Apr 302016
 
Foto: Barbara.

Foto: Barbara.

Seit einigen Jahren ist die Street-Art Künstlerin “Barbara.“ auf deutschen Straßen unterwegs und verleiht mit ihrer Klebekunst vielen Gebots- und Verbotsschildern neue Bedeutung. Ihre aus Papier bestehenden und meist kurzlebigen Kunstwerke sind humorvoll, ironisch, subversiv und verzieren mittlerweile schon seit einigen Jahren mit passenden Sprüchen den deutschen Schilderdschungel. Auf ihre eigene kreative und fantasievolle Weise kommentiert sie oft auch aktuelle gesellschaftspolitische Ereignisse – mal fröhlich, mal ernst. Der Öffentlichkeit wird nicht nur ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert, sondern sie wird auch zum Nachdenken angeregt. Ihre Arbeiten gefallen den Menschen, was sich in den mittlerweile knapp 425.000 Fans auf Facebook widerspiegelt.
“Barbara.” ist für den Grimme Online Award 2016 in der Kategorie Spezial nominiert. Im Chat-Interview verrät die Street-Art Performerin die Hintergründe ihrer Arbeiten und die Motivation dafür, ihrer Klebekunst auch weiterhin so leidenschaftlich nachzugehen.

Wie ist die Idee zur Street-Art entstanden? Was war Ihre Intention?

Als Kind war ich mit meinem Opa spazieren und er entdeckte ein hingeschmiertes Hakenkreuz an einer Hauswand. Er hat mir erklärt für welche schrecklichen Ereignisse dieses Symbol steht und versuchte es mit Spucke und einem Taschentuch wegzuwischen, was ihm nicht gelang. Am nächsten Tag sind wir wieder dahin zurückgegangen und ich hatte einen Zettel dabei auf den ich eine lachende Sonne gemalt hatte. Den Zettel hab ich über das Hakenkreuz geklebt und mein Opa hat mich überschwänglich gelobt und sogar gelächelt, was er sonst leider nicht so viel getan hat. Das ging runter wie Öl und ich beschloss, das in Zukunft öfters zu machen. Seither bin ich dabei geblieben.

Welche Intention steckt hinter der Namensgebung? Ist es ein Pseudonym?

“Barbara.” ist ein schöner Name.

Welche Vor- und Nachteile bringt Ihre Anonymität mit sich? Welche Freiheiten und Einschränkungen ergeben sich dadurch für Sie?

Ich möchte, dass meine Arbeit unabhängig von meiner Person betrachtet wird und außerdem schütze ich so mein Privatleben. Die Schwierigkeit die diese Entscheidung mit sich bringt ist, dass ich viel Energie aufwenden muss, um meine Aktivitäten geheim zu halten und, dass ich all meinen Freunden und meiner Familie so einiges verheimlichen muss. Das tut manchmal in der Seele weh, aber unterm Strich bin ich davon überzeugt, dass dieser Weg der Richtige ist.

Foto: Barbara.

Foto: Barbara.

Bringen Sie uns bitte Ihre Arbeitsweise näher. Wie sieht die tägliche Arbeit aus?

Ich arbeite alleine und lasse mich von meiner Umgebung inspirieren. Der städtische Schilderwald ist eine niemals versiegende Inspirationsquelle voller Gebote, Verbote, Drohungen und Beleidigungen. Dem möchte ich spielerisch etwas entgegensetzen, mich einmischen.

Was motiviert Sie und treibt Sie an, weiter aktiv zu bleiben?

Ich habe sehr viel Spaß an meiner Arbeit, liebe es mich kreativ und spielerisch auszudrücken und teile gerne meine Meinung mit. Das ist die beste Motivation, um aktiv zu bleiben.

Warum haben Sie diese Art der Gestaltung ausgewählt? Warum dieses Medium?

Ich liebe Papier und ich liebe die Sprache.

Ihre Werke sind ironisch, politisch, subversiv und humorvoll. Warum haben Sie sich für diese Art entschieden, mit den Menschen in Kontakt zu treten?

Dahinter steckt keine bewusste Entscheidung. So bin ich eben. Besonders Humor ist mir sehr wichtig, sowohl in meiner Arbeit, als auch privat. Ich glaube, dass es sinnvoll wäre, wenn die Mächtigen dieser Welt sich zu Beginn ihrer Treffen erstmal einen Witz erzählen würden. Keiner will jemandem Gewalt antun, über dessen Witz er gerade eben noch gelacht hat.

Das umgestalten von Verbotsschildern ist eine sehr kreative Arbeit und erregt viel Aufmerksamkeit. Was reizt Sie besonders daran?

