Wie passen TikTok und Geschichte zusammen?

Veröffentlicht von Interviews Nominierte 2022 am

Screenshot "@heeyleonie"
Screenshot "@heeyleonie"
Screenshot “@heeyleonie”

Fashion, Memes und Tiervideos – das kennt man in Social Media. Aber kann man Plattformen wie TikTok auch für Wissen und Bildung nutzen? Leonie Schöler macht es mit ihrem TikTok-Kanal @heeyleonie vor. Sie erstellt kurze, spannende und lehrreiche Videos über viele verschiedene, teils vergessene oder als weniger wichtig angesehene historische Themen. Auf ihrem Kanal kann man viel über Frauen, People of Color oder die LGBTQ+-Community in der Vergangenheit und Gegenwart lernen. Ganz nach dem Motto: Die Gegenwart zu begreifen heißt, die Vergangenheit zu kennen und aus ihr zu lernen.

Der TikTok-Kanal „heeyleonie“ ist für den Grimme Online Award 2022 in der Kategorie “Wissen und Bildung” nominiert. Im Interview berichtet die Journalistin und Moderatorin Leonie Schöler vom Entstehen des Kanals, der Produktion der Videos, ihren Zielen und vielem mehr.

Du bist als Journalistin und Historikerin auf TikTok präsent. Wie kamst du auf die Idee, diese Plattform zu nutzen?

Ich habe über die Jahre, vor allem während meines Studiums, immer mal wieder auf Social Media Inhalte gemacht, aber eher hobbymäßig. Als 2020 die Corona-Pandemie wütete, habe ich mir TikTok runtergeladen. Wie viele andere auch wollte ich mir die Langeweile vertreiben und mir die App einmal angucken. Natürlich war auch viel Quatsch dabei, aber ich habe auch gemerkt, dass der Algorithmus mir immer mehr Bildungsinhalte in die Timeline gespielt hat. Vor allem aus dem englischsprachigen Raum, auch Geschichte oder Politik, soziale Diskussionen und gesellschaftspolitische Inhalte. Das hat mich fasziniert, weil ich das Gefühl gehabt habe, dass ich da in ganz kurzer Zeit neue Perspektiven und Ideen und auch interessante Fakten gelernt habe. Ich dachte: „Wie kann man es schaffen, dass man in einer Minute etwas davon behält?“ Ich habe vor allem gemerkt, dass das im deutschsprachigen Raum im Bereich Geschichte noch gar nicht vorhanden war – oder zumindest habe ich es nicht gefunden. Ich habe nur viel Politik gefunden, aber kaum Geschichte.

Screenshot @heeyleonie auf TikTok.
Screenshot @heeyleonie auf TikTok.

Ich selbst bin Historikerin und habe auch in den letzten Jahren journalistisch immer mehr Geschichte gemacht und dachte: „Ach komm, ich probiere es einfach mal.“ Ich habe einfach die ersten Sachen hochgeladen und dann ein bisschen rumprobiert. In kürzester Zeit sind dann auch einige meiner Beiträge richtig viral gegangen. Ich habe gemerkt: Ich kann in einer Minute viele Menschen erreichen und kann in diesen Strom an Leuten, zwischen crazy Memes und Hundevideos, mal was Sinnvolles in die Timeline reinspülen. Das Witzige ist, dass die Leute nicht selbst auf die Inhalte klicken, sondern die werden ihnen vorgespielt, und dann müssen die Leute entscheiden, ob sie das interessant finden. Natürlich ist das auch schwierig, weil vielleicht sehr gute Inhalte teilweise nicht gepostet werden können. Einfach weil man merkt, das lässt sich nicht so aufbereiten, dass da Leute dranbleiben. Dann ist das nicht der richtige Inhalt für TikTok. So hat halt jede Plattform ihre Stärken und Schwächen. TikToks Stärke ist, dass man in kurzer Zeit viele Menschen erreichen und sich eine Plattform aufbauen kann. Mittlerweile kannst du auf Instagram auch schnell Reichweite aufbauen, aber das war damals nicht möglich. Und Geschichte gab es mit dem Wissen to go sowieso schon, auf eine sehr klassische frontale Art und Weise. Ich wollte es daher ein bisschen anders machen.

