Aug 092012
 

Vielen Preisträgern und Nominierten des Grimme Online Award ist eines gemein: Die Angebote werden zwar von höchst engagierten Machern betrieben, tragen sich finanziell aber nicht. Crowdfunding könnte eine Möglichkeit sein, solche Projekte zu finanzieren. Max Ruppert, Journalist und Kommunikationswissenschaftler, geht für quergewebt der Frage nach, ob Journalismus und Crowdfunding zusammengehen – und er hat dabei viel ungenutztes Potenzial entdeckt.

Screenshot von startnext.de

Screenshot startnext.de

Die Crowdfunding-Szene ist in Bewegung: Im Minutentakt registrieren sich Interessenten auf der größten deutschsprachigen Plattform startnext.de. Vor kurzem hat sie die Ein-Million-Euro-Marke an freiwilligen Spenden für Projektfinanzierungen erreicht und konnte bisher schon 280 Ideen unterstützen. “Fast jeden Tag kommt eine Plattform dazu”, sagt Wolfgang Gumpelmaier, Berater für Crowdfunding-Projekte. Ein alternativer Finanz- und Wirtschaftskreislauf wächst mit steigender Geschwindigkeit im Netz heran,  das Phänomen Crowdsourcing wird immer öfter von Journalisten aufgegriffen, als innovatives Netzthema: “Für Journalisten ist Crowdfunding das Thema, auf das man sich stürzt: Geld fehlt, Geld braucht man – das ist so ein Grundkonsens”, sagt Wolfgang Gumpelmaier. Doch welche Rolle spielt Crowdfunding für die Journalisten selbst, für journalistische Produkte und für Recherche?

Journalismus und Crowdfunding: Noch kein Traumpaar

Screenshot von spot.us

Screenshot spot.us

Journalismus spielt bisher in der deutschsprachigen Crowdfunding-Welt nur eine Nebenrolle – so sieht es Social-Media-Fachmann David Röthler aus Salzburg: “Wir sind in Europa gerade erst am Anfang” sagt er auf seiner Webseite. In den USA dagegen sieht die Sache anders aus: Auf der eigens auf Journalismus ausgerichteten Webseite www.spot.us kommen regelmässig gute Reportage-Ideen und Finanziers zusammen. Die Mentalität in den USA, wo Spenden und freiwillige Unterstützung eher Normalität sind, komme dem Crowdfunding entgegen, so Röthler.

Für Wolfgang Gumpelmaier hat Crowdfunding das Zeug, die Kulturproduktion komplett zu verändern, hin zu einem Miteinander: “Ich kann Feedback sofort aufnehmen, mich direkt mit meinem Publikum unterhalten und mich fragen, ob das überhaupt sinnvoll ist, was ich mache”, so Gumpelmaier. Wichtig für den Erfolg von Projekten ist, dass sich die Initiatoren öffnen und schon während der Planungs- und Produktionsphase in der Öffentlichkeit aktiv und transparent sind. Dazu gehört auch eine eigene Facebook-Seite und die Zusammenarbeit mit Journalisten und Medien. Wer in den Mainstream-Medien auf sein Untergrund-Projekt aufmerksam macht, hat bessere Chancen.

Ein Beispiel für ein gelungenes Journalismus-Projekt ist das von Lindsey Hoshaw. Sie hat über kickstarter.com eine Reportage über eine schwimmende Plastikmüllhalde im Pazifik finanziert und die Geschichte dann auch noch an die New York Times verkauft. In Amerika gibt es mit emphas.is sogar eine eigene Crowdfunding-Plattform für Fotografie und Bildberichterstattung. Im deutschsprachigen Raum fehlt bisher eine journalistisch ausgerichtete Plattform.

Doch im schweizerischen St. Gallen bastelt Medienmanager Stefan Hertach fleissig an seiner Seite mediafunders.net. Diese Plattform soll das Crowdfunding-Prinzip im deutschsprachigen Raum zum Journalismus bringen und umgekehrt. Bisher allerdings ist mediafunders.net noch nicht über den Beta-Status herausgekommen.

