Jun 252018
 

Gastbeitrag von Christina-Bella Pagés

Mai Thi Nguyen-Kim jubelt im Publikum über ihren Preis für "maiLab". Foto: Georg Jorczyc/Grimme-Institut

Mai Thi Nguyen-Kim jubelt im Publikum über ihren Preis für “maiLab”. Foto: Georg Jorczyc/Grimme-Institut

“My heart is on fire, fire, fire…” sang Stefanie Heinzmann in ihrem Song “On Fire” zur Eröffnung des diesjährigen Grimme Online Award. Leidenschaftlich brennende Herzen – eine passende Beschreibung des Abends in der Kölner Flora. Denn: Überall war sie zu sehen, die Leidenschaft – für digitale Medien, großartige Ideen und für das Bestreben, das Bestmögliche im Netz hervorzubringen. Aus rund 1.000 Einreichungen und 28 Nominierten musste die Jury auch in diesem Jahr die acht besten Angebote in den Kategorien Information, Wissen und Bildung, Kultur und Unterhaltung sowie Spezial küren. Musste? Nun, dazu später mehr. Und das Publikum (im Netz) war aufgerufen, seinen Favoriten für den Publikumspreis zu wählen.


Aber der Reihe nach: Moderator Daniel Bröckerhoff begrüßte die Gäste zum #GOA18, so der Hashtag des Abends, der für ihn “eine Art Tapferkeitsmedaille für den Kampf um die Vernunft im Internet” darstellt. Für die Vernunft appellierte eingangs auch Frauke Gerlach, Grimme-Direktorin, in Bezug auf das neue EU-Urheberrecht. Die Reform des Urheberrechts wolle das Richtige, schieße jedoch weit über das Ziel hinaus und gefährde am Ende womöglich das freie Netz. Auch Nathanael Liminski, Staatssekretär für Medien und Chef der Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen, machte in seiner Begrüßung deutlich, dass unser Bewusstsein für die schönen Seiten des Internets nicht verloren gehen dürfen und appellierte an die Nominierten: “Sie sind Vorbilder und sie finden hier im Saal viele Mitstreiter und Unterstützer. Lassen Sie sich heute feiern – Sie haben es verdient!”

Insgesamt 28 “schöne Seiten des Internets” waren für den Grimme Online Award nominiert, los ging es in der Kategorie Wissen und Bildung: Nachrichtenmoderatorin Charlotte Maihoff überreichte den ersten Preis des Abends an Mai Thi Nguyen-Kim und Melanie Gath von “maiLab” und setzte sich in ihrer Laudation für Wissensangebote wie diese ein: “Denn je mehr man weiß, desto weniger wird man verascht. Das ist Goethe, glaube ich, vielleicht mal schnell googeln”. Doch Nguyen-Kim brennt nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für ihre verständliche Vermittlung. Auf ihrem YouTube-Kanal erklärt sie ausführlich und unterhaltsam wissenschaftliche Zusammenhänge. Das findet nicht nur die Jury klasse, sondern auch ihre wissenschaftlichen Kollegen!

“Wir machen unabhängigen Journalismus über Wissenschaft”, erklärte Tanja Krämer von den “RiffReportern” – die nächsten Preisträger auf der Bühne – und das würdigte die Jury mit einer weiteren Auszeichnung in der Kategorie Wissen und Bildung. Nicht nur der Inhalt überzeugte bei den “RiffReportern”, sondern auch das besondere Geschäftsmodell. Denn die “RiffReporter” sind als Genossenschaft organisiert, ein vielversprechenden Ansatz für die Finanzierung von Journalismus im Netz, wie die Jury findet.

Im Anschluss begrüßte auch in diesem Jahr die Oberbürgermeisterin der Stadt Köln, Henriette Reker, die Gäste. Sie könne schließlich den Freitagabend nicht besser verbringen als sich mit dem Guten im Netz zu beschäftigen, erklärte Sie dem Moderator im Bühnengespräch.

Weiter ging es mit der Kategorie Kultur und Unterhaltung. Der Schauspieler Wotan Wilke Möhring überreichte als Laudator den ersten Preis an Michael Sommer für  “Sommers Weltliteratur to go”. Die Frage, ob er denn wirklich jedes literarische Werk gelesen habe, bestätigte Sommer, das sei “seine Qualitätssicherung”. Die YouTube-Videos kämen gut bei den Usern an, freute er sich, manchmal auch ein wenig zu gut: “Da gibt es diese Selbstbedienungsmentalität. Kannst du mal eben das Buch bis morgen fertig machen?”, erzählte Sommer bei der Preisübergabe und erntete damit zahlreiche Lacher im Saal.


Einen weiteren Preis in dieser Kategorie gab es für das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg und ihrem Angebot “Bewegte Jahre – Auf den Spuren für der Visionäre”. Auf der Bühne berichtete Manuela van Rossem über die anfänglichen Schwierigkeiten, die aufgrund des fiktiven Charakters in ihrem Webspecial, entstanden. “Die museale Welt tickt da noch etwas anders,” so van Rossem, “es geht da um Deutungshoheiten und ein fiktiver Charakter hat da nicht so Platz.”


