Farewell Zoom, we meet in Köln! Bekanntgabe der Nominierungen zum #GOA22

Veröffentlicht von Rafael Greboggy am

Konferenzsaal Bekanntgabe Nominierungen
Konferenzsaal Bekanntgabe Nominierungen
Konferenzsaal Bekanntgabe Nominierungen. Bild: Rainer Keuenhof / Grimme-Institut

Die Koffer rollen heran, noch schnell ein Coronatest, weil die Bahn Verspätung hatte, aber die Sonne strahlt und die Nominierten für den Grimme Online Award 2022 auch. Und woher wissen wir das? Weil wir für die diesjährige Bekanntgabe der Nominierten aus dem Haus gehen mussten! Im Kölner Mediapark sind keine Pyjamahosen zu sehen, es wird sich schick gemacht für 27 ausgewählte Online-Projekte, vorgestellt von Medienjournalist Christoph Sterz und Vera Lisakowski vom Grimme-Institut. Eine Powerpoint-Präsentation gibt es trotzdem und Begleitung auf Social Media – ein bisschen digital muss sein – aber nach einem Witz auch ein Lachen zu hören, das man im Raum spüren kann, lässt einen wieder bewusst werden, wie wertvoll und unmittelbar so eine Resonanz in einem gefüllten Raum sein kann. Wir haben zwei Jahre lang darauf gewartet.

Podcasts und ein bisschen Klima
Christoph Sterz und Vera Lisakowski stellen die Projekte vor und führen durch den Nachmittag.

Christoph Sterz und Vera Lisakowski stellen die Nominierten vor. Bild: Rainer Keuenhof / Grimme-Institut

Und darauf, dass uns Nominierte sagen, wie sie selbst ihre Angebote sehen. So zum Beispiel zum Podcast “BREITSCHEIDPLATZ” vom SWR, der zwei Geschichten erzählt: Die Geschichte des islamistischen Anschlags 2016 in Berlin und die der Investigativjournalisten, die ihre Arbeitsweise transparent machen. Auf die Frage des Moderators, wieviel Polizeifehler es eigentlich in einer Ermittlung geben kann, antwortet Redakteur Jakob Baumer vom SWR: „Ich bin ganz froh, dass ich nicht mitgezählt habe. Wir zeigen aber auch viele positive Aspekte. Ermittler und Journalisten, die sich mit Herz eingebracht haben“.

Er ergänzt, ihr Podcast begegne dem Vertrauensverlust in den Journalismus damit seine Arbeitsweise zu zeigen: klare Regeln, kein Nachplappern dessen, was Behörden sagen und in diesem Fall sogar mehr herausfinden als Geheimdienste.

Jakob Baumer (SWR) arbeitete in der Redaktion, Regie und Dramaturgie des Podcasts "BREITSCHEIDPLATZ".
Jakob Baumer (SWR) arbeitete in Redaktion, Regie und Dramaturgie des Podcast “BREITSCHEIDPLATZ”. Bild: Rainer Keuenhof / Grimme-Institut

Von den sieben in der Kategorie Information nominierten Projekten sind vier Podcasts. Die Nominierungskommission stellt fest, dass gerade im Audiobereich „oft starke (investigative) Rechercheleistungen zu relevanten gesellschaftlichen Themen“ überzeugen konnten. Weitere Beispiele sind die Podcasts „Cui bono – WTF happened to Ken Jebsen“, der die Karriere des bekannten Radiomoderators hinein in die Blase der Verschwörungsgläubigen verfolgt oder „Slahi – 14 Jahre Guantánamo“ über den unter Terrorismusverdacht festgehaltenen Mohamedou Slahi, der im Podcast unter anderem mit seinem ehemaligen Folterer spricht.

Auch der Klimawandel war unter den eingereichten Vorschlägen ein vorherrschendes Thema. Zwei solcher Angebote wurden nominiert. Das lange Gedächtnis der Natur angesichts von DDR-Umweltsünden zeigt „Umwelt in Ostdeutschland“ vom MDR, mit dem man sich vom Himmel hinab zu den Wäldern und sogar in den Boden scrollen kann. „Wir schalten ab, sie heizen hoch“ von ZEIT Online, zeigt auf einer interaktiven Karte den globalen Ausbau von Kohlekraft.

Viel Vergangenheit, wenig für Kids

Die Kategorie Wissen und Bildung strich mit 10 ausgewählten Angeboten die meisten Nominierungen ein. Themen um Vergangenheitsaufarbeitung und Geschichte waren bei der Nominierungskommission besonders beliebt, etwa die Multimediareportage “Landshut77” der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland über die Entführung des Lufthansa-Flugzeugs “Landshut” im Jahre 1977, der Instagramkanal @IchbinnichtSophieScholl oder der Tiktok-Kanal @heeyleonie von Leonie Schöler.

„Die Freude an Geschichte ist mir in der Schule stark genommen worden“, sagt Schöler. Sie sehe ein großes Interesse junger Menschen an Geschichte, aber auch Zweifel daran, warum Geschichte in ihrem Leben relevant ist.  Mit “Scobel” ist dieses Jahr nur ein YouTube-Kanal nominiert, und auch ein Serious-Game hat es geschafft: “Cyber Crime Time – The Game”, bei dem Spieler*innen mit Hackermethoden das Geheimrezept des Trendgetränkes Slurp stehlen und so lernen, sich vor Hackern zu schützen.

