Nov 072018
 
Was ist Heimat: In "Ein deutsches Dorf" dokumentieren Schüler der Henri-Nannen-Journalistenschule multimedial das Dorfleben in Werpeloh; Foto: Screenshot

In “Ein deutsches Dorf” dokumentieren Schüler der Henri-Nannen-Journalistenschule multimedial das Heimat- und Dorfleben in Werpeloh; Foto: Screenshot

Was ist Heimat? Wo in anderen Ländern und Sprachen die „Heimat“ stark mit dem „Vaterland“ verknüpft ist, beschreibt sie in Deutschland – das hat historische Gründe in der deutschen Kleinstaaterei – die Region, eine nähere Umgebung, ein Gefühl vielleicht. Zwar hat manch einer gar keinen Bezug dazu, assoziiert bestenfalls noch den Heimatfilm oder den Heimatdichter, meist aber polarisiert der Begriff Heimat: Die einen verbinden Positives damit – so denkt nach einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach eine große Mehrheit der Befragten an positiv besetzte Begriffe wie Kindheit und Familie, an Freunde oder an Geborgenheit. Und 77 Prozent der Deutschen fühlen sich stark mit ihrer Heimat verbunden. Andere – nach dieser Umfrage nur wenige – verbinden Enge und Spießigkeit mit dem Begriff „Heimat“, sehen ihn gar als Nazi-Wort, das sie gar nicht erst verwenden möchten. Erst recht, seit die AfD den Begriff politisch zur Abgrenzung gegen alles Fremde nutzt – und auch noch andere Parteien damit ansteckt. Anlässlich dieser Verwendung hat am letztjährigen Tag der Deutschen Einheit auch Bundespräsident Frank Walter Steinmeier das Thema aufgegriffen und davor gewarnt, dass die Bürger die Sehnsucht nach Heimat nicht Nationalisten überlassen dürften. „Verstehen und verstanden werden – das ist Heimat“, sagte Steinmeier, „Heimat ist der Ort, an dem das ‚Wir‘ Bedeutung bekommt.“

Dom Köln Foto: Vera Lisakowski

Für viele ein Heimatsymbol: der Kölner Dom; Foto: Vera Lisakowski

Ort oder Gefühl?

Nach dieser Definition ist Heimat nicht unbedingt eine räumliche Erfahrung, sondern eine soziale. Was überein geht mit denjenigen, die von sich behaupten, überall zu Hause zu sein. Haben Kosmopoliten noch eine reale Heimat? Wenigstens eine gefühlte? „Heimat ist, wenn sich das WLAN automatisch verbindet“, lautet einer der halbironischen und gerne geteilten Sprüche aus dem Internet. Und richtig: Über das Internet können wir ständig verbunden sein mit der „alten Heimat“, wir können eine neue Heimat erkunden oder uns mithilfe schöner Texte und Bilder in eine Wunschheimat träumen.

Wird also das Internet zu einer Art Ersatz-Heimat? Der Journalist Dirk von Gehlen scheint davon überzeugt: Er möchte einen Heimat- und Brauchtumsverein für das Internet gründen, für die Menschen, die im Internet zu Hause sind. Eine Bemerkung, die in der entsprechenden Zielgruppe gar nicht so selten fällt. „Digitale Kultur verdient (mindestens) das gleiche Ansehen und die gleiche auch finanzielle Förderung wie etablierte Kulturformen“, schreibt Dirk von Gehlen in seinem Vorschlag für eine Vereinssatzung und möchte auch Lobbyarbeit für digitale Kompetenz betreiben.

Idil Baydar mit den Preisträgern von "Ein deutsches Dorf": Daniel Sippel und Benedikt Becker Foto: Grimme-Institut/Arkadiusz Goniwiecha

Idil Baydar mit den Preisträgern von “Ein deutsches Dorf”: Daniel Sippel und Benedikt Becker; Foto: Grimme-Institut/Arkadiusz Goniwiecha

Wie lässt sich Heimat im Netz abbilden?

Gibt es eine Art Sehnsucht nach einer Heimat, gerade unter den Personen, die sich viel im Netz aufhalten? Die Nominierten und Preisträger des Grimme Online Award in diesem Jahr lassen fast diesen Schluss zu, beschäftigen sich doch einige Projekte mit diesem Thema – auch wenn sie es so explizit gar nicht nennen.

Für ihr Abschlussprojekt „Ein deutsches Dorf“ haben sich die Schüler der Henri-Nannen-Journalistenschule zwei Wochen lang in Werpeloh im Emsland einquartiert. Dabei entstanden Geschichten über Gülle-Influencer auf YouTube, Schützenfeste oder Klischees über das Dorfleben. Die Journalistenschüler haben intensiv mit den Menschen im Ort gesprochen – und an so manchen Stellen merkt der aufmerksame Leser, wie anfängliche Vorurteile in Bewunderung umschlagen, wie vielleicht auch ein bisschen Sehnsucht aufkommt auf diese klare Verortung. „Eine deutliche Stärke des Projekts ist die ausgeprägte Form der Selbstreflexion der Autoren, die auch die Leser herausfordert über Heimat und Herkunft nachzudenken“, stellt die Jury fest, die dem Projekt einen Grimme Online Award der Kategorie Kultur und Unterhaltung zugesprochen hat.

