Wenn Datenjournalismus systemrelevant wird

Veröffentlicht von Theresa Templin am

Screenshot "Das Coronavirus in Grafiken, Karten und Illustrationen"
Screenshot "Das Coronavirus in Grafiken, Karten und Illustrationen"
Screenshot “Das Coronavirus in Grafiken, Karten und Illustrationen”

Als sich 2020 das Coronavirus in Deutschland verbreitet, ist vieles unklar. Wie ansteckend und gefährlich ist das Virus? Wie schützt man sich? Und wie viele Menschen sind überhaupt infiziert? Fragen, mit denen sich das ZEIT ONLINE Angebot “Das Coronavirus in Grafiken, Karten und Illustrationen” auseinandersetzt. Von Anfang an zeichnet es die Verbreitung des Virus nach, bietet Orientierung über neue Regelungen, ordnet wissenschaftliche Erkenntnisse ein, stellt visuelle Gedächtnisstützen zur Einhaltung des Mindestabstandes bereit und verspricht regionale Aktualität. Was das für eine Redaktion bedeutet, mit welchen datenjournalistischen Methoden gearbeitet wird und ob Leserpartizipation in diesem Kontext eine Rolle spielt, darüber spricht Julius Tröger im Interview.

“Das Coronavirus in Grafiken, Karten und Illustrationen” ist für den Grimme Online Award 2021 in der Kategorie Information nominiert.

Screenshot "Das Coronavirus in Grafiken, Karten und Illustrationen"
Screenshot “Das Coronavirus in Grafiken, Karten und Illustrationen”

Das RKI, die John-Hopkins-University und etliche Landkreise liefern seit Beginn der Pandemie zuverlässige Zahlen. Warum brauchte es trotzdem ein Dashboard von ZEIT ONLINE?  

Als wir unser Dashboard am 26.02.2020 online gestellt haben, gab es noch keine Zahlen vom RKI und das Dashboard der John-Hopkins-University hatte nur Zahlen für Deutschland insgesamt. Wir wollten aber zumindest Zahlen auf Bundesländerebene – am liebsten noch detaillierter, um regionale Ausbruchsgeschehen abbilden zu können. Deswegen haben wir selbst recherchiert; haben mehrfach am Tag das RKI angerufen, in der lokalen Presse nachgelesen und DPA-Meldungen gescreent. Als das RKI später begann zweimal täglich die Zahlen der Bundesländer zu veröffentlichen, ist uns früh aufgefallen, dass es einen Meldeverzug gibt, weil die Zahlen der Bundesländer, die ebenfalls Zahlen rausgaben, zum Teil deutlich höher waren. Wir wollten uns auf die aktuellen Zahlen konzentrieren und haben deshalb die Zahlen aus den Bundesländern selbst eingesammelt. Das war manuelle Arbeit, weil wir 16 Websites jeden Tag mehrfach screenen mussten. Irgendwann wollten wir nicht nur die Bundesländer zeigen, sondern auch die Zahlen auf Kreisebene – es gibt in Deutschland 401 Stadt- und Landkreise. Wir haben uns mit René Engmann, einem freien Journalisten, zusammengetan, der zu diesem Zeitpunkt ebenfalls mit der Recherche begonnen hatte. Wir haben früh eine Karte veröffentlicht, auf der man regional die ersten 1000-2000 Fälle und deren Verbreitung sehen konnte. So detailliert und aktuell wie möglich wollten wir weitermachen und das ist der Grund, warum wir bis heute unsere eigenen Zahlen sammeln. 

Wie viel Datenjournalismus und wie viel “klassischer Journalismus” steckt im Angebot “Coronavirus in Grafiken, Karten und Illustrationen”? 

Ich würde Datenjournalismus und „klassischen“ Journalismus gar nicht so genau trennen. Im datenjournalistischen Bereich nutzen wir Datenbanken und Analyse-Softwares, die aktuelle Zahlen ziehen und auswerten. Das wird im „klassischen“ Journalismus nicht eingesetzt. Die „klassische“ Komponente ist der Anspruch aktuell zu informieren, Zahlen einzuordnen und zu erklären.

Wie wird Usability und Verständlichkeit geprüft?

Wir haben eine Software, mit kleinen Bots, die sich melden, wenn es z.B. neue Daten aus den Bundesländern oder dem DIVI-Intensivregister gibt. Diese Daten überprüfen wir immer auch manuell, um Fehler beim automatischen Auslesen zu erkennen. Wenn da nämlich eine falsche Spalte ausgelesen wird und die Todesfälle mit den bestätigen Fällen verwechselt werden, ist das verheerend.

Screenshot "Das Coronavirus in Grafiken, Karten und Illustrationen"
Screenshot “Das Coronavirus in Grafiken, Karten und Illustrationen”

Welche Rolle spielt Leserpartizipation im Datenjournalismus?