Du sprichst auf TikTok in jeweils knapp einer Minute beispielsweise historische und aktuelle politische, feministische und queere Themen an. Gibt es Themen, von denen du denkst, dass sie sich nur schwer oder gar nicht in einem so kurzen Beitrag umsetzen lassen?

Jein, ich kann Themen niemals in ihrer Komplexität erfassen, aber das ist gerade in den sozialen Netzwerken eigentlich nie möglich. Selbst bei Instagram oder YouTube gibt es da noch tausend Sachen, die man nicht behandeln kann. Ich habe für eine Fernsehkonferenz des ZDF eine mehrteilige Webvideo-Reihe gemacht und auch da gab es viele Sachen, die ich rauslassen musste, weil sie nicht in die acht bis zwölf Minuten reinpassten. In einer Minute ist das noch viel extremer. Das gibt auch neue Möglichkeiten, wenn man sich dann auf bestimmte Aspekte besonders gut fokussieren kann. Man sagt dann nicht mehr, dass man das große Ganze angreift, sondern ich gucke mir einzelne Aspekte an und greife einen neuen Fakt dann viel detaillierter auf, als es in den anderen Berichten oder Themenbeiträgen der Fall wäre, weil es da vielleicht nur eine Randnotiz ist. Oder ich mache eine mehrteilige Reihe. Ich habe viele Reihen, wo ich mir zu einem Thema verschiedene Aspekte angucke. Ich behandele viele gesellschaftspolitische Themen von Menschen, die sonst nicht gehört werden in der Geschichte. Frauen und queere Menschen, das bin ich beides selbst. Aber natürlich auch von Rassismus getroffene Menschen, People of Color. Da muss ich immer sehr aufpassen, denn das behandele ich nicht aus einer Betroffenen-Perspektive, sondern muss aus einer historischen Perspektive berichten; und da ist es manchmal schwierig, den richtigen Grad zu finden. Wo kann ich auf Menschen, Informationen und Fakten verweisen, die gut argumentieren, damit diese vielleicht auch die Denkweise, die sie selbst besitzen, reflektieren? Wie kann ich die Plattform richtig aufziehen? Wie kann ich es machen, dass Themen nicht sterben, sondern vielleicht auf eine neue Art und Weise Leben eingehaucht bekommen? Denn für das Internet muss alles sehr kurz und knapp auf einen Punkt gebracht werden.

Wie suchst du die Themen für deinen Content aus?

Screenshot "@heeyleonie"
Screenshot “@heeyleonie”

Ich habe verschiedene Inspirationsquellen. Einmal Themen, zu denen ich schon länger recherchiere und zu denen ich besonders gut informiert bin. Beispielsweise, zu denen ich fürs Studium gearbeitet habe, zu denen ich journalistisch gearbeitet habe und zu denen ich sowieso schon viel Wissen mitbringe. Dann Themen, die ich selbst gelesen habe und spannend fand und von denen ich glaube, das würde auf TikTok gut funktionieren. Aber auch Themen, die aktuell in der Diskussion sind und zu denen ich versuche, historische Perspektiven aufzugreifen. Häufig bereite ich aktuelle Debatten aus einer historischen Perspektive auf oder liefere einfach Hintergrundinformationen dazu. Es gibt auch viele Zusendungen von Zuschauern. Da sind gute Vorschläge dabei. Die Leute freuen sich auch darüber, wenn das Thema, das sie sich unbedingt wünschen, aufgearbeitet wird. Es kann auch sein, dass ich ein Thema bearbeite und mir auffällt, was es alles dazu gibt, und daraus entsteht noch viel mehr. Das ist, was ich vorhin meinte: Bei einem Thema hört es selten auf. Sobald ich einen Aspekt bearbeite, merke ich schnell: Da gibt es noch einen ganzen Rattenschwanz an weiteren Themen, die ich gerne bearbeiten würde. So entsteht eine Cloud an Inspirationsquellen.

Hat dich deine Arbeit für das Talk-Format „Auf Klo“ oder beim Y-Kollektiv gepusht, selbst vor die Kamera zu treten und Wissen über verschiedene Themen zu vermitteln? Wenn ja, inwiefern?

