz. Darüber entscheiden wir überhaupt nicht. Dazu kommt diese Auffassung der SCHUFA, Leute, die in ihren Teilhabemöglichkeiten sehr stark betroffen werden von den Berechnungen der SCHUFA und die gerne wüssten, wie diese Berechnungen zustande kommen, als potenzielle Verbrecher hinzustellen. Das zeugt von deren Geisteshaltung, die ist offenbar ein bisschen dem Obrigkeitsstaat des 19. Jahrhundert verhaftet. Nach dem Motto: Wir haben hier das Wissen und ihr habt das zu schlucken. Das ist einfach völlig unangemessen.

Welche Forderungen stellt ihr nun an die SCHUFA und auch an die Öffentlichkeit?

An die Öffentlichkeit stellen wir keine Forderungen. Wir stellen die Forderungen an die SCHUFA, dass sie transparenter sein muss in Bezug auf das Verfahren, das sie verwenden. Wir möchten, dass die Gutachten, die die SCHUFA beauftragt und einholt, um zu belegen, dass sie ein dem aktuellen Stand der Wissenschaft entsprechendes Verfahren verwenden, weitgehend öffentlich gemacht werden; wo es halt geht, ohne Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse zu verletzen. Diese Gutachten werden im Moment nur der Aufsichtsbehörde zur Verfügung gestellt, und die hält diese auch unter Verschluss. Die gehen an den hessischen Datenschutzbeauftragten und niemand erfährt etwas über den Inhalt.

Screenshot OpenSCHUFA

Screenshot OpenSCHUFA

Wir wollen, dass die SCHUFA nicht einfach nur diese JPG-Dateien veröffentlicht, sondern maschinenlesbare, strukturierte Daten, die es dann auch leichter ermöglichen, von außen etwas zu überprüfen. Wir möchten, dass das System viel klarer beschrieben wird, sodass man als Betroffener auch etwas ableiten oder ganz konkret erfahren kann. Was müsste ich denn tun, um meinen SCHUFA-Score z. B. zu verbessern? Das wissen die Menschen nämlich überhaupt nicht. Da kommen wir zurück auf das Ergebnis, dass es nur positive Informationen bei den Leuten gibt, und die trotzdem einen schlechten Score haben. Wenn die aber jetzt die SCHUFA fragen: Warum ist das denn der Fall? Und wie kann ich das verbessern? Dann geben die ihnen einfach keine Auskunft dazu. Und das kann natürlich nicht sein.

Deswegen haben wir diese Forderungen an die SCHUFA. Die SCHUFA antwortet darauf üblicherweise: Wir halten uns an Recht und Gesetz. Und das ist in den meisten dieser Punkte auch so – leider, muss man sagen, in dem Sinn, dass das Gesetz unzureichend ist. Deswegen haben wir darüber hinaus Forderungen an den Gesetzgeber und an die Aufsichtsbehörden, also das Justiz- und Verbraucherschutzministerium und den hessischen Datenschutzbeauftragten. Diese Forderungen sind, dass das Gesetz so angepasst wird, dass die SCHUFA eben doch gezwungen ist, erstens bessere Auskunft über ihr Verfahren zu geben, zweitens strukturierte Daten rauszugeben, drittens, dass diese Einstufung, diese Gutachten, diese Beurteilungen, die von den Experten angefertigt werden, auch der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden, damit man sich ein besseres Bild davon machen kann.

Und im Grunde genommen haben wir dann noch die Forderung an den Staat, sei es der Bund oder das Land Hessen: Es müssen auch die Aufsichtsbehörden, in diesem Fall die Datenschutzaufsicht, entsprechend ausgestattet werden, damit sie überhaupt die Kompetenz und die Leute haben, um die SCHUFA angemessen zu überprüfen. Der Datenschutzbeauftragte selbst hat sich auch nicht mit Ruhm bekleckert, was die SCHUFA angeht. Er hat ihnen das monatelang durchgehen lassen, dass die einfach gegen die DSGVO verstoßen, obwohl zwei Jahre lang vor Inkrafttreten bekannt war, wie die Regelungen sein werden. Die SCHUFA ist ja nicht irgendein Bäckerbetrieb aus der Nachbarschaft, der eine problematische Datenschutzinformation auf der Website stehen hat. Das zeugt natürlich von einer Haltung, die ein bisschen die Aufsichtsidee vermissen lässt. Da muss sich ebenfalls was ändern.

 

Das Interview führte Carolin Krieger.

Die Interviews entstanden in medienpraktischen Übungen und Seminaren im Bachelor-Studiengang Online-Redaktion an der TH Köln.

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