Wir haben bei ZEIT ONLINE eine große und sehr aktive Community, die unsere Arbeit mit Lob und Kritik begleitet. Wir fragen unsere Community vor der Veröffentlichung, was sie von Änderungen in einem Artikel hält. Wir haben auch mit Leserinnen und Lesern, die wir vorher gar nicht kannten, per Mail Kontakt. Denen schicken wir neue Designs, Layouts und Analysen vorab und fragen nach Eindrücken und Meinungen. Aber auch in den Kommentaren unter unserem Hauptartikel werden Features zur Notbremse oder zur Verbreitung von Virusvarianten eingefordert. Sowas schauen wir uns an und setzen es entsprechend um. Wir hatten natürlich auch Fehler auf der Seite: ein falscher Wert, ein Zahlendreher… und auch da ist die Community eine große Hilfe für uns.  

Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen zwei Redaktionen und wie koordiniert man die Arbeit mit solchen komplizierten und komplexen Themen – noch dazu im Homeoffice?

Das funktioniert erschreckend gut und liegt daran, dass wir im Datenjournalismus und der Wissensredaktion häufig schon technischer unterwegs sind. Bei uns sind Tools, wie GitHub, in dem man gemeinsam einen Code teilt, normal. Wir nutzen mit der Wissensredaktion für gemeinsame Projekte Trello, damit wir uns koordinieren können. Zur Gestaltung unserer Artikel nutzen wir die Software Figma. Diese Arbeitsweise haben wir schon vor der Pandemie eingeführt und weil wir auch schon viel mit der Wissensredaktion gearbeitet haben, funktioniert das im Homeoffice perfekt. Manchmal sogar besser als in der Redaktion. Denn im Homeoffice können 10-15 Leute am eigenen Rechner gemeinsam und gleichzeitig überlegen, wie etwas designd oder analysiert werden soll. In einer Redaktion könnte man nicht zehn Leute um einen Bildschirm versammeln.

R-Wert, Impfquote und DIVI-Intensivregister, aber auch Vielsprachigkeit und ein Kinder-Lexikon. Auf der Seite findet sich ein breites Angebot. Mit der Zielgruppe gewachsen oder perspektivisch aus dem eigenen Anspruch erwachsen?

Wir sind auf jeden Fall mit der Zielgruppe gewachsen. Am Anfang war so viel unklar. Wir können uns kaum mehr dran erinnern, dass über das richtige Händewaschen gesprochen wurde. Ich weiß, dass ich meinen Kindern beigebracht habe zweimal Happy Birthday zu singen, während sie die Hände waschen. Wir hatten am Anfang die zehn wichtigsten Regeln: 1. Abstand halten, 2. Masken tragen, 3… – etwas das heute für uns normal ist, aber damals oft explizit gesagt werden musste. Zu dieser Zeit haben wir viele Anfragen von Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern bekommen, die gefragt haben, ob sie unsere Illustrationen ausdrucken und aushängen dürfen. Daraufhin haben wir unsere Illustrationen mit entsprechendem Text als PDF-Format angeboten. Das war verrückt für uns. Wir nutzen seit Jahren modernste Web-Technologien, um neue Darstellungsformen im Web zu finden und am Schluss bieten wir Dinge zum Ausdrucken an. Aber das war eine Möglichkeit unsere Darstellungsform an die Bedürfnisse anzupassen. Weiter gesponnen waren es Informationen auf verschiedenen Sprachen. Besonders stolz bin ich auch auf unseren interaktiven Aerosol-Rechner. Die Visualisierung macht komplexe wissenschaftliche Modelle zugänglich und unsere Leserinnen und Leser können damit die individuellen Risiken einer Ansteckung in ihrer eigenen Umgebung berechnen, ob im Büro, im Klassenzimmer oder im Restaurant.

Was war/ist die größte Herausforderung des Angebots? 

Auf jeden Fall unsere Arbeitsweise. Einen 24h-Live-Betrieb, mit mittlerweile fünf Live-Angeboten technisch und inhaltlich zu pflegen, aber auch weiterzuentwickeln und anzupassen, ist herausfordernd. Wenn Neuerungen wie zum Beispiel die 7-Tage-Inzidenz als Kennzahl oder die Regelung der Notbremse kommen, müssen wir unser ganzes Angebot umbauen. Das passiert die ganze Zeit, aber wir können das nicht lange planen, sondern müssen tagesaktuell online sein. Bei ZEIT ONLINE gab es mal einen Spruch, der unsere Arbeitsweise ganz gut erklärt: „Es ist wie ein Flugzeug, das schon fliegt, während man es gerade erst zusammenbaut.“ Vorher haben wir unsere Geschichten recherchiert und veröffentlicht, aber hier hört die Arbeit nicht auf.

Wenn die Pandemie (hoffentlich irgendwann) vorbei ist, ist das Projekt dann auch zu Ende?

Ich glaube, 2020 ist das Jahr, in dem Datenjournalismus systemrelevant wurde. Noch nie haben so viele Menschen auf Zahlen geschaut. Es kann sein, dass diese Form des Journalismus jetzt immer mehr nachgefragt wird, es mehr datengetriebene Recherchen und Darstellungen gibt. Es kann aber auch sein, dass nach dieser Pandemie niemand mehr auf Zahlen gucken will. Ich weiß nicht, was passiert, aber bei uns geht es weiter. Die Pandemie wird uns auf jeden Fall noch länger begleiten, vielleicht aber mit anderen Grafiken.

Screenshot Julius Tröger
Screenshot Zoominterview mit Julius Tröger

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