Ich habe schon länger Lust gehabt, selbst vor der Kamera zu stehen, weil ich häufig Beiträge gemacht habe, übrigens auch für „Auf Klo“. Ich habe da aber nie selbst moderiert, nur Skripte für andere geschrieben. Während des Studiums habe ich Veranstaltungen und verschiedene Formate im Studi TV moderiert. Ich war immer gerne vor Publikum. Beim Y-Kollektiv ist es so, dass man selbst seine Recherchen vorträgt und es war dann sehr mühsam, in die andere Sparte reinzukommen, wenn man erst in der einen drin ist. Das kann man gut oder schlecht finden. Ich finde es eher schlecht, auch wenn es mir jetzt geholfen hat, dass man häufig mittlerweile ähnliche Jobs bekommt, weil man schon eine Reichweite hat. Das bedeutet, wenn man als Redakteur*in irgendwo anfängt und sagt: „Hey, ich möchte das gerne selbst moderieren“, geht das trotzdem über Influencer*innen, die schon bekannt sind, und so ist das jetzt auch. Seitdem ich TikTok habe, bekomme ich sehr viele Moderationsanfragen und sehr viele Angebote für verschiedene Formate. Es ist auf der einen Seite sehr cool, dass TikTok mir das ermöglicht hat. Das, was ich schon lange wollte, zu Themen die ich selbst recherchiert habe, selbstgeschriebenen Skripten oder Themen, die mich besonders interessieren, selbst vor der Kamera zu stehen, ist mir jetzt möglich. Viele wollen gar nicht vor die Kamera, aber ich hatte dieses Bedürfnis und ich habe mir die Möglichkeit mit TikTok quasi selbst eröffnet.

Wie lange brauchst du für die Erstellung eines Beitrags, inklusive Recherche, Filmen und Bearbeiten? Wer hilft dir bei der Produktion?

@heeyleonie
Leonie Schöler (@heeyleonie). Foto: Rainer Keuenhof / Grimme-Institut

Ich mache tatsächlich alles allein. Das bedeutet auf der einen Seite super viel Arbeit, aber es bedeutet auch, dass ich die Kontrolle über den ganzen Prozess habe und ich mich ausprobieren kann. Dadurch habe ich super viel gelernt. Ich glaube, der längste Prozess ist tatsächlich das Schreiben und das Recherchieren und das Skripten. Ich glaube, für ein Video brauche ich im Schnitt drei bis vier Stunden. Das habe ich sogar wieder reduziert, weil ich gerade wieder angefangen habe, das meiste auf TikTok zu filmen, oder mit dem Handy. Ich hatte vorher ein professionelles Set-Up, mit HD-Kamera, Greenscreen, Clip on Mikro und habe mir damit nur eine Hürde geschaffen. Es war alles viel professioneller und ich musste erstmal alles aufbauen, da ich die Videos in meiner Wohnung drehe; das hat schon einige Stunden gekostet. Ich hatte das Gefühl, dass es zu professionell gewirkt hat. Ich habe einfach gemerkt, dass es mir mehr Spaß macht, in der App zu filmen, auch wenn sie ihre Probleme und Hürden hat. Die kenne ich schon, deswegen kann ich drum herum navigieren. Es gibt Videos, die kann ich einfach aus dem Handgelenk schütteln, weil ich die Themen und die Argumente kenne. Da brauche ich vielleicht zwischen 20 Minuten und einer Stunde. Je nachdem, wie komplex das Thema ist und ob ich doch ein bis zwei Sachen recherchieren muss. Aber es gibt auch Themen, da muss ich mich stundenlang einlesen. Da lese ich Fachbeiträge und muss mir die Fakten richtig zusammen klauben. Natürlich muss ich erstmal rausfinden, wie vertrauenswürdig die Quellen sind; das ist schwieriger. Da brauche ich dann bestimmt drei bis vier Stunden, inklusive Schreiben und Filmen. Einen Beitrag am Smartphone zu filmen dauert länger, denn da muss es der finale Take sein, den ich dann aufzeichne. Ich denke also mal, so 20 Minuten zum Filmen und Schneiden. Das geht am Smartphone deutlich schneller, da brauche ich teilweise nur 10 bis 20 Minuten. Aber am Rechner habe ich da schon eine Stunde für die Erstellung eines Beitrags gebraucht. Es war harte Arbeit. Im Internet sind Geschichtserzählungen oft sehr klassisch. Klassisch bedeutet meist weiß und männlich, und da ist kein Platz für andere Perspektiven und kein Platz für andere, großartige Geschichten, aber natürlich auch traurige Geschichten. Diese werden häufig nicht erzählt, weil diese Geschichten nie an die Öffentlichkeit kommen und sie somit die wenigsten kennen. Auch als Historikerin kenne ich eher die klassischen Narrative als die von Frauen oder von queeren Menschen oder von People of Color. Das ist dieser Teufelskreis, den ich versuche zu durchbrechen und deswegen mache ich das, was ich mache. Aber damit habe ich mir auf jeden Fall vor allem einen Klotz ans Bein gebunden, weil das natürlich bedeutet hat, dass ich vor oder nach der klassischen Arbeit dann auch noch für TikTok-Skripte recherchiere. Ich mache nichts, wo ich einfach mal so lustig drauflosrede, sondern das muss ich auch wirklich recherchieren.

