Der Hoheneck Komplex – Strumpfhosen und Bettwäsche für den Westen

Veröffentlicht von Interviews Nominierte 2021 am

Screenshot "Der Hoheneck Komplex"
Screenshot "Der Hoheneck Komplex"
Screenshot “Der Hoheneck Komplex”

„Ich habe mir die Tage runtergenäht von meiner Haft.“ So beschreibt Konstanze ihren Gefängnisalltag in Hoheneck. Sie war aufgrund eines missglückten Fluchtversuchs in die BRD fast zwei Jahre dort inhaftiert. Der im sächsischen Stollberg gelegene Hoheneck Komplex war das berüchtigtste Frauengefängnis der DDR. Viele Frauen, darunter Straftäterinnen, aber auch politische Gefangene, zählten zu den Insassinnen und wurden zur Zwangsarbeit genötigt. Sie alle nähten Strumpfhosen und Bettwäsche, die die DDR für Devisen an namhafte Firmen, darunter Aldi, Quelle und Karstadt, in den Westen verkaufte.

„Der Hoheneck Komplex“ ist für den Grimme Online Award 2021 in der Kategorie „Information“ nominiert. Im Interview erzählt Regisseur Mike Plitt, was ihn bei der Recherche am meisten schockierte und wie die Zwangsarbeit in Hoheneck verschleiert werden konnte.

Das Crossmedia-Projekt von MDR – Mitteldeutscher Rundfunk und mobyDOK medienproduktion vermittelt Informationen mit Hilfe einer Scrolldoku, den Geschichten fünf ehemaliger politischer Insassinnen und einer für VR-Brillen geeigneten, interaktiven 360°-Ansicht der Räume.

Was hat Sie dazu bewegt, über den Hoheneck Komplex zu berichten?

Es gibt eine Vorgeschichte seitens der mobyDOK medienproduktion. Alexander Lahl und Max Mönch haben bereits einen erfolgreichen Animationsfilm mit dem Titel „Kaputt“ zu Hoheneck erstellt, für den schon viele Vorabrecherchen getätigt wurden. Dadurch ist ein generelles Interesse an dem Thema entstanden. Da der Animationsfilm in seiner Kürze nicht alle Aspekte darlegen konnte, gab dies die Anregung, das Ganze als Crossmedia-Projekt vertiefend darzustellen. Wir finden, es ist ein Thema, das im Zuge von Wiedervereinigung und Wende unter den Tisch gefallen ist. Die Studie, die das Thema publik gemacht hat, wurde 2012 veröffentlicht. Demnach sind 22 Jahre zwischen Wiedervereinigung und Studie vergangen. Da bestand natürlich das Interesse, das Ganze nochmal aufzuarbeiten. Wir sind zwar nicht die Ersten, die sich der Thematik gewidmet haben, aber die Ersten, die es auf diese Art machen. Bei unserem Projekt haben wir uns bei vorherigen Dokumentationen, wie der vom WDR, bedient. Es gab zu Teilungszeiten viele Presseberichte über die Haftbedingungen und die Zwangsarbeit in DDR-Gefängnissen. Unserer Meinung nach konnte sich das Thema nicht im kollektiven Bewusstsein festsetzen, weshalb wir es noch einmal gezielt, multiperspektivisch und mit einer profunden Recherche in einer Art virtuellen Gedenkstätte gebündelt haben.

Was war Ihnen bei der Website-Gestaltung besonders wichtig? 

Screenshot "Der Hoheneck Komplex"
Screenshot “Der Hoheneck Komplex”