Schwieriges Verhältnis: Crowdfunding und Investigativjournalismus

Screenshot GuttenPlag Wiki

Screenshot GuttenPlag Wiki

Die Initiative aus der Schweiz findet Social-Media-Experte Röthler interessant, weil sie auch Elemente des Crowdsourcings mit dem Crowdfunding verbinden will. Zusätzlich zur Schwarmfinanzierung soll dort auch das kollaborative Recherchieren und Zusammentragen von Informationen organisiert werden, wie z.B. bei der Plagiatedokumentation im GuttenPlag-Wiki. Dies soll laut Eigendarstellung von mediafunders.net gerade bei investigativen Recherchen zu besseren und unabhängigeren Ergebnissen führen, als sie der traditionelle Journalismus liefern kann. Auch der Berliner Datenjournalist Lorenz Matzat fordert den Einsatz von Crowdsourcing im investigativen Journalismus. In seinem Text “Der NSU und das Versagen des Journalismus” zieht er eine bittere Bilanz der journalistischen Berichterstattung zum Terror des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Seiner Meinung nach hätte der Online-Journalismus mit Mitteln wie Crowdsourcing und Nutzung von Schwarmphänomenen effektiv eingesetzt werden können, um Hintergründe aufzuzeigen und Verantwortlichkeiten zu dokumentieren.

Hier stellt sich aber die Frage, inwiefern Investigativer Journalismus und Crowd wirklich zusammen passen. Bei heiklen Themen, z.B. Rechts- oder Linksextremismus oder organisierter Kriminalität, kann das Öffentlichkeits- und Transparenzgebot des Crowdfundings und Crowdsourcings kontraproduktiv sein. Nicht ohne Grund gibt es im Investigativjournalismus das Gebot “Von außen nach innen recherchieren”, damit die potentiell Betroffenen nicht sofort von der Recherche Wind bekommen und dagegen vorgehen können. Das Prinzip Crowdsourcing verlangt aber, dass in der Öffentlichkeit jeder Schritt, jedes Problem und dessen Lösung dokumentiert wird. Nur mit immer wieder aktualisierten Statusmeldungen lassen sich Mitstreiter gewinnen und einarbeiten und nur so ist die Crowd zu motivieren.

Zukunftsaufgabe investigatives Crowdsourcing?

Screenshot berlinfolgen

Screenshot berlinfolgen

Zurück zum Crowdfunding: Ist ein Finanzierungs- oder Mitmach-Aufruf auf startnext.de denkbar, in dem für ein Projekt geworben wird, das Verwicklungen zwischen Hells Angels und rechtsextremistischen Kreisen aufdecken soll? Wohl kaum, denn die Betroffenen wüssten sofort von der geplanten Recherche. Außerdem würden sich Unterstützer und Projektgründer wohl selbst gefährden. Die heißen Themen vertragen sich anscheinend nicht mit Crowdfunding und -sourcing. Kein Wunder, dass die meisten journalistischen Projekte, die finanziert wurden, bisher eher aus den Bereichen Reisereportage oder Portrait kommen.

Wenn es um Investigatives geht, machen wohl eher Kooperationen mit Leaking-Plattformen wie openleaks.org Sinn, oder es etablieren sich eigene, anonyme Investigativ-Plattformen mit teils geschützten Kommunikationsräumen. Eine investigative Crowd-Plattform, auf der jeder ohne Gefahr brisante Themen einbringen kann – das ist eine spannende Aufgabe des (Online-)Journalismus der Zukunft. Die Möglichkeiten für den Journalismus erweitern sich durch solche Plattformen, die die Kraft der Crowd nutzen, auf jeden Fall – wenn sie dann bald an den Start gehen.

So lange aber noch an ihnen gebastelt wird, müssen Journalisten mit einer guten Idee ihr Glück auf bestehenden Plattformen wie startnext.de versuchen. Dass es auch dort klappen kann, zeigt das Projekt berlinfolgen.de, das in diesem Jahr mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet wurde. Das taz-Kooperationsprojekt entwickelt eine eigene Erzählweise, bei der sich O-Töne, Audioslideshow und Video vermischen. So portraitieren die Autoren Berliner Originale in zwei- bis dreiminütigen Stücken. Nicht investigativ, aber mit ganz eigenem Charme. Kurz nach der Verleihung des Preises hatte berlinfolgen.de übrigens die angepeilte Finanzierungsmarke von 13.000 € überschritten. (Inzwischen sind sogar schon 14.320 € zusammengekommen). Die Berichterstattung über die Preisverleihung und die gestiegene Aufmerksamkeit der traditionellen Medien hat sicherlich geholfen.