Du hast dir eine beachtliche Community aufgebaut. Auf TikTok hast du um die 150.000 Follower und mehr als 6 Millionen Likes. Was weißt du über dein Publikum?

Ich weiß, dass mein Publikum vor allem weiblich ist und dass es sehr an gesellschaftspolitischen Themen interessiert ist. Vor allem an feministischen Themen, an queeren Themen und an antirassistischer Arbeit, sowohl an sich selbst als auch gesellschaftlich. Sie haben Lust zu diskutieren, aber auf eine Art und Weise, welche konstruktiv ist und die andere Menschen nicht vorverurteilt, aber auch nicht garstig ist. Das Gegenteil kommt häufig eher von draußen. Beispielsweise wenn Videos meine Bubble verlassen – was man auf der einen Seite immer möchte, weil man dann neue Leute gewinnen kann. Auf der anderen Seite merke ich, dass dann der Ton in den Kommentaren rauer wird. Die Menschen trollen viel und beleidigen und schreiben: „Such dir andere Hobbys.“ – „Halt den Mund!“ oder „Interessiert mich nicht. Was interessiert mich die Vergangenheit?“. Da merke ich, dass meine Community, je größer sie geworden ist, umso stärker dagegenhält und ich da teilweise gar kein Community Management mehr machen muss. Auch bei Hassrede. Natürlich wird das rausgefiltert oder ich lösche es. Blöde Kommentare oder unsachliche Kritik kann ich häufig stehen lassen; bevor ich dazu was schreiben konnte, hat meine Community schon reagiert. Ich kann nicht 24/7 auf TikTok gucken, was mir geschrieben wurde. Meine Community diskutiert da und hält dagegen, auch mit guten Argumenten. Richtig freut mich, wenn ich dann sehe, dass meine Community mich verlinkt, wenn andere TikToker*innen Videos hochgeladen haben, in denen Sachen nicht korrekt dargestellt werden, beispielsweise aus einer antifeministischen Haltung. Dann schreiben Leute aus meiner Community: „Hey, guck dir doch mal diesen Beitrag an. Dazu hat Leonie ein Thema gemacht und das könnte dir helfen, das mal anders zu sehen.“ Das ist ein Punkt, der mich stolz macht und dann lohnt es sich auch. Es wurden schon Videos von mir verlinkt, die ich vor einem Jahr gemacht habe. Zu wissen, dass TikTok-Videos normalerweise nach kurzer Zeit in Vergessenheit geraten, aber meine Themen nicht vergessen werden und dass die Community wirklich was lernt, macht all die Arbeit wert. Das Feedback: „Bei dir habe ich schon viel gelernt“, bekomme ich häufig und das freut mich richtig.

Screenshot "@heeyleonie"
Screenshot “@heeyleonie”

Du thematisierst oft kontroverse Themen und erhältst dafür auch Kritik von anderen User*innen. Was denkst du darüber und wie gehst du mit negativem Feedback um?

