Dez 202018
 
Nora Hespers und Rita Molzberger von "Was denkst du denn?" bei der Bekanntgabe der Nominierungen zum Grimme Online Award 2018. Foto: Rainer Keuenhof / Grimme-Institut

Nora Hespers und Rita Molzberger von “Was denkst du denn?” bei der Bekanntgabe der Nominierungen zum Grimme Online Award 2018. Foto: Rainer Keuenhof/Grimme-Institut

Wer gedacht hatte, Virtual-Reality-Anwendungen (VR) würden in diesem Jahr das große Thema im Wettbewerb – groß im Sinne von zahlreichen Einreichungen –, sah sich getäuscht. Stattdessen gab es zahlreiche Einreichungen im Podcasting-Bereich, ganz so, als ob die breite Thematisierung im Vorjahr ein Mehr an Vorschlägen produziert hätte. Näher an der Realität ist vermutlich: Im Verhältnis zu VR sind Podcasts einfach deutlich günstiger und niedrigschwelliger zu produzieren, das sorgt für Masse, einhergehend mit einem Boom im Audiobereich – die Sender haben Konkurrenz bekommen.
Als Folge waren immerhin drei Nominierungen beim #GOA2018 zu verzeichnen, die am Ende aber ohne Preis ausgingen: Ein „halber“ Podcast ist „die Anachronistin“. Seit vier Jahren erforscht hier Nora Hespers ihre Familiengeschichte auf Grundlage der Erzählungen und Bücher ihres Vaters und der Recherche in Originaldokumenten. Das Ergebnis: ein Blog, dessen gesamte Beiträge aber auch als Audioversion verfügbar sind, also als Podcast. Nora Hespers steckt ebenfalls hinter dem Podcast „Was denkst du denn?“, wo sie sich, zusammen mit der Philosophin Rita Molzberger, gesellschaftlichen Themen widmet und diese aus philosophischer Perspektive diskutiert, etwa aktuell zur Frage: Muss ich Weihnachten mit der Familie feiern? In Frank Joungs „Halbe Katoffl Podcast“ schildern „halbe Deutsche“ – also Deutsche, die auch nicht-deutsche Wurzeln haben – ihre persönlichen Geschichten und sprechen über die Erfahrungen, die sie mit dem Leben zwischen den Kulturen gemacht haben – enorm hörenswert und ebenfalls nominiert für den #GOA2018.

Frank Joung beim SCD 2018 in seinem Workshop: Podcasting für Anfänger: von der Idee zur Umsetzung

Frank Joung beim SCD 2018 in seinem Workshop: Podcasting für Anfänger: von der Idee zur Umsetzung. Foto: Georg Jorczyk/ Grimme-Institut

Was das Thema Podcasting zum Highlight für mich in diesem Jahr macht, der ich zugegebenermaßen wirklich gerne Podcasts höre, ist aber vielleicht die Breite an „hörbaren“ und hörenswerten Einreichungen, die es nicht so weit gebracht haben. Sie können trotzdem mit hoher Qualität punkten und erreichen zum Teil bereits eine enorme Hörerschaft:

  • Das gilt sicherlich für die „Lage der Nation“, ein wöchentlicher Politik-Podcast des Journalisten Philip Banse und des Juristen Ulf Buermeyer, die von Zeit zu Zeit allerdings auch einen handverlesenen Gast begrüßen dürfen. Inhaltlich geht es um – fast – alles, was die Nation in der zurückliegenden Woche politisch bewegt hat oder zumindest Banse und Buermeyer. Zwei Stunden dauert das häufig und was einem wirklich Hoffnung macht für das politische Diskursgeschehen: Die „Lage der Nation“ wird vielfach von vorne bis hinten gehört, obwohl das puristische Format – keine Jingles oder große Showelemente, einfach zwei „Talking Heads“ – wenig Ablenkung vom Talkgeschehen bietet. Manchmal geht „die Lage“ sogar auf Tour, das heißt dann „Lage Live“, und auch hier wird dann vor allem eins: geredet.
  • Wer sich für Seien interessierte, kommt eigentlich nicht an Ulrike Klode vorbei. Sie schreibt nicht nur die wöchentliche DWDL-Kolumne „Meine Woche in Serie“. Sie produziert auch den DWDL-Podcast „Seriendialoge“ – mittlerweile schon in der 6. Staffel – und gibt in der „Seriensprechstunde“ mit Marco Maas zudem persönliche Serientipps, etwa zur Frage: weitergucken oder nicht? Das sind so die Fragen, die den Binge Watcher von heute umtreiben. Daneben podcasten regelmäßig auch die Redaktionsmitglieder der „Serienjunkies“ oder auch der Journalist und Autor Jens Mayer. Er begleitet mit dem „Serienreif“ Podcast seit 2017 die deutsche Serienlandschaft – mittlerweile in Staffel drei – und trifft Autoren, Regisseure, Produzenten, Senderverantwortliche, Schauspieler und Medienschaffende zu ausführlichen Gesprächen. Deutlich wird: Hier ist eine eigene Landschaft der Medienkritik im Podcastbereich entstanden, die sich durchaus nicht vor dem Feuilleton der großen Zeitungshäuser verstecken muss – im fließenden Übergang zu Branchennews für Medieninteressierte.
  • In Deutschland sind mittlerweile einige wenige Podcast-Netzwerke entstanden. Neben hauseins.fm ist das vor allem Viertausendhertz. Hier entstehen immer wieder wunderbare Miniserien wie bspw. „Kramer”. Sie erzählt die zu Herzen gehende Geschichte von Kenny Kramer, der in den 90er Jahren irgendwie Teil einer der erfolgreichsten Fernsehproduktionen aller Zeiten wurde, dabei aber selbst nie darin zu sehen war. In den „Elementarfragen“ trifft Viertausendhertz-Mitgründer Nicolas Semak auf außergewöhnliche Persönlichkeiten mit eben solchen Biographien und stellt im Interview die – na? – Elementarfragen.
Katrin Rönicke beim RadioNetzwerkTag 2018 in ihrem Workshop: Selbst und ständig - Unternehmung Podcast

Katrin Rönicke beim RadioNetzwerkTag 2018 in ihrem Workshop: Selbst und ständig – Unternehmung Podcast. Foto: Stefan Schröer/ Grimme-Institut

Mein Highlight dürfte 2019 auch auf andere ausstrahlen: Podcasts werden zukünftig „mehr zu hören“ sein, einfach weil sich deren Auffindbarkeit enorm verbessern wird. Zack Reneau-Wedeen, Google Podcasts Product Manager, sagt dazu: „Our team’s mission is to help double the amount of podcast listening in the world over the next couple years“ (Quelle: Interview, 23.04.2018, pacific-content.com).
Und, haben Sie mitbekommen, dass Google ohne großes Getöse und von der Öffentlichkeit scheinbar weitgehend unbemerkt, eine eigene Podcast-App gelauncht hat?

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