Jun 102019
 
Screenshot tincon

Screenshot: “TINCON”

Die „Teenageinternetwork Convention“ TINCON gibt es seit 2016. Sie richtet sich an Jugendliche von 13 bis 21 Jahre und bietet ihnen die Möglichkeit, in Talks und Workshops über das Internet zu reden, über ihre Zukunft und darüber, was sie sonst so bewegt. Dabei werden Jugendliche und junge Erwachsene eng in die Organisation und Gestaltung des Events eingebunden.

Die TINCON ist für den Grimme Online Award in der Kategorie Spezial nominiert. Tanja Haeusler, die die TINCON zusammen mit ihrem Mann Johnny Haeusler ins Leben gerufen hat, erzählt im Interview, wie es dazu kam und wie die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen läuft.

Als Vorbild der TINCON gilt die re:publica. Was hat Sie veranlasst, für 13- bis 21-Jährige noch mal eine extra Veranstaltung zu organisieren, in der Erwachsene nur als Aufsichtsperson Zutritt haben?

Die Idee zur TINCON hätten wir sicher nicht ohne den Input unserer Teenager-Söhne gehabt. Bei uns zuhause waren digitale Medien immer erwünscht und wir haben uns gegenseitig gezeigt, was es gerade so Spannendes oder Quatschiges im Netz gibt. Von den Jungs haben wir dann Sachen gesehen, die mit unserem erwachsenen Netz so gar nichts zu tun hatten. Schon 2013 haben wir dann YouTuber zur re:publica eingeladen. Das Interesse war immens, weil da junge Menschen auf der Bühne saßen, die merkwürdige Sachen im Internet machten und wahlweise ihre Meinung vom Jugendzimmer in die Welt schickten oder die Welt dabei zusehen ließen, wie sie Games spielten. Das fand das Publikum so lange niedlich, bis die YouTuber auspackten, dass sie sechs- bis siebenstellige Abonnentenzahlen haben und inzwischen davon leben können. Da fielen viele Kinnladen im Publikum. Eine ganz neue Netzgeneration wuchs da heran, die das Netz völlig neu nutzte – spannend! Johnny und ich hatten das Gefühl, dass diese Generation ihre eigene re:publica verdient. Die TINCON haben wir aber unabhängig von ihr gegründet, als gemeinnützigen Verein. Aufsichtspersonen wollen wir eigentlich gerade vermeiden. Erwachsene sind als Programmgebende und Helfer aber sehr willkommen. 2016 war es dann endlich soweit mit der ersten Ausgabe.

Setzen Sie jedes Jahr einen anderen Schwerpunkt bei der TINCON?

Tanja Haeusler auf der TINCON

Tanja Haeusler auf der TINCON;
Foto: Gregor Fischer/TINCON

Jein. Wir erarbeiten das Programm ja gemeinsam mit Jugendlichen, die wir jährlich zum Programmwochenende einladen. An diesen 2-3 Tagen werden von 20-30 Jugendlichen Themen, Speaker, aber auch Formatwünsche zusammengetragen. Auf dieser Basis erarbeiten wir dann das Programm der TINCON. Tatsächlich ergibt sich dabei immer ein Thema, das dominiert, auf das wir ohne die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen aber so nicht gekommen wären. 2017 war es Transgender und Identität, 2018 Mental Health und in diesem Jahr, klar, Aktivismus. Daneben gibt es immer noch viele andere Themen, aber es scheint tatsächlich immer eines zu geben, das sich winkend nach vorne drängelt, weil es gerade besonders wichtig ist. Da liegen die Jugendlichen übrigens immer sehr richtig und weit vorn.

Wie beteiligen sich die Jugendlichen sonst noch an der TINCON?