Ich finde Kritik grundsätzlich gut. Jede und jeder kann sagen, was sie oder er denkt. Ich glaube, dass viele, aber gerade Männer davon ausgehen, dass ihre Meinung sehr viele Menschen grundlegend interessiert. Auch verstehen viele nicht, dass das nicht der Fall ist. Was ich da teilweise für Nachrichten bekomme! Gar nicht unbedingt in den TikTok-Kommentaren, sondern auch lange Mails, in denen Männer mir erzählen, dass es Männern auch schlecht geht in der Gesellschaft. Ich habe nie etwas anderes behauptet. Ich weiß, dass es sehr vielen Männern in der Gesellschaft schlecht geht. Aber sie glauben, dass sie mir jetzt die Augen öffnen können. Beispielsweise, wenn ich gerade etwas poste, was einen Mann triggert, weil er ein Thema interessant fand. Sagen wir, er ist schwul und interessiert daran, was Schwule in der Vergangenheit gemacht haben. Dann erzähle ich etwas über starke Frauen und das findet er dann nicht mehr toll und schreibt mir eine lange Nachricht. Er würde mir jetzt entfolgen, weil er das nicht spannend fände. Ich glaube, dass viele unterschätzen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Wissen, Information und Fakten einerseits und einer persönlichen Meinung andererseits. Man kann sagen: „Das interessiert mich nicht und das möchte ich nicht wissen“ oder „Das finde ich nicht spannend“ – das ist legitim. Das muss ich nicht genauso sehen, aber das kann eine Person für sich selbst entscheiden. Das bedeutet nicht grundsätzlich, dass es für alle uninteressant sein muss. Das sehen viele nicht und dann gibt es einen ganz krassen Unterschied zwischen Diskutieren, Dinge anders sehen, Dinge zur Debatte stellen wollen oder Beleidigen. Ich sehe, dass es sehr selten eine sachliche und konstruktive Debatte gibt, bei der das Ergebnis offen ist. In der die Leute sagen: „Ich habe das Gefühl, es ist so und so, und im Video scheint es anders zu sein, warum?“ Oder: „Das habe ich nicht so verstanden.“ oder „Kann man es nicht auch so sehen?“. Das finde ich zum Beispiel absolut legitim und auch wertvoll, denn auch ich wachse und lerne ja noch und weiß nicht alles. Was ich schwierig finde, sind Hassrede oder Beleidigungen, die an die Person gehen. Das hat für mich nichts mehr mit Kritik zu tun, sondern das ist Mobbing oder Trollen. Ich bekomme häufig Kommentare wie „Halt den Mund“ und sehr häufig wird das auch auf mein Frausein reduziert. Beispielsweise mit Kommentaren, wie „Kleines Mädchen, geh erstmal arbeiten, bevor du irgendwas laberst“ oder „Meine Eltern haben Deutschland aufgebaut, was willst du mir jetzt erzählen?“ Ich werde sehr häufig als kleines Mädchen dargestellt. Vor allem von älteren Personen, häufig Männern, aber nicht ausschließlich. Die kommen nicht mit den Perspektiven klar, die ich aufmache. Es muss nicht unbedingt böse gemeint sein von denen; die verstehen nicht, warum man die Nachkriegszeit auch kritisch betrachten muss. Denn am Aufbau von Deutschland war nicht immer alles so toll, wie man sich das vielleicht gerne einreden will. Da ist eine intersektionale Perspektive wichtig. Ich glaube, da verschwimmen dann häufig Unverständnis und die eigene Meinung und daraus wird häufig ein komischer Mix aus unsachlichen Kommentaren.

Gibt es Themengebiete, die du bisher auf TikTok noch nicht angesprochen hast, aber gerne dort vorstellen würdest? Wenn ja, welche?