Linksammlung zum Thema

Deutschsprachige Plattformen:

Deutschsprachige Plattform für Journalismus und Medienprojekte:

  7 Responses to “Viel ungenutztes Potenzial”

  1. Sehr interessanter Beitrag, Max!
    Insbesondere den Hinweis, dass sich Crowdfunding nicht zur Finanzierung von Investigativ-Projekten eignet, finde ich wichtig bei der Einschätzung dieser neuen Finanzierungsform von Journalismus.
    Übrigens (schamlose Eigenwerbung): Im vor 10 Minuten erschienenen Post zu Innovationen und Experimenten rund um Nutzerpartizipation und Social Media im Journalismus auf dem jpub2.0-Blog (jpub20.hans-bredow-institut.de) geht es auch um ein bestimmtes journalistisches Crowdfunding-Projekt – und natürlich mehrfach um Formen von Crowdsourcing!
    Gruß, Julius

  2. Das Problem mit Crowdfunding ist meiner Meinung nach der erhebliche Aufwand, den man braucht, um schon kleine Summen zusammenzukratzen. Man muss eine Community aufbauen, regelmäßig bedienen und pflegen. Ich sehe noch nicht, dass sich das wirklich lohnt.
    Das wesentlich unaufwändigere Mikro-Cowdfunding via Flattr ist da schon besser. Da kommt ganz beiläufig der eine oder andere Groschen zusammen.
    Das Problem der Finanzierung kann durch Crowdfunding nicht gelöst werden.
    Und: Wir befinden uns ganz am Anfang einer Entwicklung, von der heute noch niemand sagen kann, wohin uns das führt. Daher gilt: Vorsicht mit zu viel Optimismus und das Bedienen eines Hypes. Oft steckt dahinter einfach nur eine Blase, die auf jedenfall platzen wird!

  3. Interssanter Beitrag. Ich denke, dass Crowdfunding mittelfristig schon Potential hat, Journalismus zu finanzieren.
    Es wird allerdings eine englischsprachige Europa- oder zumindest EU-weite Plattform brauchen, um die Gesamtgeldsumme und die Fundersumme zu vergrößern.

    Ein EU-weiter kickstarter klingt für mich hochinteressant. Rechtlich dürfte das doch möglich sein, oder? (bin kein Jurist)

    Weiß wer, ob es diesbezüglich schon Pioniere gibt?

    • @Manuel Köllner Ja, das Potential ist vorhanden und kann von einzelnen Journalisten, aber auch Redaktionen meiner Meinung nach noch besser ausgenutzt werden. Eine Plattform, die das zumindest für Deutschland, Österreich und Schweiz versucht, ist die im Text erwähnte http://www.mediafunders.net. Da können wir gespannt sein, wie das Projekt startet. EU-weit habe ich persönlich nix gefunden. Ist auch wegen der vielen Sprachen wohl schwierig, aber wer was weiß: her damit!

      @droid boy @Julius Danke für die Posts und die Hinweise! Wo droid boy Recht hat: Man kann noch generell unterscheiden zwischen Crowdfunding und Micropayment. Bei Crowdfunding wird ERST versucht, die Summe zusammenzubekommen, und dann losgelegt. Beim Micropayment wird erst mal recherchiert, geschrieben und veröffentlicht und dann wird gehofft, dass genug bei der “Flatterei” zusammenkommt (was meist nicht der Fall ist!).

  4. @Julius @Droid Boy Danke für die Kommentare und Hinweise! @Droid Boy hat Recht: Ganz prinzipiell lassen sich nochmal zwei verschiedene Arten der webbasierten Finanzierung unterscheiden: Crowdfunding (oder -financing) sammelt ERST das Geld ein und realisiert dann das Projekt zu Ende. Jeder Spender erhält dafür auch irgendeine Gegenleistung. Beim Micropayment wird ERST die Arbeit gemacht: Recherche, Schreiben, Veröffentlichen und DANN erst das Geld eingesammelt, in der Hoffnung, dass bei der “Flatterei” genug zusammen kommt (was meist nicht der Fall ist!).

  5. [...] Viel ungenutztes Potenzial [...]

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