Wir hatten uns früh die Trias – bestehend aus Scrolldoku, den Stories und der 360°-Ansicht – vorgestellt. Es sollte eine investigative Story werden. Dr. Christian Sachse übernahm die wissenschaftliche Beratung und war uns eine große Hilfe, da viele Zahlen im Laufe der Zeit vernichtet wurden. Uns war bewusst, dass „viel Text“ im Internet nicht funktioniert, deswegen musste der Text prägnant sein und entsprechend untermalt werden. Die Zeichnerinnen des Ateliers „Hurra“ haben das Projekt perfekt illustriert. Wir haben nicht nur die Zahlen und Fakten dargestellt, sondern mit den Zeitzeugenaussagen der fünf ehemaligen Hoheneckerinnen auch eine persönliche Perspektive. Uns war wichtig, dass die Frauen eine Stimme in diesem Crossmedia-Projekt bekommen. Wir wollten das Archivmaterial so verwenden, dass es nicht im Projekt hinten runterfällt, sondern dass es mit den O-Tönen verwoben und damit gut sichtbar ist. Unser Gestalter und Programmierer Jens-Uwe Grau hat das für unsere Begriffe sehr gut gelöst. Die 360°-Ansicht ist eine zeitgemäße Darstellung, die auch junges Publikum anziehen kann. Das Projekt bietet verschiedene Zugänge zu einer Geschichte, die im Strudel der Wiedervereinigung lange Zeit unter den Teppich gekehrt wurde.

Fünf ehemalige politische Inhaftierte erzählen ihre persönlichen Geschichten. Wie wichtig war es Ihnen, Betroffenen eine Plattform zu geben?

Screenshot "Der Hoheneck Komplex"
Screenshot “Der Hoheneck Komplex”

Es gibt nur punktuell Reportagen über Hoheneck, jedoch verdienen die Betroffenen einen größeren Platz in diesem Crossmedia-Projekt. Die Frauen haben uns das Gefühl gegeben, dass sie sich repräsentiert fühlen. Sie können ihre Geschichte erzählen und haben uns darüber hinaus in dem Projekt sehr unterstützt. Und zwar nicht nur, indem sie als Powerfrauen, die sie sind, die Interviews gegeben haben, sondern auch, indem sie uns ihr Privatarchiv zur Verfügung gestellt haben. Dies umfasste ihre Stasi-Akten, aber auch viele private und sehr persönliche Aufnahmen, die wir dankenswerterweise nutzen durften. Bei Konstanze Helber war es vor allem die minutiöse Rekonstruktion ihres gescheiterten Fluchtversuchs durch die Staatssicherheit, die uns den Atem verschlagen hat. Wir als Team haben versucht dieser Verantwortung gerecht zu werden.

Was schockierte Sie bei der Recherche am meisten? 

Trotz einer akribischen Vorbereitung waren das Team und ich mehrfach schockiert. Die Worte der fünf Zeitzeuginnen klingen mir immer noch nach. Beispielsweise die Geschichte von Renate Werwigk-Schneider, die uns erzählte, dass sie Kinderärztin werden wollte. Jemand, der diesen Berufswunsch hat, hat in der Regel auch einen Kinderwunsch. Dass dies durch die Haftzeit nicht mehr möglich war, ist ein Drama, das man gar nicht fassen kann. Dann braucht man einen Moment Pause und muss das Ganze rekapitulieren. Oder dass Mütter wie Edda Schönherz von ihren Kindern getrennt wurden und diese nicht sehen konnten. Was mich persönlich dann noch beschäftigt hat, war, dass sie sich nach der Wiedervereinigung niemandem anvertrauen konnten. Wir hatten erfahrene Sprecherinnen wie zum Beispiel Edda Schönherz, die das DDR-Farbfernsehen eröffnet hat. Im Rahmen unserer Recherche haben wir auch die Archive der BStU in Berlin und des Deutschen Rundfunkarchivs (DRA) in Potsdam aufgesucht. Im DRA haben wir die einzige noch erhaltene Fernsehaufnahme von ihr aus DDR-Zeiten gefunden. Da waren wir natürlich baff, dass es nicht mehr gab, sie war ja schließlich der TV-Star schlechthin. Aber die DDR hat die gesammelten Aufnahmen von Edda systematisch vernichten lassen. Da hat sich der lange Arm der Diktatur gezeigt, die diese unbequem gewordene Person aus ihrer Geschichte tilgen wollte.

Wie konnte es sein, dass die Zwangsarbeit in Hoheneck so verschleiert wurde?

