Mai 252016
 
Screenshot eines Beitrags des Podcast-Angebotes "Staatsbürgerkunde".

Screenshot eines Beitrags des Podcast-Angebotes “Staatsbürgerkunde”.

Ohne Ostalgie will Martin Fischer in seinem Podcast “Staatsbürgerkunde” alle drei Wochen mit seinen Gesprächspartnern zurückschauen auf die Lebensumstände im “anderen Deutschland”zwischen 1949 und 1990. Zu diesem Podcast wurde er von einem Kollegen angeregt, mit dem er in einem Gespräch auf die DDR-Vergangenheit seiner Familie, ihr Leben dort und die Ausreise 1989 zu sprechen kam.

Staatsbürgerkunde ist in der Kategorie Wissen und Bildung für den Grimme Online Award 2016 nominiert. Für viele, die nicht selbst dort gelebt haben, scheint die DDR bereits sehr weit weg zu sein, obwohl es sich um ein junges Kapitel der deutschen Geschichte handelt. Martin Fischer erzählt im Interview, warum das Medium Podcast ideal für sein Projekt ist.

Wie entstand das Projekt “Staatsbürgerkunde – Vom Leben in der DDR?

Screenshot: Auswahl einiger Archivthemen.

Screenshot: Auswahl einiger Archivthemen.

Ich bin in der DDR geboren und als ich zehn Jahre alt war, sind meine Eltern mit mir in den Westen ausgereist. Es war für viele Menschen, die wir seitdem kennengelernt haben, interessant zu hören wie das Leben dort war. Ich kannte es selbst hauptsächlich aus Erzählungen, weil ich damals noch sehr jung war. Und irgendwann habe ich mir überlegt, dass ich gerne dokumentieren würde, was wir als Familie erlebt haben und wie sich das Leben in der DDR gestaltet hat. Ich habe einfach meine Eltern gefragt, ob sie Lust haben darüber zu sprechen und so hat der Podcast 2012 angefangen. Die Intention ist, das Alltagsleben zu dokumentieren und zu zeigen welche verschiedenen Facetten das Leben in der DDR hatte. Da meine Eltern nicht alle Themen abdecken können, spreche ich mit vielen verschiedenen Gästen in unterschiedlichen Berufen und Lebenssituationen.

Wie sieht die tägliche Arbeit aus?

Screenshot: Der Staatsbürgerkunde-Podcast auf dem Smartphone.

Screenshot: Der Staatsbürgerkunde-Podcast auf dem Smartphone.

Ich mache das nicht hauptberuflich, also überlege ich in meiner Freizeit, welche Themen interessant sein könnten, was noch nicht besprochen wurde und mit wem ich darüber sprechen könnte. Ich lese mich dann zunächst in das Thema ein und recherchiere nach einem Gesprächspartner. Denjenigen schreibe ich dann an, stelle das Projekt vor, erzähle, wie ein Interview ablaufen würde und mache einen Termin mit der Person aus. Der Termin findet entweder per Skype statt oder direkt vor Ort. Letzteres ist mir natürlich am liebsten. Dann fahre ich mit meinem Equipment zu dem Interviewten und wir machen gemeinsam die Aufnahme. Im Nachhinein bearbeite ich die Audiodatei, schreibe den Blogeintrag und erstelle eine Linkliste. Und dann stelle ich es online.

Warum wurde genau diese Art der Gestaltung ausgewählt?

Ich glaube, dass im persönlichen Gespräch viel mehr Nuancen rüberkommen, die man im Text nicht abbilden könnte. Ich bin vor 12 Jahren auf das Medium Podcast aufmerksam geworden und habe festgestellt, wie anders man Inhalte wahrnehmen kann, sodass man durch das Hören des Gesprächs ein Bild vor Augen hat, wer da gerade spricht.

Aufnahme der Podcast-Folge 62 mit Gast Tom Siewert (links) und Martin Fischer. Foto: Staatsbürgerkunde

Aufnahme der Podcast-Folge 62 mit Gast Tom Siewert (links) und Martin Fischer. Foto: Staatsbürgerkunde

Ich finde es sehr wichtig, dass mein Gesprächspartner mit seiner eigenen Stimme erzählt, was er erlebt hat. Es ist schließlich ein subjektiver Eindruck der Person, der ja nicht stellvertretend für alle Personen der DDR stehen muss, weil es verschiedene Lebenswirklichkeiten gibt. Deshalb versuche ich auch, manche Themen erneut mit anderen Personen zu besprechen, damit man eben auch Unterschiede heraushören kann. Ich finde es wichtig, dass mein Gesprächspartner von sich selber erzählt und beim Reden Pausen macht, bei denen man merkt, dass er gerade überlegt oder ihn etwas gefreut und an schöne Erlebnisse erinnert hat. Das Medium Podcast ist da wirklich sehr schön für. Und die Hörer nehmen sich viel Zeit, um die Gespräche zu hören. Diese Zeit wird auch gebraucht, um die Details wahrzunehmen.

Was bedeutet die Nominierung für den Grimme Online Award für Sie?

Martin Fischer bei der Nominierung für den Grimme Online Award 2016. Foto: Grimme-Institut / Rainer Keuenhof

Martin Fischer bei der Nominierung für den Grimme Online Award 2016. Foto: Grimme-Institut / Rainer Keuenhof

Ich finde das ganz toll. Da habe ich gar nicht mit gerechnet. Ich verfolge die Nominierungen und die Verleihung jedes Jahr und das Medium Podcast ist nicht immer dabei, deshalb freue ich mich, wenn der eine oder andere auf dieses Medium aufmerksam wird. Ich habe das Projekt nicht gestartet, um viel Aufmerksamkeit zu bekommen oder Werbung zu machen, sondern weil ich es selbst für wichtig halte, über das Thema zu berichten. Und wenn das Leute toll finden, ist das wirklich schön. Und ich freue mich sehr, dass mein Hobbyprojekt nominiert wurde. Es sind ja oftmals sehr große Produktionen nominiert.

Welche weiteren Pläne haben Sie für Ihr Projekt?

Je länger die DDR-Zeit nun zurückliegt, desto weniger Wissen haben die jungen Leute heute darüber. Das motiviert mich, mein Projekt weiterzuführen. Ich möchte gerne weiterhin mit verschiedenen Fachleuten aus verschiedenen Berufen und Milieus sprechen und zukünftig auch politische Themen aufgreifen – aber immer festgemacht an persönlichen Erlebnissen. Ich möchte nicht mit Historikern sprechen, sondern den persönlichen Blick beibehalten und weiter ausdehnen, damit ein großes Mosaik vom Leben in der DDR entsteht.

Autoren: Kang Ju, Anna Kiepe

Die Interviews mit den Nominierten und die Videos sind im Rahmen eines Medienpraxis-Seminars an der Universität zu Köln entstanden.

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