Nach einem musikalischen Einschub von Stefanie Heinzmann – “Mean Man” – und experimentell aussehenden, aber leckeren, “Cocktail Bags” für alle, dann die Überraschung: Zwei weitere Preise wurden in der Kategorie Kultur und Unterhaltung vergeben. Diesmal überreichte Laudatorin Idil Baydar einen Preis an den 37. Abschlussjahrgang der Henri-Nannen-Schule für “Ein deutsches Dorf”. Zwei Wochen hat sich die Gruppe in das Dorf Werpeloh im Emsland einquartiert und eine lesenswerte Kombination aus Scrollytelling und Videojournalismus  hervorgebracht, so die Jurybegründung. Um ihre Idee zu verwirklichen mussten zwei “Klassensprecher” in das Dorf vorgeschickt werden, um die Lage auszukundschaften, erzählte Benedikt Becker auf der Bühne. Doch die vorsichtigen Annäherungen konnten nicht verhindern, dass die Dorfbewohner das eine oder andere Mal überrascht waren: “Wir sind dort mit Drohnen übers Dorf geflogen. Die dachten, dass die Russen kommen”, erzählte Daniel Sippel und erntete Lachen und Applaus im Saal.

Der letzte Preis in dieser Kategorie ging an das WDR-Angebot “Mädelsabende”: ein Instagram-Profil, das nicht nur stark nach Frauenthemen klingt, sondern in dem auch geballte Frauenpower drinsteckt: “Man kann Mode mögen, man kann Beauty lieben, aber auch feministische Themen. Das passt bei uns alles zusammen”, so Farah Schäfer, eine der Presenterinnen. Das Profil richtet sich nach den echten Problemen ihrer Community und behandelt Themen, die jungen Frauen wichtig sind. Am Ende geht es um Gemeinschaftsgefühl: “Es hilft darüber zu reden, dann merkt man, dass man nicht alleine ist”, sagte Naina Kümmel, eine weitere Presenterin.

Wer bis hierhin mitgezählt hat, stellt fest, dass bereits sechs Preise vergeben wurden und es noch zwei weitere Kategorien gibt. Und kurz darauf bestätigte Moderator Daniel Bröckerhoff die Befürchtungen im Publikum: Eine Kategorie geht heute Abend leer aus. Das kann passieren und ist auch schon vorgekommen, passiert aber nicht oft. Die Jury beim Grimme Online Award darf viel und muss wenig: Sie darf bis zu acht Preise vergeben, muss das aber nicht. Genauso muss sie nicht alle Kategorien berücksichtigen, wenn sie die stärkeren Angebote in anderen Kategorien sieht. In diesem Jahr hat es die Kategorie Information getroffen. Der Jury-Vorsitzende Kai Heddergott erklärt das so: “Wir gucken die Angebote kategorielos an und machen dann das Ranking”. Nach einer langen Diskussion, bei der Angebote und Argumente gegeneinander abgewogen wurden, gab es tatsächlich keinen Preis in der Kategorie Information. Es war eine schwere Entscheidung, mit der die Jury nun leben müsse, so Heddergott, wodurch aber auch der unabhängige Charakter der Jury deutlich werde. Die Vorsitzende der Nominierungskommission Kübra Gümüsay bedauerte diese Entscheidung sehr, wie sie im Bühnengsepräch deutlich machte, sie hätte jeden aus der Kategorie Information einen Preis gegönnt. Im Saalpublikum ist es unruhig, viele schauen betreten.


Nach dem kurzen Schock kommen aber auch wieder hoffnungsvolle Gesichter: Wir sind bei der Kategorie Spezial angekommen. Laudator Jochen Schropp übergibt den Grimme Online Award an “Deutschland spricht” von Zeit Online. Das Team berichtete von anfänglichen Tiefpunkten. Dass es das Projekt aber letztendlich soweit geschafft habe, hänge mit dem Wagemut des Teams zusammen und damit, dass jeder bereit war, alles zu geben. Am 23.09. soll ganz Deutschland “sprechen”, weshalb sich das Team über jeden freut, der mitmachen möchte. Das Angebot geht in die Breite!


Der letzte Jury-Preis in der Kategorie Spezial wurde an den Aktivisten Raul Krauthausen für seine persönliche Leistung verliehen. Eine umfängliche gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung ist ihm ein Anliegen und er überspitzt gekonnt: “Auch nicht-behinderte Menschen bekommen ein Recht mit behinderten Menschen zusammen zu leben”, was das Saalpublikum mit nachdenklichem Schmunzeln quittiert. Und auf die Frage, ob er das Netz nicht manchmal wirklich satt habe: “Das Internet bietet vielfältige und tolle Möglichkeiten Menschen zu erreichen. Man unterliegt dabei nur der Gefahr, zu viel ins Netz zu senden und zu wenig zuzuhören”, so Krauthausen.


Den Publikumspreis überreichte schließlich Sängerin Stefanie Heinzmann, nachdem sie ihren Song “In the End” (wie passend!) gesungen hat. Als Publikumsliebling des Grimme Online Award 2018 erwies sich der YouTube-Kanal “maiLab” von Mai Thi Ngyuen-Kim und Melanie Gath, somit durften sich beide über den ersten und den letzten Preis am Abend freuen. Heinzmann lobte die humorvolle, kompetente Weise, wie “maiLab” wissenschaftliche Themen vermittle und dass dies unfassbar wertvoll für uns alle sei.

Eine überwältigte Ngyuen-Kim erzählte darauf hin, dass sie vor ihrem YouTube-Kanal alles andere als internetaffin war. Besonders die Kommentarspalte war für sie eine “No-go-Area”. Doch seit “maiLab” hat sie festgestellt, dass die Kommentarspalte nicht immer der dunkle Abgrund des Internets sein muss.

Den Abschluss des Abends bildete schließlich das Gruppenbild mit allen Gewinnerinnen und Gewinnern – nicht ganz: eine leidenschaftliche After-Show rundete die 18. Verleihung des Grimme Online Award ab.

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