Screenshot "Der Hoheneck Komplex"
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Die DDR ist sehr trickreich vorgegangen. Es gibt von der International Labor Organisation eine Konvention gegen Zwangsarbeit, die von der DDR nicht unterzeichnet wurde. Die Arbeit im Gefängnis durch Gefangene ist per se nicht verboten, jedoch können sie zur Arbeit verpflichtet werden, um die Kosten ihres Unterhaltes zu begleichen. Das ist ein Teil des Systems Gefängnis. Die Grenze wird überschritten, wenn es als Repressionsmittel eingesetzt wird. Das trifft auf den Hoheneck Komplex zu, denn die Frauen waren zu Unrecht im Gefängnis und wurden genötigt, diese Arbeit zu leisten. Es wurde ein Netzwerk gesponnen, damit die Zwangsarbeit, unter anderem mit Hilfe von Tarnbetrieben und Zwischenlieferanten, nur schwer zurückverfolgt werden konnte. Wenn Waren angeliefert oder abgeholt wurden, sind die LKWs aus dem Westen nicht durch das Tor gefahren, sondern davor stehengeblieben. Es waren viele Kleinigkeiten, die dazu geführt haben, dass die Zwangsarbeit verschleiert werden konnte, so auch das Verbot, ihren Familien davon zu berichten. In dem DDR-Gefängnis herrschte Zensur, was bedeutet, dass die Briefe der Insassinnen kontrolliert wurden. Des Weiteren hängten die Frauen, die in den Westen entlassen wurden, ihr Schicksal aus Solidarität mit den anderen Frauen nicht an die große Glocke. Man hatte Angst ihnen den Weg in den Westen zu versperren. Es gibt Berichte von Amnesty International über diese Verletzungen in den DDR-Gefängnissen und auch Abgeordnete im Bonner Parlament, die dies anprangerten, aber das Interesse konnte nicht manifestiert werden.

Nachdem Kassiber, geheime Botschaften der Insassinnen, entdeckt wurden, gerieten westliche Firmen in Erklärungsnot. Die Quelle AG wollte diese Tatsache Anfang der 80er verschleiern und schrieb an die DDR-Außenhandelsbetriebe, sie sollen besser aufpassen, was in die Ware gelangt. Die Maschinerie hat funktioniert und wie es ein Historiker gesagt hat: „Die DDR war für die BRD, vor allem was Textilproduktion angeht, eine Art Bangladesch.“

Was möchten Sie mit dem Angebot erreichen?

Wir wollten über den Hoheneck Komplex recherchieren, die Ergebnisse aufarbeiten und in einer ansprechenden und würdigen Form darstellen. Das Thema ist, mit Ausnahme einiger Forschungslücken, bereits wissenschaftlich aufgearbeitet. Uns wurde schnell klar, dass wir mit den Frauen sprechen müssen und sie ihre Geschichten erzählen lassen. Es gab auch Zeitzeuginnen, die leider, gerade als ich sie angefragt hatte, verstorben sind. Da ist mir nochmal klar geworden, dass es Schätze sind, die wir irgendwie bergen wollen, was Publikationen und wissenschaftliche Recherchen nur bedingt können.

Denken Sie, es muss noch weitere Aufklärungsarbeit zum Hoheneck Komplex geleistet werden?

Der Hoheneck Komplex verdient weitere Aufarbeitung und es passiert in Hoheneck gerade selbst, wo die Gedenkstätte errichtet wird. Es sollten aber noch weitere Aspekte der Haftzeit aufgearbeitet werden. Das Thema der Wasserzelle wäre ein Beispiel: Gab es diese Zelle, ja oder nein? Die Insassinnen, die hier berichten, saßen selbst nicht in der Wasserzelle, aber sie haben Gerüchte darüber von anderen gehört, die in der Wasserzelle saßen. Jedoch muss die Existenz dieser Zelle wissenschaftlich noch aufgearbeitet werden. Auch das Schicksal der politischen Opfer und der Prozess nach Hoheneck muss thematisiert werden. Sie mussten sich nach dem Aufenthalt rehabilitieren lassen, bekamen nur eine geringe Entschädigung und hatten nach der Wiedervereinigung keine Anlaufstelle, um die Zeit in Hoheneck zu verarbeiten. Long Story Short: Der Hoheneck Komplex verdient eine intensive Auseinandersetzung. Das Crossmedia-Projekt ist ein weiterer und hoffentlich viel rezipierter Beitrag dazu. 

Screenshot Zoom: Mike Plitt im Interview

Das Interview führten Madita Juli und Sarah Höttges.
Die Interviews entstanden in medienpraktischen Übungen im Bachelor-Studiengang “Mehrsprachige Kommunikation” an der TH Köln.


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