Ich glaube, dass die Unmengen an Verbotsschildern einiges über unsere Gesellschaft aussagen. Ich will nicht alle über einen Kamm scheren, aber viele Verbotsschilder sind einfach nur sinnlos. Zum Beispiel die omnipräsente Drohung: “Eltern haften für ihre Kinder!” Das nervt einfach nur und verbreitet schlechte Stimmung. Eltern wissen auch ohne dieses Schild, dass sie für ihre Kinder haften. Kein Wunder, dass die Geburtenrate so niedrig ist, wenn unschuldigen Eltern – die es ohnehin schon schwer genug haben in dieser leistungsorientierten Gesellschaft – an jeder Straßenecke mit Haftung gedroht wird.

Foto: Barbara.

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Sie waren bereits in Berlin, Hamburg, Heidelberg und anderen Städten tätig. In welchen Städten gehen Sie besonders gerne ans Werk und gibt es eine Stadt die Sie reizt?

Ich gehe gerne auf Entdeckungsreise in Städte in denen ich noch nicht war. Da ich mich intensiv mit den Ursachen für Fremdenfeindlichkeit beschäftige, war mein Besuch in Dresden etwas Besonderes für mich, denn dort wird das Thema intensiv verhandelt. Ich habe mir für dieses Jahr vorgenommen, mehrere Reisen in den Osten Deutschlands zu unternehmen, um für mich herauszufinden, warum vor allem hier so viel Ablehnung und Angst gegenüber Fremden vorherrscht.
Und vor allem um herauszufinden, welche Wege es geben kann, um dieses Problem zu lösen. Ich bin der festen Überzeugung, dass es nicht nur möglich ist, Fremde zu integrieren, sondern dass sie eine Bereicherung für dieses Land sind. Zuwanderung macht Deutschland bunter, vielschichtiger und interessanter. Dafür trete ich mit ganzem Herzen ein.

Sie kommentieren oft aktuelle Ereignisse. Gibt es Themen die Sie besonders interessieren?

Ich stelle mich gerne Hassbotschaften entgegen. Fremdenfeindlichkeit, Sexismus, Diskriminierung von Minderheiten oder schädliche Botschaften der Werbeindustrie nehme ich oft ins Visier. Scheuklappen hab ich da nicht. Aber ein großer Teil meiner Aktionen haben nur das Ziel Freude zu verbreiten, ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern oder auch gerne mal nur ein Kopfschütteln zu verursachen. Nicht alles was ich mache hat einen politischen oder gesellschaftskritischen Hintergrund. Ich spiele auch manchmal nur, lasse mein inneres Kind zum Spielen raus.

Foto: Barbara.

Foto: Barbara.

Hat Sie die Nominierung für den Grimme Online Award überrascht und was bedeutet sie für Sie?

Bis vor zwei Jahren bekam ich so gut wie kein Feedback für meine Klebereien im öffentlichen Raum und habe das nur für mich gemacht. Als ich 2014 begann, Fotos meiner Arbeiten in sozialen Netzwerken zu veröffentlichen, war ich schon sehr überrascht, welche Dynamik sich entwickelt hat – welche kontroversen Diskussionen die eine oder andere Arbeit ausgelöst hat. Vor allem aber der große Zuspruch, den ich von so vielen Menschen bekomme, ist etwas ganz Besonderes und freut mich sehr. Genauso freue ich mich über die Anerkennung meiner Arbeit durch das Grimme-Institut. Die Leute sollen aber für das Projekt stimmen, dass ihnen am besten gefällt. Ich bin so oder so glücklich, weil mir meine Arbeit Spaß macht. Das (K)leben ist schön!

Gibt es etwas das Sie den Lesern, im Rahmen des Interviews, gerne noch mitteilen möchten?

Ja, ich wünsche mir, dass die Gesellschaft insgesamt ihre Basis chillt. Weniger Leistungsdruck, nicht immer die Nummer 1 sein wollen – sowohl in der Wirtschaft, als auch beim Fußball. Mehr streben nach schönen Momenten, als immer nur nach Erfolg und Geld. Entschleunigung statt Effektivität und Effizienz. Liebe statt Hass. Make Kartoffelsalat, not war.

Autor: Anatoli Becker
Die Interviews mit den Nominierten sind im Rahmen eines Medienpraxis-Seminars an der Universität zu Köln entstanden.

  4 Responses to “Ich (k)lebe, also bin ich. Mit Humor durch den Schilderdschungel.”

  1. Ich liebe ihre Arbeit, sie verschönert mir mein Leben und ich finde, sie hat sich das “verdient”.

  2. Wunderbar,ich kann nur hoffen das Barbara noch lange klebt. Nur die Liebe lässt uns leben. Mach bitte weiter so. Hoffe du bekommst den Preis, liebe grüße.

  3. Sie klebe hoch!

  4. Barbara ist einfach wunderbar!

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