Ich habe zum Thema Inklusion, Ableismus, oder generell zu Menschen mit Behinderung noch recht wenig auf meinem Kanal gemacht, obwohl das Thema historisch gesehen auch wahnsinnig interessant ist. Aber es ist eben nicht mein Themengebiet, weil ich keine Zugänge dazu habe. Ich glaube, das ist etwas, was ich auf jeden Fall noch mehr können müsste und wollen würde. Grundsätzlich gibt es aber nicht so ein Themengebiet. Es gibt Themen, da kenne ich mich einfach nicht so aus. Da bekomme ich ständig Anfragen und ich muss da sagen, dass ich als Historikerin nicht alles wissen kann. Es gibt Themen, da habe ich das Gefühl, ich bringe niemanden weiter, wenn ich dazu Videos mache. Ich bekomme zum Beispiel sehr häufig Nachrichten, ob ich mal was zu Palästina machen kann. Das ist nicht mein Thema und Schwerpunkt. Ich kenne mich da nicht gut aus und mir fällt es zugegebenermaßen sehr schwer, dazu eine Haltung zu entwickeln. Ich stehe da häufig zwischen den Stühlen und weiß nicht, was stimmt und was Propaganda ist. Da habe nicht das Gefühl, dass ich darüber mit einem oder zwei Videos irgendwie Leute richtig gut informieren könnte. Es gibt auch eine wahnsinnige Erwartungshaltung von beiden Seiten, der ich glaube, niemals gerecht werden könnte. Deswegen ist das ein Thema, so wichtig ich es auch finde, wo ich mich dagegen entschieden habe, etwas dazu zu machen. Das mag anders sein, aber da bin ich dann letztlich doch diejenige, die entscheiden muss: Mach ich das oder mache ich das nicht? Ich muss schon sagen, dass meine Geschichte schon selten Antike, Mittelalter und die Renaissance, etc. behandelt. Da ist neuere Geschichte eher mein Schwerpunkt. Antike und Mittelalter findet man auch auf anderen Accounts.

Was möchtest du langfristig mit deinem Kanal erreichen?

Ich glaube, was ich mit meinem Kanal erreichen möchte, habe ich in vielen Punkten schon erreicht: Ich möchte neue Themen auf die Agenda setzen. Ich möchte Geschichte aus neuen Perspektiven erzählen. Und ich möchte klarmachen, dass es geht, richtig ist und dass es Gründe gibt, das zu tun. Das ist nicht einfach: „Ich bin Feministin und deswegen erfinde ich jetzt feministische Geschichte“, sondern das ist ein elementarer Teil der Geschichte. Es ist wichtig zu wissen, wo wir herkommen und warum die Dinge jetzt so sind, wie sie sind und ob sie anders sein können, sollen und müssen. Deswegen glaube ich, dass ich vieles von den Dingen, die ich erreichen möchte, schon erreicht habe und bin super stolz darauf. Dass sich Menschen fragen: „Ist das wirklich so, dass Männer die ganze Welt erschaffen haben?“ Nein, es ist nicht so. Frauen haben viel geleistet und geschafft. Häufig wurden sie dafür auch noch unsichtbar gemacht oder ihres Eigentums beraubt, was eine doppelte Unverschämtheit ist. Ich glaube, das zu wissen, ist wichtig. Ansonsten möchte ich bei einer Community sein, in der grundsätzlich jede und jeder willkommen ist, aber in der man sich selbst kritisch hinterfragen muss. Das tue ich ja auch selber noch und das ist super wichtig. Ich glaube, wir müssen trotzdem noch Raum lassen für Entwicklung, für gemeinsames Wachsen, das auf Augenhöhe stattfindet. Dass wir gemeinsam eine Community bilden, in der Menschen Lust haben, sich weiterzubilden, Lust haben, zu diskutieren und sich auszutauschen. Ich versuche, auf der einen Seite ein, „safe space“ zu sein, aber auch ein Space zu sein, wo Menschen willkommen sind, die vielleicht aus verschiedenen Gründen noch nicht so weit sind und Lust haben, sich ohne jegliche Bevormundung weiterzubilden. Das schaffe ich vielleicht mal besser und mal nicht so gut. Aber das ist, was ich schaffen will.

Das Interview führten Melodie Personnaz und Sarah Klein. Die Interviews entstanden in medienpraktischen Übungen im Bachelor-Studiengang „Mehrsprachige Kommunikation“ an der TH Köln.

Screenshot: Leonie Schöler von @heeyleonie
Screenshot aus Zoom-Interview: Leonie Schöler

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