Der Nominierungskommission bereitet indes ein Mangel an qualitativ hochwertigen Online-Angeboten für Kinder Sorge. Ein solches Format hat es aber auf die Nominiertenliste geschafft: Der Podcast „Abgespaced – Der Weltraum von A bis Z“ von studiodrei und der Stiftung Planetarium Berlin. „So wie man es für einen Sechsjährigen erzählt, ist es für einen Erwachsenen auch spannend“, sagt Redakteurin Anna Bilger bei der Bekanntgabe. „Man darf ja auch die ganz blöden Fragen stellen, auch die, die man sich als gut gebildeter Erwachsener nicht trauen würde.“

Herausfordernde Themen im Vordergrund
Anna Bilger (studiodrei) stellt den Podcast “Abgespaced – Der Weltraum von A bis Z” vor. Bild: Rainer Keuenhof / Grimme-Institut

Die Kategorie Kultur und Unterhaltung wirkt auf den ersten Blick weder wie Kultur, noch wie Unterhaltung. „Ich dachte, ich muss schnell sterben. Jetzt zieht es sich noch. Es ist einfach ein recht beschissener Tod. Und er ist sehr langsam”, erklärt Claudia Schreiber, die an Alzheimer erkrankte Protagonistin des Podcasts “Aitutaki Blues”, „Ich habe immer publiziert. Deshalb war es für mich auch selbstverständlich darüber zu sprechen. Manche finden das indiskret, aber ich finde, das ist mein Leben. Warum soll ich mich dafür schämen?“ Für ihren offenen Umgang mit Alzheimer bekommt sie Szenenapplaus.

Visuell und interaktiv ist das Projekt „Im Dunkeln – ein Leuchten“ der Staatsgalerie Stuttgart. User erkunden mit ihrem Cursor in Form einer virtuellen Taschenlampe Bilder des Künstlers Fred Uhlmann, die er in Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zeichnete.

In der Multimedia-Reportage “Kandvala” von Sitara Thalia Ambrosio und Iván Furlan Cano erlebt man den Alltag der Geflüchteten, die in einer Bauruine an der EU-Außengrenze in Bosnien Schutz gesucht haben. Ihre persönlichen Lebensgeschichten stehen im Vordergrund. Cano erzählt: „Wir haben lange nicht die Kamera herausgeholt. Ich wollte wissen, wie es diesen Menschen geht. Die beschissenen Zustände, aber auch was sie an einem normalen Tag machen. Mal wegzukommen von einer schnellen Nachrichtenberichterstattung.“

Ohne ein großes Medienhaus im Rücken war das Projekt eine finanzielle Herausforderung. Andere freie Journalist*innen sind in die Bresche gesprungen, etwa Michael Trammer, der in seiner Freizeit das finale Editing machte. „Am Ende hat es nur funktioniert, weil wir als Freie im Kollektiv gearbeitet haben.“, sagt Ambrosio.

Ökodetektive und andere Wahrheitsliebende

Als letztes werden die drei Nominierten der Kategorie Spezial vorgestellt. So haben es Unternehmen, die echten Wandel mit Greenwashing bremsen, es unter der Aufsicht von Flip schwerer. Das journalistische Start-up nimmt als nachhaltig vermarktete Produkte unter die Lupe. Und wo es noch keine Lösungen gibt? Da müssen kurzerhand eigene Lösungen her, selbst wenn sie größenwahnsinnig sind, erzählt Co-Gründer Felix Rohrbeck bei der Bekanntgabe mit einem Augenzwinkern.

Correctiv.Lokal bietet ein Netzwerk und Datenrecherchen für den Lokaljournalismus, um trotz finanzieller Probleme guten Investigativjournalismus bieten zu können. Es ist eine von zwei Nominierungen für das Team von Correctiv, das für „Das unsichtbare Kind“, der Aufarbeitung eines Missbrauchsfalls durch einen Pfarrer, auch in der Kategorie Information nominiert ist. Als dritter Nominierter in der Kategorie Spezial und letzter der 27 wurde das Katapult Magazin für seine Ukraine-Berichterstattung und die Unterstützung ukrainischer Journalisten ausgewählt.

Ein entspannter Ausklang
Die Nominierten tauschen sich nach der Veranstaltung bei einem Get-Together aus. Bild: Rainer Keuenhof / Grimme-Institut

„Falls Sie wie ich alle Kekse auf dem Tisch aufgegessen haben – wir sind am Ende.“, beschließt Christoph Sterz den offiziellen Teil der Veranstaltung. Weiter geht es mit Snacks, Getränken und vor allem Gesprächen an den vor dem Saal aufgebauten Stehtischen. Das Networking funktioniert: Keine fünf Minuten später ist die erste Podcast-Einladung von Projekt zu Projekt ausgesprochen. Die Bekanntgabe der Nominierungen war nur ein Vorgeschmack; ein Rundumschlag durch 27 Projekte, die durch ihre Qualität und ihre gesellschaftliche Relevanz mehr Aufmerksamkeit verdienen, als ihnen an einem Nachmittag geschenkt werden kann.

Aber jetzt kennen wir sie, die Nominierten. Für den deep dive in die einzelnen Projekte bleibt ja noch Zeit bis zum 23.06., dann findet die Preisverleihung in der Kölner Flora statt. In den nächsten Wochen werden wir noch das eine oder andere von den Projekten hören, zum Beispiel in den Interviews mit den Nominierten, die wir demnächst hier veröffentlichen. Wer bereits seine Favoriten gefunden hat, kann auch schon für den Publikumspreis abstimmen, der neben den bis zu acht von der Jury ausgezeichneten Projekten verliehen wird!



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