Es gibt das U21-Team in den Bereichen Produktion, Programm und Redaktion, für das man sich jedes Jahr neu bewerben kann. Der Programmworkshop ist für uns inhaltlich irre wichtig, denn ein Programm für eine Zielgruppe zu machen, zu der man gar nicht gehört – das funktioniert einfach nicht. Je 2-3 Jugendliche arbeiten dann in den jeweiligen Gewerken kontinuierlich mit dem erwachsenen Team zusammen und nehmen da richtig viel mit. Sie planen Einlass, Catering, Helfermanagement, laden selbst Speaker ein und briefen sie, machen Interviews oder geben selbst welche. So wahnsinnig spannende Sachen wie Brandschutz- und Fluchtwegbestimmung lernen sie auch. Wenn es dann endlich losgeht, sind das dann auch wirklich die allerbesten Kolleginnen und Kollegen, die man sich denken kann.

Johnny Haeusler und Tanja Haeusler zusammen auf der Bühne

Johnny Haeusler und Tanja Haeusler zusammen auf der Bühne;
Foto: Britta Pedersen/re:publica

Inzwischen übernehmen sie auch ungefragt den Abschluss auf der Bühne, für den sie immer irgendeine Überraschung auf Lager haben und ich frag mich, wann sie das auch noch organisiert haben. Wir würden gern viel enger mit dem U21-Team arbeiten, aber neben der Schule müssen wir sehen, was möglich ist. Das ist auch der Grund, warum wir erst jetzt gleich die Nachbesprechung mit dem U21-Team haben. Viele mussten halt erstmal durch alle Restprüfungen des Schuljahrs. Außerdem haben wir immer eine ganzjährige Stelle für Jugendliche, die ihr FJB, also ihr Freiwilliges Jahr der Beteiligung, machen. Das sind dann wirkliche Kolleginnen und Kollegen, die wir nach Ablauf des Jahres schmerzlich vermissen. Die letzte, Mariella, blieb uns ein kleines bisschen erhalten und schreibt jetzt unseren Newsletter, den man übrigens abonnieren kann. Und ganz wichtig: Man kann sich natürlich als U21-Speaker für die TINCON bewerben. Wer angenommen wird, aber noch ein bisschen wackelig auf den Beinen steht, bekommt im Vorfeld ein Coaching mit Tipps und Übungen zum öffentlichen Reden. Außerdem sprechen das Programmteam und ein Journalist die Talks und Präsentationen mit der Rednerin oder dem Redner durch und kürzen, ergänzen oder stellen um, wo es nötig ist.

Wie ist die Resonanz auf die TINCON? Schreiben Ihnen manchmal Besucher?

Nicht direkt. Unsere Gäste und Speaker posten aber über soziale Netzwerke, dass sie da waren oder sind, wen man so traf, was cool war, und ja, manche bedanken sich sogar. Resonanz bekommen wir auch in Form von Kommentaren unter den YouTube-Videos der TINCON-Talks und durch die Teilnahme an unserer Umfrage hinterher.

Was war das schönste Erlebnis, das Sie dieses Jahr auf der TINCON erlebt haben?

Das Beste sind ja immer die Sachen, die man nicht erwartet. Auf der Open Stage, wo jeder Gast spontan sprechen kann, war es plötzlich ungewohnt lebhaft und ich wurde neugierig. Auf der Bühne pitchten zwei Jungs ein Insektenkochbuch, das sie demnächst veröffentlichen wollten. Um sie herum entbrach eine leidenschaftliche Diskussion darüber, ob es prinzipiell okay sei, Insekten zu essen, wie sich Veganer dazu verhalten sollten und ob Kuh und Heuschrecke nicht denselben Stellenwert haben müssten. Neben weiteren ethischen kamen Ökofaktoren ins Spiel, jede und jeder hatte eine Meinung und ich dachte: Wow – ich bin voll raus. Und das ist dann aber ja zugleich das Beste, dass jede junge Generation ihre eigenen Themen mitbringt und dafür sorgt, dass es immer weiter geht.

 

Das Interview führte Monika Schlederer.

Die Interviews entstanden in medienpraktischen Übungen und Seminaren im Bachelor-Studiengang Online-Redaktion an der TH Köln.

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