Screenshot "Halbe Katoffl"

Screenshot “Halbe Katoffl”

Über Heimat und Herkunft reden auch die Interviewpartner von Frank Joung im nominierten „Halbe Katoffl Podcast“. Joung, selbst koreanischer Herkunft, spricht mit Deutschen nicht-deutscher Herkunft. In den Gesprächen über Aufwachsen und Kindheit, über Familie, Ausbildung, Beruf und Alltag geht es auch um Stereotype, Ausgrenzung, Integration und Identität, denn diese Themen betreffen die Gesprächspartner besonders. Doch all dies schwingt nur mit, vermittelt sich in einem lockeren und sympathischen Gespräch mit viel Humor ganz automatisch.

Screenshot: Website "Eine Kirche wird zu Moschee"

Screenshot: Website “Eine Kirche wird zur Moschee”

Die Heimat ist auch nicht das Kernthema in „Eine Kirche wird zur Moschee“, mit dem Özgür Uludag in der Kategorie Kultur und Unterhaltung für den Grimme Online Award nominiert war. Und doch ist die Kirche ein Sinnbild von Heimat in christlichen Gesellschaften. Sie ist ein Orientierungspunkt, stellt einen Mittelpunkt dar, auch für diejenigen, die gar nicht religiös sind. Diese Symbolik macht eine Umnutzung eines nicht mehr benötigten Kirchengebäudes immer auch zu einem Diskussionsthema. Wenn die Kirche dann noch von einer muslimischen Gemeinde übernommen wird, sind die Ressentiments groß – sollte man meinen. Genau einen solchen Prozess hat Özgür Uludag für sein Webspecial begleitet und hat dabei viele überraschende Gespräche geführt.

Einen Blick auf Regionen fern der Heimat haben normalerweise Korrespondenten – so auch Lisa Altmeier und Steffi Fetz von „Crowdspondent – Deine Reporter“. Im Rahmen ihres Projektes, das in der Kategorie Information für den Grimme Online Award nominiert war, fragen sie ihre Leser, wo sie als nächstes hinfahren und was sie dort recherchieren sollen. Auf diese Weise haben sie schon Videoreportagen und Blogbeiträge aus Brasilien, Japan und Griechenland mitgebracht – aber auch aus Deutschland. „Nix wie Heimat“ heißt das Buch, für das sie kreuz und quer durch Deutschland gereist sind und Geschichten recherchiert haben, die die vielfältige „Heimat“ Deutschland zeigen und verborgene Aspekte ausgraben.

Lisa Altmeier und Steffi Fetz, Gründerinnen von "Crowdspondent", vor einem Rollup des Grimme Online Award; Foto: Rainer Keuenhof/Grimme-Institut

Lisa Altmeier und Steffi Fetz, Gründerinnen von “Crowdspondent”; Foto: Rainer Keuenhof/Grimme-Institut

Wie lässt sich Heimat im Netz schaffen?

Neben der Darstellung von Heimat kann das Internet aber auch Hilfestellung leisten, sich in einer neuen Heimat zurechtzufinden. Für die neu angekommenen Flüchtlingen haben sich auch im Netz zahlreiche Hilfsangebote entwickelt. Eines davon ist „WDRforyou“, wo der WDR auf Facebook hauptsächlich auf Deutsch und Arabisch Servicebeiträge postet, auch Unterhaltsames und viele Beiträge, die zu einer besseren Integration beitragen können. Zusätzlich gibt es Livestreams, in denen die Zuschauer ihre Fragen direkt auf Deutsch oder Arabisch einbringen können. Ein Angebot, das sich nicht nur an Flüchtlinge, sondern auch an Deutsche richtet, die an einem multikulturellen Miteinander in einer pluralen Gesellschaft interessiert sind.
Die frühere Heimat aufleben lassen die Gestalter der Agentur „Weltenweber“: Für ältere, vielleicht sogar demente Menschen schaffen sie mithilfe einer Virtual Reality Anwendung Straßenzüge, die aussehen wie früher. Da steht dann der VW-Käfer am Straßenrand, es gibt Telefonzellen und inzwischen abgerissene Häuser sind wieder da. An diesem Ort finden sich die Betrachter zurecht, ihre Erinnerung wird angeregt und sie fühlen sich zuhause.

„Zuhause im Netz“ fühlen sich sicher auch die Protagonistinnen des Instagram-Kanals @Maedelsabende, die in diesem Jahr den Grimme Online Award in der Kategorie Kultur und Unterhaltung gewonnen haben. Sie füllen die Bild-Plattform mit relevanten Inhalten (nicht nur) für junge Frauen – und beziehen sich dabei oft auch auf ihre persönliche Geschichte. So geben sie viel von sich preis. Ganz öffentlich.

Diese Aspekte und Beispiele sind nur einige dafür, wie und wo sich Heimat und Internet verknüpfen. Weitere wird das Grimme-Institut am 26. November mit diesen und anderen Akteuren beim Social Community Day in Köln beleuchten. In zwei Panels und drei Workshops geht es darum, wie Heimat im Netz abgebildet werden, aber auch, wie das Internet ein Teil Heimat sein kann.
Mehr Informationen und Anmeldung hier: www.social-community-day.de.

 

Text von Vera Lisakowski

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